Volkswirte über die Zukunft der Euro-Zone „Die EZB-Leitzinssenkung gibt dem Euro Auftrieb“

Mario Draghi. Foto: Getty Images

Mario Draghi. Foto: Getty Images

// //

Der EZB-Rat hat auf seiner Sitzung in Frankfurt alle drei Leitzinssätze um je zehn Basispunkte reduziert. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt nun bei 0,05 Prozent, der Einlagensatz bei minus 0,2 Prozent. Dieser Schritt kam überraschend: Nur sechs von 57 Ökonomen aus einer Bloomberg-Umfrage haben das im Vorfeld prognostiziert. Nun kommentieren Investment-Manager und Volkswirte die Entscheidung des EZB-Chefs Mario Draghi.

Die Leitzinssenkung sei schon längst überfällig gewesen, meint Luke Bartholomew, Investment Manager bei Aberdeen Asset Management. Draghi habe endlich die Erwartungen der Märkte erfüllt. Und die gestrige Zinssenkung dürfte nicht die letzte gewesen sein - trotz Draghis anderslautenden Versprechen.

„Jahrelang hat die EZB nur langsam reagiert und die Märkte dadurch oft enttäuscht. Aber angesichts düsterer und deutlich schlechter werdender Konjunkturindikatoren hat Draghi heute die Erwartungen der Märkte tatsächlich mehr als erfüllt. Frustrierend ist, dass es so lange gedauert hat und die Inflation erst auf einen so niedrigen Stand fallen musste. Aber Draghis Reaktion ist definitiv ein Fortschritt. Obwohl die heutige Ankündigung nicht einstimmig entschieden wurde, wird der Widerstand gegen Draghi innerhalb des Rates geringer, je mehr die europäische Erholung lahmt.

Ein Ankaufprogramm für durch Vermögenswerte gesicherte Wertpapiere (Asset Backed Securities, ABS) und Pfandbriefe (Covered Bonds) könnte zwar große Auswirkungen haben. Aber niemand weiß wirklich, ob ausreichend Papiere auf dem Markt verfügbar sind, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Diese Maßnahmen entsprechen einer abgespeckten Variante des ‚Quantitative Easing‘, und Draghi lässt sich die Tür für weitere Schritte offen. Sein Versprechen, dass die gestrige Zinssenkung die letzte sei, wird unterlaufen durch die Tatsache, dass er das gleiche Versprechen nach der letzten Zinssenkung gemacht hat. Aber er muss diese Aussage treffen, um Banken von seinem langfristigen Finanzierungsprogramm zu überzeugen. Natürlich ist ein schwächerer Euro sein eigentliches Ziel. Aber gemäß der chiffrierten Sprache der Zentralbanken kann er dies nicht explizit aussprechen.“

„Die Jagd auf Rendite am Anleihenmarkt wird anhalten“

Ähnlich sieht das Martin Harvey, Anleihen-Portfoliomanager bei Threadneedle Investments:

„Die EZB hat die Erwartungen des Marktes in diesem Monat erneut übertroffen. Denn sie hat zum einen deutlich gemacht, dass sie an ihrem Inflationsziel festhält. Zum anderen hat sie hervorgehoben, dass die Marktteilnehmer nach so vielen Monaten mit niedrigen Inflationsraten die Hoffnung verlieren könnten.

Dass die Inflationserwartungen kürzlich gefallen sind, hat die EZB heute zu einer Zinssenkung und einem starken Bekenntnis zu ABS-Käufen bewogen. Im Zusammenspiel mit dem TLTRO-Programm könnten diese Maßnahmen die Bilanz der EZB um bis zu eine Billion Euro aufblähen.

Ein so großes Programm zum Aufkauf von Vermögenswerten wirft gewiss Fragen hinsichtlich der damit verbundenen technischen Schwierigkeiten auf. Dies erklärt, weshalb die EZB den Umfang des Programms nicht genauer beziffert. Nichtsdestotrotz sollte ihr allgemeines Bekenntnis genügen, um das Vertrauen des Marktes in sie und ihre Fähigkeit, ihrem Mandat gerecht zu werden, zu stärken.

Das ABS-Programm wird eine Phase der ultralockeren Geldpolitik einläuten, wenn auch ohne die dabei üblicheren Staatsanleihenkäufe. Solche politischen Mittel sind immer mit organisatorischen Hürden verbunden. Dennoch behält die EZB sie für den Fall, dass die Konjunktur sich weiter verschlechtern sollte, in der Hinterhand. Vorerst sollte diese Form der Geldpolitik risikoreicheren Vermögenswerten weiteren Auftrieb geben. Zudem dürfte sie dafür sorgen, dass die Jagd auf Rendite am Anleihenmarkt anhält – wenigstens so lange, bis sich zeigt, wie schnell die Bilanzverlängerung der EZB von statten geht.“