Wachstumsmotoren Welche Grenzmärkte sollten Investoren im Visier haben?

Die Wirtschaft boomt: China hat es bereits über den Stellenwert des Grenzmarktes hinaus geschafft. Foto: Getty Images

Die Wirtschaft boomt: China hat es bereits über den Stellenwert des Grenzmarktes hinaus geschafft. Foto: Getty Images

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Anlagen auf Grenzmärkten können mit höherer Volatilität einhergehen als Anlagen auf besser etablierten Märkten. Mein Team und ich erkennen darin jedoch aufregendes Potenzial. Manche Länder, die gestern noch unbedeutende Agrarwirtschaften waren, sind heute Weltmächte. Das eindrucksvollste Beispiel dafür ist China. China ist inzwischen je nach Lesart der Zahlen die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Die Veränderungen, die ich persönlich dort miterlebt habe, sind unglaublich. Das gab mir zu denken: Länder, die noch vor wenigen Jahren als weitgehend tabu und riskant für Anleger und Touristen galten, sind heute als interessante potenzielle Anlage- und Reiseziele im Gespräch.

Hier ein paar aktuelle Beispiele für Länder, die von der internationalen Gemeinschaft früher allgemein gemieden oder gering geschätzt wurden, sich jedoch gewaltig verändert haben. Dazu gehören verschiedene Schwellen- und Grenzmärkte, die uns derzeit sehr interessieren, und Länder, in die wir noch nicht investieren, die sich aber für Anleger öffnen.

China: Über Embargo hinweg zum zweitgrößten US-Handelspartner

1950 betrug das Volumen des Handels zwischen den USA und China rund 200 Millionen US-Dollar im Jahr. Dann wurde gegen China ein Embargo verhängt, das 21 Jahre Bestand hatte – bis 1971. Heute beläuft sich der Handel zwischen China und den USA auf über 500 Milliarden US-Dollar. Damit ist China zweitgrößter US-Handelspartner. China hat in den letzten 30 Jahren einen enormen Wachstumsspurt hingelegt und seine Wirtschaft umgebaut. Investoren, die sich für Schwellenländer interessieren, kommen an China als Anlageziel nicht vorbei.

Das Land ist und bleibt ein globaler Wachstumsmotor. Selbst wenn sich Marktbeobachter an die „neue Normalität“ etwas geringerer Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gewöhnen müssen, finden wir die für 2014 von China gemeldeten 7,4 Prozent sowie die für 2015 anvisierten rund 7 Prozent, die Chinas Premierminister Li Keqiang auf dem Nationalen Volkskongress Anfang März vorgab, angesichts der Größe der chinesischen Wirtschaft nach wie vor imposant und unbedenklich.

Japan spielt weltwirtschaftlich immer noch eine wichtige Rolle

Japan, im Zweiten Weltkrieg noch Gegner des Westens, ist ein Beispiel für einen Markt, der sich rasch vom Grenz- über einen Schwellenmarkt zum Industrieland entwickelt hat und heute als einer der engsten Verbündeten der USA und Europas gilt. Eine der größten Nachkriegsleistungen ist die gute Dokumentation des Aufstiegs der japanischen Wirtschaftskraft. Seine hochwertigen High-Tech-Produkte haben sich in jeden Winkel der Erde verbreitet.

Seit ihren Boom-Zeiten in den 1980er-Jahren mag die japanische Wirtschaft stagnieren, doch sie spielt weltwirtschaftlich immer noch eine wichtige Rolle. Die japanische Regierung fördert gezielt Konsum und Wachstum durch einen ehrgeizigen, dreigleisigen fiskal- und geldpolitischen Ansatz. Unserer Ansicht nach sollte das quantitative Lockerungsprogramm, das die Bank of Japan 2013 einleitete und bis heute fortführt, weltweit die Liquidität steigern und auf die Schwellenmärkte der Region durchschlagen.

Die Wirtschaft Südafrikas schöpft Potenzial noch nicht aus

Die Apartheid, ein System der legalisierten Diskriminierung aus den 1950er-Jahren, warf in den Augen der internationalen Gemeinschaft viele Jahre lang einen Schatten auf Südafrika. Neben Sanktionen der Vereinten Nationen verabschiedete der US-Kongress 1986 das umfassende Anti-Apartheid-Gesetz, das zum Rückzug vieler multinationaler Großkonzerne aus Südafrika führte. Das Ende der Apartheid in Südafrika eröffnete 1994 wieder mehr Möglichkeiten zur Kapitalanlage in diesem Land. Seither hat die Wirtschaft jedoch aus verschiedenen Gründen Probleme, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.

Südafrikanische Aktien starteten robust ins Jahr 2015, unterstützt durch den jüngsten Rückgang der Ölpreise. Insbesondere Einzelhandelsunternehmen (allen voran aus den Sparten Bekleidung und Nahrungsmittel) profitieren offenbar vom potenziellen Impuls der niedrigeren Brennstoffpreise auf die heimische Wirtschaft. Südafrika kämpft mit einer Stromkrise, die das BIP-Wachstum im laufenden Jahr bremsen könnte. Dennoch  sind wir nach wie vor der Ansicht, dass viele südafrikanische Märkte und Sektoren attraktive langfristige Anlagechancen bieten.

Hohe Nachfrage lässt Immobiliensektor weiterhin anziehen

Unternehmen, die Waren und Dienstleistungen für einkommensschwache Verbraucher anbieten, profitieren enorm vom Fokus der Regierung, den Wohlstand auf umfangreiche soziale Förderprojekte umzuverteilen. Das dürfte sich unseres Erachtens vorerst nicht ändern. Desgleichen kam die Schwäche des südafrikanischen Rand gegenüber dem US-Dollar und anderen wichtigen Währungen vielen südafrikanischen Unternehmen zugute, die einen erheblichen Anteil ihrer Erträge aus Niederlassungen und Beteiligungen auf anderen Märkten erzielen.

Der Immobiliensektor zeigt sich stabil. Die Preise ziehen seit mehreren Jahren an, getrieben von einer Nachfrage, die deutlich höher ist als das Angebot – vor allem auf dem Einstiegsniveau. Diesbezüglich spielt der Finanzsektor eine entscheidende Rolle. Die Banken fahren einen eher konservativen Kurs bei der Vergabe von Krediten, ob sie durch Aktiva besichert sind oder nicht. Darüber hinaus investieren etliche südafrikanische Unternehmen in anderen afrikanischen Ländern in eine Vielzahl von Branchen wie Infrastruktur, Einzelhandel, Finanzdienstleistungen und Telekommunikation.

Hier ein paar Beispiele für Grenzmärkte, die unpopulär waren, sich jedoch wandeln und für mehr ausländische Investitionen öffnen. Dies sind nur ein paar der Märkte, in die wir investieren oder die wir auf mögliche künftige Chancen hin abklopfen.

Vietnam: Bauboom und Motorisierung beschleunigen langsamen Aufstieg

Seit dem Ende des Krieges, der in den USA „Vietnamkrieg“ und in Vietnam „amerikanischer Krieg“ heißt, hat sich das Land stark verändert. Vietnams Aufstieg verlief nicht so dynamisch oder rasant wie Japans nach dem Zweiten Weltkrieg, doch es ist ein Bauboom im Gang. 2010 bekam Vietnam seinen ersten Wolkenkratzer, den markanten Bitexco Financial Tower, das Wahrzeichen von Ho-Chi-Minh-Stadt.

Derzeit wird in der Stadt an einem noch größeren Gebäude gearbeitet, dass rund 350 Meter hoch werden und ein Luxushotel, Apartments, Geschäfte und das angeblich höchstgelegene Restaurant mit Bar in Südostasien beherbergen soll. Franklin Templeton hat ein Büro in Ho-Chi-Minh-Stadt. Es ist aufregend, bei Besuchen in der Stadt die Veränderungen zu beobachten, die sich dort und im ganzen Land vollziehen.

Die vietnamesische Mittelschicht wächst. Außerdem steigen die Menschen dort zunehmend vom Fahrrad auf Motorräder, Motorroller und Autos um. Zur Verkehrsberuhigung auf den geschäftigen Straßen der Stadt wird Vietnams erstes U-Bahn-Netz gebaut – mit der Hilfe ausländischer Investitionen aus Japan, Frankreich und China.