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Aktualisiert am 08.09.2017 - 12:55 Uhrin MärkteLesedauer: 3 Minuten

Wachtendorf-Kolumne Bill Gross und die Liquidität oder die Frage aller Fragen

DER-FONDS-Chefredakteur Egon Wachtendorf
DER-FONDS-Chefredakteur Egon Wachtendorf

5. Oktober 2008: Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise treten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gemeinsam vor die Presse und verkünden den deutschen Bürgern, dass ihre Spareinlagen sicher sind. Ein Placebo ohne rechtliche Verbindlichkeit, wie sich schnell herausstellt. Doch das Volk lässt sich beruhigen. Der befürchtete Bankensturm bleibt aus, alles geht weiter seinen normalen Gang.

Ein wahrhaft dramatisches Ereignis. Gefühlt liegt es jedoch ähnlich weit zurück wie die Weltwirtschaftskrise 1929 oder die Herstatt-Pleite 1974 – was sich im aktuellen Verhalten vieler Anleger spiegelt: Wegen eines Zinsvorteils von 0,5 oder 0,8 Prozentpunkten überweisen sie sechsstellige Beträge auf Festgeldkonten, deren Einlagensicherung bei näherer Betrachtung jeder Beschreibung spottet. Sie beteiligen sich – fernab jeder Finanzaufsicht – auf Social-Trading-Plattformen wie Wikifolio per Zertifikat an den Handelsstrategien ihnen völlig fremder Personen. Und sie fluten Versicherungsgesellschaften und Investmentfonds-Anbieter mit immer frischem Geld, das diese bevorzugt dort anlegen, wo es in der Vergangenheit die höchsten Renditen abwarf.

Einer, der nicht müde wird, allzu sorglosen Anlegern die Gefahren ihres Tuns vor Augen zu führen, ist Bill Gross. In seinem jüngsten Investmentausblick warnt der einstige Bond-König vor einem Szenario, in dem es an den Börsen im Zuge einer weltweiten Krise plötzlich nur noch Verkäufer gibt. Wer soll all die Anleihen kaufen, die dann auf den Markt geworfen werden, wer all die Aktien von Apple, Nestlé und Novartis? Im Fall der Fälle könnten das nur die großen Kapitalsammelstellen selbst tun, schlussfolgert Gross und fordert deshalb die Aufsichtsbehörden auf, erstens diese sehr viel stärker zu regulieren als bisher und zweitens den Ausdruck „Sturm auf die Banken“ ganz neu zu definieren.

Es ist klar, dass führenden Vertretern der Investment-Branche wie Blackrock, Allianz oder Vanguard Überlegungen dieser Art und mögliche Konsequenzen daraus nicht gefallen. Gleichwohl müssen sie sich mit ihnen beschäftigen – genauso, wie das jeder private Anleger auch tun sollte. Dabei hilft es möglicherweise, sich in die Gedankenwelt eines anderen Börsen-Altmeisters zu versetzen. Der 1999 verstorbene André Kostolany pflegte sich vor einer Investition stets zu fragen, in wessen Besitz sich die gewünschten Papiere überwiegend befinden. Sind es hartgesottene Hände, die auch bei einer Flut von schlechten Nachrichten an ihnen festhalten? Oder sind es zittrige Hände, die sich eher von Emotionen als von harten Fakten leiten lassen?

Preisfrage: Wo sitzen derzeit mehr zittrige Hände – in einem ETF für Hochzinsanleihen oder in einem Goldminenfonds? Die Antwort ist keine Aufforderung, das eine komplett zu meiden und das andere unreflektiert zu kaufen. Aber eine Anregung, einmal ganz in Ruhe über die Verteilung des eigenen Vermögens nachzudenken und über die Risiken, denen es durch diese Verteilung ausgesetzt ist. Denn das nächste unerwartete und möglicherweise dramatische Ereignis kommt bestimmt.

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