Wachtendorf-Kolumne Die Dekade der Zeitenwenden – vielleicht

Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

Es dauerte nur wenige Stunden, dann war der Partner für die am vergangenen Freitag angebotene Index-Wette gefunden: Christian Kirchner, Frankfurt-Korrespondent von Capital, hat spontan eingeschlagen und darf mir nun Anfang Januar 2027 eine Kiste Champagner frei Haus schicken. Vorausgesetzt natürlich, ein 50/50-Mix der beiden derzeit volumenstärksten Mischfonds Carmignac Patrimoine und Nordea Stable Return liefert zwischen dem 1. Januar 2017 und dem 31. Dezember 2026 wie von mir erwartet eine bessere Performance als die von der FAZ als Wunder-Portfolio gepriesene Kombination der Indexfonds I-Shares MSCI World und I-Shares Euro Aggregate Bond.

Warum Kollege Kirchner, den ich aus gemeinsamen Tagen beim Holtzbrinck-Magazin New Investor schätze, an seine Chance glaubt, schildert er ausführlich in einem aktuellen Blog-Beitrag. In aller Kürze zusammengefasst: Die Kostenbelastung der aktiv gemanagten Mischfonds ist in seinen Augen mit jeweils mehr als 2 Prozent pro Jahr einfach zu hoch, um über einen so langen Zeitraum gegen das schlanke Index-Paket bestehen zu können. Da helfe es auch nichts, dass dessen aus europäischen Staatsanleihen zusammengesetzter Renten-Baustein angesichts der früher oder später bevorstehenden Zinserhöhungen bis Ende 2026 bestenfalls als Nullsummenspiel zu enden droht.

Tatsächlich ist die sich anbahnende Zeitenwende an den Rentenmärkten ein gewichtiger Grund, warum ich mir so sicher bin, die eingegangene Wette zu gewinnen. Ein aktiver Manager kann die Verluste, die dadurch bei langlaufenden Anleihen entstehen, abfedern oder sogar Profit aus diesem Szenario ziehen. Ein passiver ETF dagegen vollzieht jede Abwärtsbewegung des Marktes eins zu eins nach.

Doch es gibt noch einen weiteren Grund. Denn auch auf der Aktienseite könnte dem Index-Paket in den kommen Jahren der seit Jahrzehnten anhaltende Rückenwind abhandenkommen. Der MSCI World besteht zu knapp 60 Prozent aus US-Titeln. Dessen Erfolg steht und fällt also mit dem Wohl und Wehe der New Yorker Wall Street. Bislang eine fast noch sicherere Bank als eine Wette auf steigende Kurse an den Rentenmärkten, gewiss. Doch mit einem Shiller-KGV von knapp 25 sind US-Aktien gemessen am S&P-500 deutlich teurer als jene aus anderen Regionen. Durch den Trump-Effekt könnte sich die Schere 2017 zunächst noch weiter öffnen. Früher oder später wird sie sich aber wieder schließen – was für die weitere Entwicklung des S&P-500 wenig Gutes erwarten lässt.

Norbert Keimling von der Investmentboutique Starcapital gesteht dem US-Leitindex bis 2031 vor diesem Hintergrund lediglich eine durchschnittliche jährliche Rendite von 4,4 Prozent pro Jahr zu. Im Extremfall könnte es seinen Berechnungen zufolge auch deutlich weniger werden, während europäische Aktien oder Aktien aus Schwellenländern erheblich besser performen sollten. Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert Shiller – Namensgeber des Shiller-KGV – prognostiziert dem Wall-Street-Boom in einem aktuellen Interview auf Welt Online ebenfalls ein böses Ende.

Ob es so kommt und ob in einem solchen Szenario günstiger bewertete Aktienmärkte tatsächlich die von Keimling in Aussicht gestellten Renditen erzielen, ist reine Spekulation. Doch auch hier gilt: Aktive Fondsmanager können auf eine solche mögliche Zeitenwende zügig reagieren, ein passiver ETF nur mit langer Vorlaufzeit. Ich erinnere mich noch gut, dass der MSCI Welt Ende der 80er Jahre zu mehr als 40 Prozent aus japanischen Titeln bestand. Sonderlich gut bekommen ist ihm dies nach dem Platzen der Aktienblase in Tokio nicht.

In einem anderen Punkt wiederum pflichte ich Christian Kirchner bei: Über einen längeren Zeitraum die Märkte vernünftig zu timen ist enorm schwierig. Der Mix zweier aktiv verwalteter Mischfonds bietet deshalb nicht nur Chancen, er birgt auch – relativ betrachtet zur Index-Kombination – ein gehöriges Maß an Risiken. Aber ohne diesen Rest an Spannung und Wettkampf-Stimmung wäre eine Wette ja völlig ohne Reiz. Wer dabei jeweils vorn liegt, wird DER FONDS ab Januar 2017 regelmäßig dokumentieren und kommentieren.

Apropos 2017: Vielleicht fällt ja im kommenden Jahr auch der Startschuss für eine Zeitenwende ganz anderer Art und immer mehr Anleger erkennen, dass es für sie mit den bisher von ihnen bevorzugten Instrumenten – Sparbücher und Festgelder – in der nächsten Dekade nichts zu gewinnen gibt. Zu wünschen wäre es ihnen, wetten würde ich darauf allerdings nicht.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein frohes Fest und einen guten Start ins neue Jahr. Die nächste Ausgabe von DER FONDS erscheint am Freitag, den 6. Januar 2017.

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