Wachtendorf-Kolumne Robo-Advisor und Risiko: Recht so, Jeanne d’Arc!

Sieht versteckte Risiken bei Robo-Advisorn: DAS-INVESTMENT-Kolumnist Egon Wachtendorf | © Johannes Arlt

Sieht versteckte Risiken bei Robo-Advisorn: DAS-INVESTMENT-Kolumnist Egon Wachtendorf Foto: Johannes Arlt

„Mein Geld gehört mir!“ – Im Stile einer neuzeitlichen Jeanne d’Arc wütet seit Mitte Februar eine junge Frau in einem Werbespot der Quirin Privatbank gegen Geldberater jeglicher Couleur. „Ich brauche niemanden, der mir tolle Finanzprodukte verkauft, die er selbst nicht mal versteht“, giftet sie flaggeschwenkend, „und niemanden, der sich Senior Finance Advisor nennt, obwohl er jünger ist als mein kleiner Bruder.“

Die Spitzen sitzen, keine Frage. Doch ob es der ideale Zeitpunkt zum Start einer derartigen Kampagne ist? Beworben wird der hauseigene Robo-Advisor Quirion, der in Deutschland zu den Pionieren der digitalen Vermögensverwaltung gehört. Mehr als 20 dieser smarten Anlage-Roboter bieten mittlerweile hierzulande ihre Dienste an. Als Marktführer mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 600 Millionen Euro gilt das Münchner Unternehmen Scalable Capital, aber auch die Deutsche Bank und Union Investment versuchen in diesem Wachstumsmarkt mit eigenen Produkten einen Fuß in die Tür zu bekommen.

In den Zeiten, in denen die Kapitalmärkte fast wie an der Schnur gezogen im Gleichklang nach oben liefen, hatten die Verfechter der automatisierten Geldanlage nahezu alle Argumente auf ihrer Seite. Beratung? Wozu, wenn doch der Erfolg an den Börsen neben der mathematisch ausgeklügelten Aufteilung des Vermögens langfristig vor allem eine Kostenfrage ist. Und da macht den neuen Anbietern, die beinahe ausnahmslos auf günstige Indexprodukte setzen, so schnell niemand etwas vor. Fragebogen ausfüllen, auf Basis der ermittelten Risikobereitschaft einige sorgsam aufeinander abgestimmte Aktien- und Renten-ETFs kombinieren, fertig. Läuft.

Wie es wirklich läuft, muss sich in einem in den kommenden Jahren möglicherweise vollkommen veränderten Umfeld – steigende Zinsen, deutlich stärkere Marktschwankungen, zunehmend gleichgeschaltetes Anlegerverhalten – allerdings erst noch erweisen. Die jüngsten Turbulenzen an den Börsen bieten einen ersten Vorgeschmack darauf. Wegen des erhöhten Handelsaufkommens waren beispielsweise Ende Januar in den USA einige Robo-Advisor für ihre Kunden kurzfristig nicht erreichbar. Unabhängig von der Frage, ob ein Verkauf ausgerechnet in so einem Augenblick ratsam wäre: Wie viele auf sich allein gestellte Anleger schaffen es, eine längere Phase sinkender Kurse auszusitzen, ohne nicht doch irgendwann – erfahrungsgemäß in der Nähe des Tiefs – das Handtuch zu werfen? Ein ebenso einfühlsamer wie guter Berater an ihrer Seite könnte dies verhindern.

Das Problem, auf sich allein gestellt zu sein und dann möglicherweise die falschen Entscheidungen zu treffen, lässt sich durchaus lösen. Nicht von ungefähr bieten einige Robo-Advisor ihren Kunden mittlerweile Beratung an. Das kostet zwar extra und schmälert somit den Gebührenvorteil, aber es könnte sich lohnen. Wenn denn der fehlende Zuspruch in kritischen Marktphasen das Hauptproblem bei einem Robo-Advisor wäre.

Dieses liegt jedoch ganz woanders, nämlich in der Art und Weise des Investierens. Im Endeffekt bekommt jeder Robo-Advisor-Kunde exakt das, was er laut Quirion-Werbung auf gar keinen Fall möchte: ein schwer zu durchschauendes Finanzprodukt, das im Zweifel weder er noch die ihn betreuende Maschine beziehungsweise ihr Programmierer im Detail überblickt. Denn die aus Datenreihen der Vergangenheit abgeleiteten Algorithmen, mit denen Robo-Advisor arbeiten, sagen über den tatsächlichen Wert einer gehaltenen Anlage kaum etwas aus. Und damit auch wenig über die mit ihr verbundenen Gefahren.

„Ich will niemanden, der mir Risiken verschweigt, die er selbst nie eingehen würde!“ – Recht so, Jeanne d’Arc. Wer allerdings ausgerechnet mit diesem Argument einem Robo-Advisor sein Geld anvertraut, offenbart lediglich, dass er noch eine Menge Beratungsbedarf hat.