Wenn wir alle 100 werden Spielverderber Inflation: Altersvorsorge muss bald für 40 Jahre reichen

Hubert Thaler, Vorstand der TOP Vermögen

Hubert Thaler, Vorstand der TOP Vermögen

Wie soll das Geld im Alter reichen, wenn wir alle 100 werden, aber mit 65 in den Ruhestand gehen? Das Anlageverhalten muss mit der medizinischen Entwicklung Schritt halten. Jedes vierte Mädchen, das heute in Deutschland geboren wird, feiert 2117 seinen hundertsten Geburtstag, sagt die Statistik. Bereits heute sind die über 100-jährigen die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe. Und das gilt für den heutigen Stand der Medizin. Einige Utopisten im Silicon Valley investieren sogar hohe Beträge, um den Tod ganz zu besiegen.

Sicher ist: Die Rente reicht kaum für das ewige Leben. Das Investitionsverhalten muss sich der steigenden Lebenserwartung anpassen. Dabei geht es nicht nur darum, ob das ersparte Geld im Alter ausreicht. Die Frage ist auch, welche Sektoren heute und künftig von der Entwicklung profitieren werden, welche politischen Rahmenbedingungen in Demokratien gesetzt werden sowie wie hoch Zins und Inflation sein werden.

Das alles macht sinnvolles Investieren nicht einfacher. Vorbereiten kann man sich dennoch: Wer heute mit Mitte sechzig in den Ruhestand geht, sollte kalkulieren, welcher Lebensstandard mit den erworbenen Rentenansprüchen plus den Erträgen aus dem Ersparten monatlich zu finanzieren ist. Wenn sich hier schon Lücken ergeben, müssen unter Umständen Teile des Vermögens aufgezehrt werden, etwa indem Immobilien verkauft werden.

Die demografische Entwicklung eröffnet eine ganze Reihe von ungelösten Fragen: Reicht das Ersparte statt 30 plötzlich auch für 40 Jahre? Muss man bei der Geldanlage mehr Risiko eingehen, um den Lebensstandard halten zu können? Mit welchen Renditen sollte man kalkulieren? Ist das jetzige Zinsniveau das neue Normal?

Die Antworten hängen sicherlich stark von der persönlichen Vermögenssituation ab. Doch einige Tendenzen lassen sich schon heute erkennen. Es spricht vieles dafür, dass sich Sparangebot und Kreditnachfrage in den entwickelten Volkswirtschaften substantiell verschoben haben. So gibt es in Deutschland schon heute mehr ältere Menschen, die Teile ihrer Altersvorsorge anlegen als junge Menschen, die zum Beispiel einen Immobilienkredit aufnehmen. Damit ist das Geldangebot höher als die Nachfrage und die Zinsen fallen. Der demographische Wandel schlägt also auch hier durch.

Als Spielverderber könnte sich die Inflation erweisen. Seit Jahren steuert der Gesundheitssektor einen sehr hohen Anteil zur Inflationsentwicklung bei. Die verlängerte Lebenserwartung hat also ihren Preis. Einige Volkswirte befürchten zudem, dass mit dem Renteneintritt der Baby Boomer-Generation ein echter Inflationsschock ins Haus steht. Wenn deutlich weniger Personen produktiv tätig sind, dafür aber die neue Rentengeneration nicht aufhört zu konsumieren, lässt sich das nur mit steigenden Preisen ausgleichen.

Belastungen stehen auch für die Sozialkassen ins Haus. Wenn der durchschnittliche Mensch in Zukunft mit 25 Jahren das Arbeiten beginnt, mit 75 in Rente geht und 100 Jahre alt wird, profitiert diese Person die Hälfte ihres Lebens vom Sozialapparat und der Infrastruktur in Deutschland ohne mit Steuern dazu etwas beizutragen.

Ohne technologischen Fortschritt sind die Sozialsysteme, speziell in Deutschland, nicht zukunftsfähig. Als Investor zeigen sich hier viele Investitionschancen, etwa in Unternehmen, die die Automatisierung vorantreiben. Softwaresysteme mit künstlicher Intelligenz, Roboterhersteller, die digitale Fabrik mit dem Internet of Things sind angesichts des demographischen Wandels für Unternehmen, die keine Facharbeiter mehr finden, mögliche Wachstumsoptionen.

Investoren, die konsequent diese demographische Verschiebung beim Anlageverhalten berücksichtigen, sollten folgende Konsequenzen für das Anlageverhalten berücksichtigen. Der Realzins wird wohl niedrig bleiben, die Inflation muss aber keineswegs tot sein. Dienstleistungen im Gesundheitssektor, Vermögensverwaltung im Finanzsektor, aber auch ausgewählte Konsumunternehmen werden in Zukunft wohl stärker nachgefragt werden. Die Automatisierung bestimmter Tätigkeiten sollte angesichts des absehbaren Fachkräftemangels als Chance verstanden werden. Für Unternehmen, die ein starkes Mengenwachstum benötigen, wie zum Beispiel Nahrungsmittelanbieter wie Nestle oder Unilever, bleibt wohl nur die Opportunität, noch stärker in Schwellenländern aktiv zu werden.