Wirtschaftsausblick Fidelity China bleibt Unsicherheitsfaktor für die Weltwirtschaft

Anna Stupnytska, Volkswirtin bei Fidelity International

Anna Stupnytska, Volkswirtin bei Fidelity International

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„Die Weltwirtschaft ist zuletzt stärker gewachsen, dieser Trend dürfte sich für den Rest des Jahres fortsetzen. Die kräftig gefallenen Rohstoffpreise könnten dem Konsum weltweit Auftrieb geben. Auf der anderen Seite werden sie aber auch die Schere zwischen Rohstoffexporteuren und -importeuren weiter aufgehen lassen. Vorerst werden die Industrieländer nach meiner Einschätzung der wichtigste Motor des Weltwirtschaftswachstums bleiben.

Insgesamt wird das Wachstum jedoch eher moderat ausfallen. Verantwortlich dafür ist unter anderem die geringe Inflation. Da die Teuerungsrate wohl frühestens Ende des Jahres spürbar anziehen wird, werden die Notenbanken vorerst an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten. Unsicherheit geht von China aus: Unzureichende bzw. unangemessene Stimulusmaßnahmen könnten die Talfahrt beschleunigen und dem Welthandel einen weiteren Schlag versetzen. Das wiederum dürfte die Nervosität an den Finanzmärkten anfachen.

USA: Starker Dienstleistungssektor und Aktivitäten am Wohnungsmarkt stützen Wachstum

Bis zum Jahresende dürfte sich das Wachstum in den USA leicht beschleunigen. Die Lage am Arbeitsmarkt bessert sich stetig, wenn auch etwas langsamer. Auch der starke Dienstleistungssektor und die erhöhte Aktivität am Wohnungsmarkt stützen das Wachstum. Ebenso sollte der Konsum wieder Fahrt aufnehmen. Negativ schlägt der anhaltende Gegenwind in Form des starken US-Dollars und der schwachen Auslandsnachfrage zu Buche. Der neue Tiefstand bei den Ölpreisen wird die Energiebranche belasten.

Nach wie vor ist in den kommenden Monaten nicht mit einer wesentlichen Lohn- und Preisinflation zu rechnen. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Fed die Zinsen erhöhen wird, bevor Lohnwachstum und Inflation stärker ins Plus gedreht haben. Damit könnte das Inflationsziel in weitere Ferne rücken. Eine sofortige Zinserhöhung machen die aktuellen Rahmenbedingungen meines Erachtens nicht zwingend erforderlich. Deshalb halte ich eine Zinsstraffung im Dezember weiterhin für das wahrscheinlichste Szenario.

Eurozone: Aufwärtsdruck auf die Inflation dürfte nachlassen

Die Eurozone bleibt insgesamt auf Erholungskurs, wobei sich die Wirtschaft in den Peripherieländern schneller erholt als in den Kernländern. Mit einer zwischenzeitlichen Lösung der Griechenlandkrise vor Augen sollte sich das Wachstum für den Rest des Jahres moderat beleben. Allerdings verlieren einige Faktoren, die die Erholung begünstigt haben, nun allmählich an Zugkraft. Darunter der Euro, der ausgehend von seinem Tief im April in den vergangenen Monaten um rund fünf Prozent aufgewertet hat. Zusammen mit der unverändert schwachen Auslandsnachfrage könnte das der Erholung im Export in den nächsten Wochen das Wasser abgraben. Der mit dem schwächeren Euro verbundene Aufwärtsdruck auf die Teuerungsrate wird wohl langsam nachlassen.

Sollten sich die niedrigen Rohstoffpreise durchsetzen, wird dies die Inflation länger im Zaum halten. Ein Rückfall in die Deflation ist damit nicht ausgeschlossen. Konkrete Anzeichen einer Abkühlung gibt es bisher nicht. Doch ohne zusätzliche Unterstützung seitens der Politik könnte der Erholung Anfang 2016 die Luft ausgehen. Meines Erachtens wird die Europäische Zentralbank EZB deshalb ohne Wenn und Aber an ihrer quantitativen Lockerung festhalten – zumindest bis September 2016. Möglicherweise wird sie ihre Unterstützung für die Märkte sogar verstärken bzw. über diesen Zeitpunkt hinaus fortsetzen müssen, vor allem weil die Risiken ausgehend von Griechenland nächstes Jahr wohl wieder an die Oberfläche drängen werden.