„Wirtschaftspolitik muss letztlich für die Menschen nachvollziehbar sein“

Nobelpreisträger Amartya Sen, Quelle: Getty Images

Nobelpreisträger Amartya Sen, Quelle: Getty Images

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Professor Sen ist enttäuscht von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Gegenüber dem „Handelsblatt“ beschreibt er, wie die Eurokrise die Grundfeste der Demokratie aushebelt. Den Vorgang hält er für eine Folge der europäischen Währungsunion ohne politische Integration.

Mittlerweile hätten die Stimmen der Bürger weniger Wert als die Ansichten der Banker, Rating-Agenturen und Finanzinstitutionen. „Die Wirtschaftspolitik ist abgekoppelt von der politischen Basis“, so Sen. Das widerspräche einem demokratischen, vereinigten Europa.

Der indische Nobelpreisträger sieht einen großen Fehler im beschleunigten Abbau der Staatsschulden. Dass Staaten ihre Schulden verringern müssen, sei unbestritten. Doch sollte der Abbau in Phasen von Wirtschaftswachstum geschehen.

Statt zu sparen, sollten die Staaten die Wirtschaft ankurbeln. Denn der erzwungene Sparkurs bedrohe die Funktion des Staates. Sen: „Eine seiner [des Staates] wichtigen Aufgaben ist es, die Schwachen in der Gesellschaft zu schützen und für soziale Sicherheit zu sorgen. Wichtig ist auch, dass der Staat die Marktwirtschaft reguliert.“

„Viele moderne Ökonomen dagegen nehmen ihre simplen Modelle zu ernst.“

Laut Sen ist eine Regulierung der Wirtschaft nötig, weil der Markt eben nicht perfekt sei. Zu viele Wirtschaftsmodelle gingen aber von einem perfekten Markt aus.

Selbst Adam Smith hätte nicht ausschließlich beschrieben, wie freie Wirtschaft perfekt arbeite, meint der Nobelpreisträger: „Er hat auch darauf hingewiesen, warum wir einen Staat und gut durchdachte Regulierung brauchen.“ Smith hätte sich auch viel mit den Problemen der Armut und Umverteilung beschäftigt. Viele neuere Wirtschaftstheorien hält Sen dagegen für zu simpel.