Wirtschaftspsychologie-Professor über Risikobereitschaft „Religion spielt im Umgang mit Geld eine große Rolle“

Erich Kirchler, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Wien

Erich Kirchler, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Wien

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DAS INVESTMENT.com: Wie hat sich das Thema Risiko in Finanzberatungs-Gesprächen in den vergangenen Jahren verändert?

Erich Kirchler: Das Risiko an sich hat sich nicht verändert - wir sind nur nach der Finanzkrise – zumindest für einige Zeit - wachsamer geworden. Mittlerweile sind die Menschen aber wieder bereit, Risiken in ihren Finanzangelegenheiten einzugehen. Was das wahrgenommene Risiko für den Anleger reduziert wäre unter anderem das Wissen, wie ein Finanzprodukt funktioniert und in welchen Szenarien er Geld gewinnen oder verlieren würde. Allerdings sind viele Finanzprodukte so komplex, dass selbst die Verkäufer sie nicht so ganz verstehen. 

Da das Risikobewusstsein der Anleger nach der Finanzkrise gestiegen ist, wäre es logisch, wenn die Produkte einfacher und das Wissen der Privatkunden größer werden würden. Ist das nun der Fall?

Kirchler: Nein, die Finanzprodukte sind nach wie vor komplex und das Finanzwissen der Bevölkerung ist nach wie vor sehr begrenzt. Die Menschen scheinen aus der Krise wenig nachhaltig gelernt zu haben: Hoffnung, Gier und Angst sind immer noch die größten Emotionen an den Finanzmärkten. 

Hat die allgemeine Risikobereitschaft eines Menschen etwas mit seiner Risikobereitschaft in Finanzfragen zu tun?

Kirchler: Nein. Wenn man die finanzielle Risikobereitschaft eines Menschen ermitteln will, muss man sie konkret messen. Denn sie hat wenig mit der allgemeinen Risikobereitschaft zu tun. Man kann also nicht sagen, dass zum Beispiel Extrembergsteiger in Finanzangelegenheiten mehr Risiken als der Durchschnitt der Bevölkerung eingehen würden.