Wisdom-Tree-Experte über Anlagen in Emerging Markets „Saftige Dividendenrenditen von 5 bis 6 Prozent“

Viktor Nossek, Research-Leiter von Wisdom Tree Europa

Viktor Nossek, Research-Leiter von Wisdom Tree Europa

ARTIKEL-INHALT 

DAS INVESTMENT.com: Aus Expertenkreisen vernimmt man die These, dass viele Schwellenländermärkte heute stabilere Märkte vorweisen als die USA und Europa: Diese stagnierten wirtschaftlich und würden von politischen Zwistigkeiten zerfressen. Schwellenland-Anlagen seien mittlerweile sicherer. Würden Sie anschließen?

Viktor Nossek: Dieser Meinung bin ich nicht. Vor allem weil die politische Stabilität in den USA gegeben ist und auch weil Europa nicht zusammenbricht. Nehmen Sie das Referendum der Schotten als Beispiel, das vor ein paar Jahren zu erheblicher politischer Instabilität geführt hat. Nicht nur die Zukunft der Schotten, sondern ganz Großbritanniens stand auf dem Spiel. Das führte zu einer langen Episode politischer Unsicherheit. Aber an den Finanzmärkten hat sich diese Unsicherheit kaum ausgewirkt. Die Börsen zeigten kaum Schwäche, das Pfund hat nur leicht an Kraft eingebüsst. Die Märkte lagen auch richtig. Trotz dieser politischen Instabilität ist die Konjunktur nicht eingebrochen.

Ein weiteres Beispiel wäre Italien. In dem Land wurde in den letzten 20 Jahren die Regierung unzählige Male ausgetauscht. Trotzdem steht das Land noch verhältnismässig gut da. Italien wie auch Europa sind insgesamt schwach, weil die Wirtschaft immer noch unter der dauerhaften Austerität beziehungsweise einem Investitionsdefizit leidet und das Wachstum nur langsam anzieht.

Die Schwellenländer stehen besser da, weil das Timing für einen Einstieg jetzt besser ist. Die Währungen befinden sich auf einem Tiefpunkt, wovon die Exportwirtschaft profitiert. Die Währungen bieten Anlegern eine Deep Value Chance. Auch bei den Schwellenländer-Aktien handelt es sich nicht um eine Wachstumsgeschichte, sondern ein Investment in sehr niedrige Bewertungen. Der EM-Case hat mit den Bewertungen und nicht mit der politischen Stabilität zu tun. Wir sehen erste Indizien dafür, dass Unternehmen restrukturieren, sprich ihre Bilanzen sanieren.

Nennen Sie uns bitte 3 starke Argumente, warum Anleger in Emerging Markets statt in entwickelte Märkte investieren sollten.

Nossek: Das erste Argument sind die schwachen Währungen. Auch die Aktienmärkte sind relativ niedrig bewertet. Multinationale Großkonzerne, Rohstoffproduzenten, IT-Konzerne und teilweise Banken locken mit saftigen Dividendenrenditen von 5 bis 6 Prozent.

Die Anleihenmärkten sehen wir weniger positiv: Es besteht die Gefahr, dass sich eine Blase entwickelt. Die Anleihen-Renditen sind auf dem Niveau europäischer oder US-amerikanischer Bonds.  Ich bin mir nicht so sicher, ob dieses Niveau gerechtfertigt ist.

Viele große Unternehmen wie der brasilianische Rohstoffriese Vale haben ihre Bilanzen stark umstrukturiert. Der Konzern hat seine Schulden gesenkt, investiert weniger und hat vorübergehend Dividenden gestrichen. Durch diese Maßnahmen sollen in Zukunft Ausschüttungen finanziert werden. Andere platzieren neue Aktien, um Schulden abzubauen. Das Kreditrisiko nimmt tendenziell ab. Das ist gut für Anleihen, aber noch besser für Aktien.