Yves Longchamp von Ethenea „Zinsen können problemlos um mindestens 100 Basispunkte steigen”

Yves Longchamp, Research-Chef von Ethenea:  | © Ethenea

Yves Longchamp, Research-Chef von Ethenea: Foto: Ethenea

Derzeit befinden wir uns in einer Phase der geldpolitischen Normalisierung, in der die Zentralbanken ihre Anleihekäufe drosseln und sogar ihre Bilanzen schrumpfen. Diese Gelegenheit wollen wir nutzen, um die Geheimnisse der Zinskurve zu lüften. Was genau drückt die Kurve aus? Ist sie überhaupt sinnvoll? Sind die Zinsen angesichts der robusten Konjunktur zu niedrig? Oder sind sie mit Blick auf die Staatsverschuldung zu hoch? Fragen über Fragen.

Wenn wir von der Zinskurve sprechen, meinen wir die Kurve für Staatsanleihen. Wie die nachstehende Grafik verdeutlicht, zeigt diese Kurve die Zinssätze, die eine Regierung auf Schuldtitel unterschiedlicher Laufzeiten zahlt. Da die Zinskurve die risikofreien Zinssätze für unterschiedliche Laufzeiten abbildet, dient sie Anlegern als Grundpfeiler der Bewertung und Preisbildung von Vermögenswerten.

Die langfristige Zinskurve von US-Staatsanleihen

Nach der vorherrschenden Meinung liefert die Zinskurve Informationen zur erwarteten Entwicklung der kurzfristigen Zinsen (Geldpolitik) sowie zu einem recht obskuren Faktor, der sogenannten Liquiditätsprämie. Die Neigung der Kurve, die sich im Wesentlichen aus der Differenz zwischen den kurzfristigen und den langfristigen Zinssätzen ergibt, erhält durch die Erwartungstheorie eine besondere Bedeutung: Ist die Neigung wie im Fall der aktuellen Zinskurve positiv, sind also die langfristigen Zinsen höher als die kurzfristigen, rechnen die Anleger nach dieser Theorie mit Zinserhöhungen durch die Zentralbanken. Somit ist der Konjunkturausblick positiv.