Zeitspiel: Warum der Ölpreis steigt, während der Verbrauch sinkt

Ölförderung in Sibirien<br>(Foto: www.erdoel-erdgas.de)

Ölförderung in Sibirien
(Foto: www.erdoel-erdgas.de)

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Die „Front Queen“ ist ein Supertanker mit 2 Millionen Barrel Heizöl an Bord. Das sind mehr als 300 Millionen Liter, mit denen das Schiff vor der Küste Maltas ankert, 80 Kilometer vom Südufer Siziliens entfernt. Am 18. Mai wurde das Schiff in Shanghai getauft (Foto), das norwegische Tankerunternehmen Frontline Limited hatte es in Auftrag gegeben. Gechartert hat es jedoch nicht etwa BP, Total oder Shell sondern die US-Bank JP Morgan. 1,6 Millionen Dollar hat sie laut „Bloomberg“ gezahlt, damit der damals noch leere Kahn von Asien ins Mittelmeer schippert. Nun zahlt die Bank zwischen 35.000 und 41.000 Dollar pro Tag, damit das von ihr gekaufte Heizöl einfach nur auf dem Wasser schwimmt. Will sich JP Morgan gegen einen kalten Winter wappnen? Nein. Die Bank betreibt ein Geschäft mit der Zeit. Sie hat das Öl im Jetzt gekauft und gleichzeitig über ein Termingeschäft, einen Future, in der Zukunft für einen deutlich höheren Preis verkauft. 21 Millionen Dollar durch Abwarten Ein Beispiel: Am 29. Juni kostete eine Gallone (3,79 Liter) Heizöl 1,74 Dollar, wenn man sie sofort kaufte. Wer sie am selben Tag dagegen auf Termin im Dezember kaufte, zahlte 1,99 Dollar – für dasselbe Öl. Würde eine Bank nun am 29. Juni gleichzeitig 2 Millionen Barrel kaufen und für Dezember verkaufen, ergäbe das einen Gewinn von fast 21 Millionen Dollar. Transaktionskosten hier mal nicht eingerechnet.

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Für die Charter von längstens 184 Tagen (30. Dezember ist spätester Liefertermin) würden bei dem JP-Morgan-Vertrag maximal 7,5 Millionen Dollar fällig. Geldmachen durch Nichtsmachen – eine neue Form des Bankgeschäfts. Kein Wunder, dass sich die Charterraten für Rohöltanker seit ihrem Tiefststand Mitte April um 52 Prozent erholt haben (siehe Chart links). Denn die Anzahl der Schiffe ist begrenzt, schwimmende Öltanks sind begehrt. Wann kommt die Flut? Möglich macht solche Geschäfte überhaupt erst die Contango-Situation am Ölmarkt – langlaufende Verpflichtungen sind deutlich teurer als kurzlaufende. „Dies geschieht, wenn mehr Öl produziert wird, als der Markt auffangen kann, die Investoren gleichzeitig für die Zukunft aber durch die Bank auf steigende Ölpreise setzen“, erklärt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank in einem Interview mit dem „Handelsblatt“. Er schätzt, dass große Investoren in den vergangenen Monaten über 100 Millionen Barrel Öl gekauft haben. Das wäre die „Front Queen“ in 50-facher Ausfertigung. Allerdings müsse dieses Öl auch irgendwann wieder zurück auf den Markt, so Weinberg. Eine Flut, die den Preis einbrechen lassen werde. Nur wann, das sagt er nicht.