Verhaltenes Fazit nach den ersten 100 Tagen der neuen Bundesregierung im Amt: „Bei vielen Vorhaben sind Nachjustierungen und mehr Tempo notwendig“, schreibt der Verband Zentraler Immobilien Ausschuss (ZIA) in einem Statement. Konkret sieht Hauptgeschäftsführerin Aygül Özkan den dringendsten Handlungsbedarf in den Bereichen Bauen und Förderung.
Zwar will die Bundesregierung mit dem sogenannten Bau-Turbo den Wohnungsbau beschleunigen – unter anderem durch schnellere Genehmigungsverfahren. Allerdings sieht Özkan Hindernisse: „Mit den neugeschaffenen Zustimmungspflichten hängt der Erfolg und die Umsetzung vom Gestaltungswillen der Kommunen ab.“ So werde kein höheres Tempo beim Wohnungsbau erreicht. „Wir als Immobilienbranche hätten uns insgesamt mehr erwartet: Der Wohnungsbau muss endlich Priorität bekommen“, so die ZIA-Geschäftsführerin weiter.
Eine weitere Möglichkeit, den Wohnungsbau anzukurbeln, ist die Absenkung von Standards. Ein Gesetzentwurf zum einfachen Bauen nach dem Gebäudetyp-E liegt bereits vor, konnte aber aufgrund des vorzeitigen Aus der letzten Bundesregierung nicht mehr beschlossen werden. Bau- und Justizministerium müssten die dringend benötigte Rechtssicherheit herstellen, so Özkan: „Bauherren müssen hier auf Standards verzichten dürfen, die nicht sicherheitsrelevant und gesetzlich nicht vorgeschrieben sind. Ohne diese Rechtssicherheit bleibt der Fortschritt blockiert.“
KfW-Förderung: ZIA hält Überarbeitung für nötig
Handlungsbedarf sieht der Verband auch bei der KfW-Förderung: „Wir brauchen dringend Maßnahmen zur Reaktivierung des Wohnungsbaus durch Fristverlängerung und Wiedereinführung der KfW-55-Förderung.“ Der sogenannte Bauüberhang – also genehmigte, aber nicht gebaute Wohnungen – sei groß. Wenn man nun den Effizienzhaus-55-Standard (EH55) wieder förderfähig machen würde, könnten viele dieser Projekte endlich realisiert werden, meint die ZIA-Geschäftsführerin.
Wer bereits eine Förderzusage in der Tasche habe, sollte zumindest fünf Jahre Zeit zur Umsetzung des Projekts bekommen: „Das schafft Planungssicherheit – für Bauherren, Investoren und hilft Mieterinnen und Mietern.“ Zwar will das Bauministerium die Förderprogramme überarbeiten, das sei jedoch erst für Anfang 2027 geplant. Zu spät, kritisiert Özkan: „Das muss früher kommen, idealerweise schon im nächsten Jahr.“
Auch der Immobilienverband Deutschland (IVD), in dem sich Makler, Verwalter und Sachverständige zusammengeschlossen haben, zieht nach 100 Tagen eine kritische Zwischenbilanz: Zwar hätten Bundeskanzler Friedrich Merz und Bauministerin Verena Hubertz die Wohnungspolitik auf die Agenda gesetzt. Herausgekommen sei bislang aber nur die Verlängerung der Mietpreisbremse.
Die Bautätigkeit in Deutschland befinde sich weiterhin auf einem historisch niedrigen Niveau – weit entfernt von den jährlich benötigten 320.000 Wohnungen. Große Hoffnungen, dass Bundeskanzler Friedrich Merz den Wohnungsbau zur Chefsache macht, hätten sich bislang nicht erfüllt, so IVD-Präsident Dirk Wohltorf: „100 Tage sind genug, um die Richtung zu markieren. Anstatt der Ankurbelung des Wohnungsbaus dominieren Regulierungsideen.“ Der Markt brauche Planungssicherheit und das Signal, dass private Investitionen willkommen seien.
IVD: Aus dem Bau-Turbo darf kein Bau-Stotterer werden
Der geplante Bau-Turbo könne aus Sicht des IVD ein wirksamer Hebel für mehr Wohnraum sein – aber nur, wenn die Kommunen ihn aktiv nutzten: „Ob aus dem Bau-Turbo kein Bau-Stotterer wird, entscheidet sich vor Ort. Bürgermeister, Stadträte und Bauämter müssen den neuen planerischen Spielraum nutzen. Sonst bleibt das Gesetz ein Papiertiger“, meint Wohltorf.
Zu wenig habe die Politik beim Thema Bauen private Bauherren und Selbstnutzer im Blick, „die eine tragende Säule des Wohnungsbaus darstellen“. Private Akteure hätten im vergangenen Jahr mehr als 60 Prozent der genehmigten Neubauten ausgemacht. „Doch hohe Baukosten, komplexe Vorschriften und unsichere Förderbedingungen bremsen“, heißt es vom Verband, der sich ebenfalls für eine weitere Förderung des EH55-Standards ausspricht – zumindest befristet. „Wenn die Regierung es ernst meint mit mehr Wohneigentum, muss sie eine tragfähige Eigentumsförderung auf die Beine stellen. Gerade für Familien sind eigenkapitalersetzende Bürgschaften oft entscheidend, um es in die eigenen vier Wände zu schaffen“, so Wohltorf.
Auch bei der Förderung von Gebäudesanierungen beklagt der Verband Unsicherheit: „Eine Kürzung oder gar ein Stopp der BEG-Förderprogramme würde dringend nötige energetische Sanierungen ausbremsen und die Klimaziele in weite Ferne rücken.“ Aus dem Ressort von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gebe es bislang keine klare Strategie, wie Klimaziele, Wirtschaftlichkeit und soziale Verträglichkeit in Einklang gebracht werden könnten. Unklar sei zudem, wie die versprochene Ausrichtung der Vorgaben auf CO₂-Emissionen statt auf starre Quoten erneuerbarer Energien umgesetzt werden soll.
Wärmewende stockt: Bei energetischer Sanierung fehlt das Gesamtkonzept
„Die Wärmewende gelingt nur, wenn sie wirtschaftlich tragfähig, technologieoffen und zuverlässig planbar ist. Derzeit fehlen belastbare Ansätze und Zeitpläne – auch für die Umsetzung der Europäischen Gebäuderichtlinie (EPBD) bis Juni 2026“, kritisiert der IVD-Präsident. Dringlich sei zudem die Reform der Wärmelieferverordnung. Solange neue klimaneutrale Wärmesysteme nicht teurer sein dürften als bestehende fossile Heizungen, bleibe der Ausbau der Fernwärme blockiert – und damit die Dekarbonisierung. „Im Gebäudeenergiebereich fehlt weiterhin ein funktionierendes Gesamtkonzept. Jeder weitere Monat des Zögerns vergrößert den Sanierungsstau.“
Der IVD fordert die Politik auf, Reformen schnell umzusetzen: „Jetzt ist der Moment, den Rückenwind für Investitionen zu erzeugen – sonst bleibt der Wohnungsbau im Gegenwind stecken“, so IVD-Präsident Wohltorf.
Bestandsbauten als größter Hebel bei bezahlbarem Wohnraum
Auch Immobilienunternehmer machen Druck: „Die Bundesregierung verspricht Technologieoffenheit, Gebäudetyp E und Investitionsimpulse. Doch an der Umsetzung hapert es noch. Am Bau bleibt vieles beim Alten“, kritisiert Marco Mattes, Geschäftsführer der Mattes Unternehmensgruppe aus Bad Kreuznach, die Bestandsimmobilien aufkauft und saniert. „Die Aufsicht behandelt Bestandssanierungen wie Neubaurisiken. Ein Denkfehler mit enormen Folgen. Gerade der Bestand ist unser größter Hebel für bezahlbaren Wohnraum und wirksamen Klimaschutz“, so der Unternehmer.
Hendrik Richter, Geschäftsführer des Immobilienportals „Ohne Makler“, hält die Verlängerung der Mietpreisbremse für den falschen Weg: „Das verschärft den angespannten Mietmarkt nur weiter und macht Wohnen auch langfristig nicht günstiger. Dazu braucht es ein Ende der staatlichen Eingriffe in den Markt, Bürokratieabbau und weniger Regulierung.“ Die großzügigen Investitionsprogramme würden zwar Mut machen, jedoch komme es auf die Umsetzung an.
„Statt die Regulierungsschraube weiter anzuziehen, sollten wir auf partnerschaftliche Modelle setzen: Wer in bezahlbaren Wohnraum investiert, muss entlastet werden. Nur so entsteht ein Win-Win für alle Beteiligten“, fordert Tobias Bräunig, Geschäftsführer der Freundeskreis Gruppe.
Fokus auf Bauen in Großstädten legen
Ein stärkeres Engagement für kosteneffizientes Bauen in Deutschlands Großstädten hält auch Kerstin Kage, Vorständin von Ventis Immobilien für angebracht: „Bauen und investieren muss sich auch für diejenigen lohnen, die mit ihrer unternehmerischen Initiative hinter Projekten stehen.“ In die richtige Richtung gehen laut Kage die „gezielten Feinjustierungen des Gebäudeenergiegesetz“. Auch sei es begrüßenswert, dass an den zentralen Nachhaltigkeitszielen festgehalten werde.
Florian Bauer, Geschäftsführer der Bauer Immobilien Unternehmensgruppe, sieht die Politik auf dem richtigen Weg: „100 Tage Schwarz-Rot sorgen für leichtes Aufatmen am Markt. Gerade die Digitalisierungspflicht für Bebauungspläne und verkürzte Fristen in Bauleit- und Raumordnungsverfahren helfen beim Bauen neuer Wohnung.“ Jedoch: Echter Aufschwung werde erst durch steuerliche Anreize für Projektentwickler und Investoren möglich.
Die ersten 100 Tage der neuen Bundesregierung zeigen: Der Wohnungsbau bleibt ein zentrales Thema. Ob die Politik schnelle Lösungsansätze findet, ist fraglich. Ohne grundlegende Reformen dürfte sich der Wohnungsmangel jedoch weiter verschärfen.