Zeitreise in das Frühjahr 2000: Das Millennium hat an den Börsen bislang nicht für die erhoffte Aufbruchstimmung gesorgt. Stattdessen lecken viele Anleger sich noch die Wunden, die die geplatzte Dotcom-Blase hinterlassen hat. Der optimale Zeitpunkt für einen Umsturz der Investmentlandschaft sieht anders aus – und dennoch passierte am 11. April 2000 an der Deutschen Börse etwas, das die Geldanlage revolutionieren sollte.
Jan Altmann, einer der Wegbereiter dieser finanziellen Revolution, sitzt an diesem Tag –schätzungsweise erschöpft, aber euphorisch – vor seinem Computer. Nach einigen 14-Stunden-Arbeitstagen ist es so weit: Die ersten beiden Exchange Traded Funds (ETFs) in Europa starteten den Handel auf Xetra.
„Mein damaliger Chef meinte: Das ist nicht wichtig, das braucht man eigentlich nicht. Mach mal was anderes“, erinnert sich Altmann, der damals bei der Deutschen Börse das erste Handels- und Listing-Segment für ETFs in Europa entwickelte. Sein Vorgesetzter war, wie so viele damals, auf den boomenden neuen Markt fokussiert. Die Stimmung gegenüber ETFs? Alles andere als euphorisch. Altmann aber blieb hartnäckig.
ETF-Pioniere auf steinigen Pfaden
25 Jahre später verwalten ETFs in Deutschland nach Angaben von Xetra über 1,7 Billionen Euro. Aus zwei Produkten wurden mehr als 2.500. Deutschland entwickelte sich trotz des späten Starts zum führenden ETF-Markt in Europa – auch dank technischer Vorteile. „Auf Xetra gab es schon ein System für Market Maker. Das konnten wir für ETFs nutzen“, erklärt Altmann. „In Großbritannien hat der ETF-Handel lange nicht richtig funktioniert, weil sie das nicht hatten.“
Von der belächelten Nische zum Milliardenmarkt – das klingt nach Überholspur. Tatsächlich war der Weg der börsengehandelten Indexfonds zu Beginn jedoch steinig. „Wir mussten wahnsinnig viel Überzeugungsarbeit leisten“, erzählt Heike Fürpaß-Peter, die damals bei Merrill Lynch auf der Vertriebsseite im Aktien-Derivate-Bereich tätig war und heute Geschäftsführerin von Morgenfund ist. Sie war dabei, als die ersten beiden ETFs auf den Euro Stoxx 50 und den Stoxx Europe 50 gelistet wurden. „Viele Marktteilnehmer sagten: Schauen wir mal, vielleicht. Es war nicht so, dass sie uns die Türen eingerannt hätten.“
Die etablierte Fondsbranche sah ihr lukratives Geschäftsmodell bedroht. Ausgabeaufschläge von 3 bis 5 Prozent bei aktiven Fonds waren Standard, bei ETFs jedoch undenkbar. „Die Fondsbranche hat uns bekämpft“, bestätigt Altmann. „Alle haben verstanden, dass ETFs ihr Geschäftsmodell gefährden.“
Doch die Pioniere hatten auch Unterstützer. Vorreiter unter den deutschen Akteuren war die Hypovereinsbank, die 2001 der ersten Dax-ETF auf den Markt brachte. Als Altmann mit Vertretern der Bank zur Bafin reiste, kam unerwartete Rückendeckung. „Der damalige Leiter der Fondsaufsicht war begeistert und sagte: ,Dass ich das in meiner Karriere noch erlebe!‘“, berichtet Altmann.
Die Genehmigung des Fondsprospekts kam innerhalb von drei Wochen. Der erste Dax-ETF der Hypovereinsbank-Tochter Indexchange folgte Anfang 2001. „Der schon damals hohe Bekanntheitsgrad des Index führte dazu, dass auch das Produkt ETF deutlich an Popularität gewann“, erklärt Stephan Kraus, der heute bei der Deutschen Börse das ETF-Geschäft leitet.
Vergessen ist heute, dass auch Union Investment eine eigene ETF-Familie hatte. „Die haben 2002 tatsächlich den allerersten MSCI World ETF weltweit aufgelegt“, erinnert sich Altmann.
Zu den frühen Visionären gehörte auch Markus Kaiser, heute Leiter des ETF-Bereichs bei Greiff Capital Management. „Von dem Potenzial der ETFs war ich von Anfang an überzeugt und setzte diese dann auch als einer der ersten Dachfondsmanager in Deutschland aktiv ein“, erinnert er sich. „Zahlreiche Studien belegen, dass die langfristige Performance eines Portfolios im Wesentlichen von der Asset-Allokation abhängt – nicht von der Auswahl einzelner Titel oder dem Markettiming.“
Vom Profi zum Volk
Anfangs dachte niemand an Privatanleger. „Wir haben das damals rein institutionellen Investoren als Alternative zum Portfolio-Trade angeboten“, sagt Fürpaß-Peter. „Niemand konnte sich vorstellen, dass Privatanleger da investieren würden.“
Das Umdenken kam erst Jahre später. „Für mich war der Wendepunkt, als ich erkannte: Wir haben hier ein Produkt, das eigentlich ideal für Privatanleger ist, das aber bis dahin hauptsächlich an Institutionelle vertrieben wurde. Da habe ich angefangen, dafür zu kämpfen, ETFs in den Retail-Markt zu bringen.“
Der endgültige Durchbruch gelang dann 2014 mit der Einführung von ETF-Sparplänen. „Als Deutsche Börse haben wir schon früh das Potenzial des Investmentsparens mittels ETFs als Baustein der privaten Altersvorsorge erkannt“, betont Kraus. „Das war der Gamechanger für den deutschen Markt“, ist Altmann überzeugt. „Die Onlinebroker haben angefangen, Sparpläne zu festen Summen anzubieten – also etwa für 50 Euro. Das mit ETFs umzusetzen ist nicht einfach und das gibt es so weltweit nur in Deutschland.“ 2019 führte Xetra dann ein Programm zur kostenfreien Ausführung von ETF-Sparplänen auf Xetra ein und trieb das Wachstum damit weiter an.
Die Zahlen belegen den Erfolg: Laut Deutschem Fondsverband stieg die Zahl der ausgeführten Sparpläne von 200.000 im Jahr 2014 auf rund 9,5 Millionen Ende 2024. Das bei deutschen Banken in ETFs investierte Volumen erreichte Ende 2024 mit 148,5 Milliarden Euro einen neuen Rekord – ein Plus von 33,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Explosion der Produktvielfalt
Doch nicht nur die Zahl der Sparpläne und das investierte Kapital sind in die Höhe geschossen. Aus den anfänglichen zwei ETFs ist eine kaum überschaubare Produktpalette gewachsen. Den Löwenanteil bilden Aktien-ETFs mit 1.570 Produkten, gefolgt von 697 Renten-ETFs. Allein für nachhaltige Investments stehen über 1.000 ETFs zur Verfügung – mehr als 40 Prozent aller Produkte auf Xetra.
Die jüngsten Trends zeigen in Richtung aktive ETFs und Spezialthemen. 2024 kamen mehr als 100 neue aktive ETFs an die Börse – inzwischen stehen Anlegern rund 200 zur Verfügung. Bei den Themen-ETFs gehörten IT und Verteidigung zu den Favoriten, während bei den Renten-ETFs vor allem Geldmarkt-ETFs und Laufzeit-ETFs Zuflüsse verzeichneten.
Die Qual der Wahl
Wie sollen Anleger da noch durchblicken? ETF-Dachfondspionier Markus Kaiser folgt einem klar strukturierten, regelbasierten Ansatz. „Im Zentrum steht die breite Diversifikation über globale Aktien- und Rentenmärkte – sie bildet das Fundament für Stabilität und langfristiges Wachstum.“ Hinzu kommen Satelliten, mit denen Chancen gezielt genutzt werden sollen, etwa in Schwellenländern, bei Zukunftsthemen wie künstlicher Intelligenz oder auch bei Faktorstrategien wie Value, Momentum, Low Volatility und Quality.
„Entscheidend ist für mich, dass die ETFs ihren zugrunde liegenden Index effizient abbilden, kostengünstig sind und eine hohe Liquidität im Handel aufweisen“, erläutert Kaiser. Bei der Gewichtung im Portfolio achte er zudem auf die wirtschaftliche Relevanz der Regionen – etwa gemessen am globalen BIP-Anteil – und auf die Volatilität der Märkte und Anlageklassen, um Risiken aktiv zu steuern.
Die nächste Revolution
Und wie geht es weiter? Altmann, der heute Regionalleiter Investmentstrategie bei Bitwise ist, hat eine klare Vision: „Die große Revolution wird meiner Ansicht nach die Tokenisierung von Vermögenswerten sein. Statt eines Wertpapiers habe ich dann einen Token, der auf einer Blockchain verwaltet wird. Dieser Token verbrieft einen Korb von Aktien, der genauso gemanagt wird wie heute ein ETF. Nur die Abwicklung ist viel einfacher. Ich brauche kein Depot beim Broker mehr – der Token ist der direkte Anspruch. Den Zugang ermöglicht eine Wallet.“
Am 18. Juni 2020 startete mit dem Bitwise Physical Bitcoin ETP das erste Krypto-Wertpapier auf Xetra. Als weltweit erster zentral abgewickelter Bitcoin-ETP ebnete er den Weg für regulierte Krypto-Investments. Denn: Was damals als Experiment begann, hat sich längst etabliert: Heute sind über 250 Krypto-ETPs an europäischen Börsen gelistet, wobei sich Xetra zum größten Handelsplatz für diese Produkte in Europa entwickelte. Neben Bitcoin und Ethereum können Anleger mittlerweile auch in Solana, diversifizierte Krypto-Körbe oder Staking-Strategien investieren. Die deutschen Produkte setzen dabei auf strenge Standards: vollständige physische Hinterlegung, Verzicht auf Wertpapierleihe und teils sogar die Option auf physische Auslieferung der Kryptowährungen.
Fürpaß-Peter sieht hingegen noch viel Potenzial im traditionellen ETF-Markt: „Gerade für die Altersvorsorge gibt es noch viel Luft nach oben. Besonders freut mich, dass ETFs mittlerweile aus dem reinen Selbstentscheider-Markt herausgekommen sind. Immer mehr Berater setzen sie in der Kundenberatung ein.“ Das hier noch Potenzial schlummert, zeigen auch die Zahlen. Während ETFs in den USA 45 Prozent des Fondsvermögens ausmachen, sind es in Europa nur etwa 20 Prozent.
Stephan Kraus erwartet für die kommenden Jahre in jedem Fall weiterhin hohe Wachstumsraten im europäischen ETF-Markt. Ein Hebel dafür: Neue Handelsangebote, mit denen Privatanleger seit Anfang dieses Jahres von einer weiteren Preisverbesserung gegenüber den Referenzpreisen im Xetra-Orderbuch sowie reduzierten Transaktionskosten im Handel profitieren könnten.
Die Zeiten komplett kostenfreier Angebote könnten allerdings enden. „Ein neuer Kunde kostet etwa 500 Euro – von der Google-Werbung bis zur Depoteröffnung“, rechnet Altmann vor. Bisher refinanzierten die Broker ihren Betrieb über Payment for Order Flow, also Rückvergütungen von den Handelsplätzen. Möglich wurde das durch die föderale Struktur Deutschlands mit vielen Regionalbörsen, die eigene Preismodelle entwickelten und Rückvergütungen an Broker zahlten. Ein Modell unter Druck. „Wenn das wegfällt, müssen sie andere Einnahmequellen finden. Die Broker werden kreativ werden müssen – vielleicht gestaffelte Gebührenmodelle, Freemium-Ansätze oder Zusatzservices. Ganz kostenlos wird es nicht bleiben können.“
25 Jahre Transformation
Nach 25 Jahren lässt sich bilanzieren: Was als Nischenprodukt begann, hat die deutsche Anlagelandschaft fundamental verändert. Das durchschnittliche monatliche Handelsvolumen stieg von 270 Millionen Euro im ersten Jahr auf ein Rekordniveau von über 26 Milliarden Euro im Jahr 2025. „Nachdem wir im Jahr 2012 das 1.000ste und im Jahr 2022 das 2.000ste ETF-Listing auf Xetra feiern konnten, sind mittlerweile über 2.500 ETFs in unserem Segment gelistet – das größte Angebot unter allen Börsen Europas“, unterstreicht Kraus.
Die Revolution, die Altmann und seine Mitstreiter gegen viele Widerstände starteten, ist heute Mainstream. ETFs verwalten in Deutschland inzwischen 1,7 Billionen Euro. Jan Altmann und seine Mitstreiter haben recht behalten: Man brauchte sie doch. Und wie.

