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Absolute-Return-Konzepte „Gut funktionierende Strategien werden von Experten geleitet“

Robin Johnson, CFA bei der Fondsanalysefirma Morningstar Investment Management Europe.
Robin Johnson, CFA bei der Fondsanalysefirma Morningstar Investment Management Europe.
Herr Johnson, wodurch zeichnen sich Absolute-Return-Strategien im Vergleich zu anderen Anlageklassen aus, oder anders gefragt: Wie funktionieren sie?

Robin Johnson: Zunächst sehe ich Absolute-Return- Strategien nicht als eine eigenständige Anlageklasse wie beispielsweise Aktien oder Anleihen, sondern vielmehr als eine Strategie für eine Investition in eine Anlageklasse, die eine Alternative zu gängigen indexorientierten Strategien mit geringem Tracking Error darstellt. Ziel der Strategie ist, im Verlauf der Zeit absolute positive Renditen zu erzielen, ohne an eine Benchmark gebunden zu sein und sich dazu spezifische Risiko und Renditequellen zunutze zu machen.

Eine solche Strategie kann zuweilen negative Renditen hervorbringen, aber das heißt nicht, dass sie ihr primäres Ziel verfehlt. Der Punkt ist, dass Absolute-Return-Manager in der Lage sind, die Verluste zu mindern, wenn sich der Markt, in den sie investiert haben, in einer Abwärtsphase befindet. Diese Optimierung des Kapitalerhalts ist eine wichtige Komponente bei der Verbesserung des Risiko-Rendite-Profils eines Portfolios. Erreicht werden kann dies durch das Halten von Cash-Positionen, die Absicherung von Marktrisiken sowie den Einsatz von Instrumenten, die Managern von Indexfonds nicht zur Verfügung stehen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Thema Risikomanagement?


Absolute-Return-Manager denken beim Thema Risiko immer an Kapitalverlust. Daher managen sie die Risiken aktiv, um ihre Verluste möglichst einzuschränken. Ein traditioneller Fondsmanager hingegen bringt Risiko eher mit einer von der Benchmark abweichenden Wertentwicklung in Zusammenhang. Die Fähigkeit von Absolute-Return-Fonds, spezifische Risiken gezielt einzugehen, um sich gegen unerwünschte Risiken abzusichern, ermöglicht dem Fondsmanager eine Konzentration der Fondskomponenten innerhalb des Bereichs, in dem er eine besonders hohe Expertise besitzt.

Er reduziert die mit den allgemeinen Marktbewegungen einhergehenden Risiken und visiert stattdessen spezifische Risiken an. Dadurch kann ein Absolute-Return-Fonds Renditen generieren, die kaum mit allgemeinen Risikoanlagen wie Aktien korrelieren und deren Volatilität geringer ist. Dies bringt wertvolle Vorteile für den Portfolioaufbau und kann zu einem konsistenteren Renditeprofil führen. Um die Differenzierung, die ein Absolute-Return-Fonds bieten kann, zu evaluieren, sollten Korrelationen zu traditionellen Anlageklassen wie Aktien und Anleihen genau analysiert werden.

In den vergangenen Jahren sind Absolute-Return-Fonds immer beliebter geworden. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von Kapitalerhalt, Begrenzung der Dauer und Intensität von Verlustphasen über eine stärkere Diversifizierung im Depot bis hin zum Zugang zu neuen, zuvor nicht verfügbaren Renditequellen. Dazu kommen die derzeit allgemein hohen Bewertungen einzelner Anlageklassen beziehungsweise Investments. Der Aufwärtsdruck auf die Anleihezinsen nimmt zu, je weiter sie sinken. Und die Besorgnis der Anleger über die derzeitigen Bewertungen am Aktienmarkt haben mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Folge, dass beide Anlageklassen in eine Phase geraten, in der sie sich gleichzeitig negativ entwickeln. Das war über einen kurzen Zeitraum hinweg bereits im Juni und August 2013 zu beobachten.

Angesichts der sehr geringen Zinsen bei liquiden Anlagen bleiben Investoren nur wenige Anlagemöglichkeiten, deren Renditechancen die – potenzielle – Inflationsrate übersteigen. Seit der Etablierung der UCITS-II- und -IV-Richtlinie sind Investitionen in alternative Strategien zudem leichter möglich.

Wie sollte ein privater Anleger Absolute-Return-Produkte in sein Portfolio einbauen?

Das Angebot an Absolute-Return-Fonds nimmt zweifellos zu. Im Einzelfall ist deren Strategie für unerfahrene Anleger jedoch nur schwer einzuschätzen, da die jeweilige Wertentwicklung aufgrund der individuellen Depotzusammenstellung nicht direkt mit einzelnen Marktindizes vergleichbar ist. Es gibt zwar Werkzeuge, mit denen die Entscheidungen einer bestimmten Strategie genau überprüft werden können. Doch diese Tools sind teuer, und kaum ein privater Anleger hat Zugriff auf die notwendigen Informationen und verfügt über die notwendigen Ressourcen, um diese auszuwerten. Eine gute Möglichkeit ist es daher, auf die Dienste eines erfahrenen externen Beraters zurückzugreifen.

Deshalb ist ein Multi-Strategie-Produkt, das ähnlich wie ein Dachfonds in viele Einzelfonds investiert, eine echte Alternative. Es ist der einfachste Weg, um das Risiko zu senken, das das jeweils eigenständige Management eines Absolute-Return-Fonds in sich birgt. Ein Multi-Strategie-Produkt, das in mehrere Absolute-Return-Fonds investiert, nimmt zudem Privatanlegern eine wichtige Aufgabe mit einem einzigen Investment ab – nämlich ein diversifiziertes Portfolio aufzubauen. Zudem ist das Mindestkapital, das der Anleger bei diesen Produkten einsetzen muss, in vielen Fällen deutlich geringer als bei einem Investment in die jeweiligen Einzelfonds.

Im Absolute-Return-Segment hat sich in den vergangenen Jahren deutlich die Spreu vom Weizen getrennt. Wodurch zeichnet sich ein qualitativ hochwertiger Absolute-Return-Fonds aus?

Diese Frage weist auf einen der wichtigsten Schritte beim Aufbau eines Portfolios von Absolute-Return-Fonds hin: die Due Diligence. Das ist ein langwieriger Prüfprozess, bei dem die Kernkomponenten der Anlagelösung sowie die Struktur der Firma, die die Strategie liefert, bewertet werden. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei üblicherweise auf das Managementteam, den Anlageprozess, die bisherige Wertentwicklung, das Risikomanagement und die Compliance gelegt.

Dabei zeigt sich sehr häufig, dass Produkte oder Strategien, die in der Praxis sehr gut funktionieren und daher vergleichsweise gute Renditen erzielen, in der Regel auf hochwertige Ressourcen zurückgreifen können. Sie werden oft von Experten mit einer sehr klaren und konsistenten Investmentphilosophie geleitet. Zusammenfassend gesagt: Je robuster und nachhaltiger eine Strategie ist, desto einfacher ist zu überprüfen, ob spezifische Risikofaktoren konsistent einbezogen werden, um eine positive Rendite zu erzielen, sodass plötzliche Performance-Einbrüche weniger wahrscheinlich sind.

Sie haben gerade – gemeinsam mit Standard Life – ein neues Absolute-Return-Konzept auf den Markt gebracht. Wodurch zeichnet sich dieses Produkt genau aus?

Wie zuvor erläutert, ist es ein schwieriger Prozess, das Universum von Absolute-Return-Strategien auf einen einzigen Anbieter einzugrenzen. Hierbei geht der Anleger zusätzliche Risiken ein. Der „Dachfonds-Ansatz“ über ein gemanagtes Portfolio, den wir verfolgen, vereint einen Mix von hoch qualifizierten Managern aus der ganzen Welt, die eine Vielfalt einzigartiger Strategien anwenden. Das reduziert das Risiko eines Drawdowns des gesamten Portfolios deutlich.

Tritt der Fall ein, dass einer der Fonds im Portfolio eine Schwächephase hat, sollten das die anderen Absolute-Return-Produkte angemessen ausgleichen können. Unser großes Team von Research-Analysten globaler Fondsmanager führt regelmäßige persönliche Interviews mit Hunderten von Investmentmanagern und hilft so, die talentiertesten Anleger, die auf dem europäischen Markt zur Verfügung stehen, zu identifizieren.

Das Produkt ist so konstruiert, dass es in den meisten Marktumfeldern eine geringe Korrelation mit traditionellen Anlageklassen, also Anleihen, Aktien oder Rohstoffen aufweist – und das zu vernünftigen Kosten mit einer hohen Liquidität. Wir sind überzeugt, dass Absolute-Return-Produkte eine gute Ergänzung zu einem traditionellen Portfolio eines Privatanlegers sind, mit denen sich das Risiko-Rendite-Profil verbessert.

Sie sind für die Selektion des Portfolios verantwortlich. Welche Kriterien sind für die Auswahl der Fonds entscheidend?


Das Investment-Team ist darauf fokussiert, Zugriff auf hoch qualifizierte und bewährte Experten beziehungsweise Strategien zu bekommen, die unter Beweis gestellt haben, dass sie ihren Absolute-Return-Ansatz konsequent und unter unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen erfolgreich umsetzen konnten.

Dabei gilt allerdings der Grundsatz, dass eine Strategie nicht in das Portfolio aufgenommen wird, wenn unsere Analysten nicht in der Lage sind, den wesentlichen Grund für den Erfolg zu isolieren und so kommunizieren zu können. Einzelne Manager sind mitunter in der Lage, beeindruckende Renditen zu erzielen. Aber es ist schwierig, Vertrauen in deren Beständigkeit zu fassen, wenn wir die wichtigsten Leistungstreiber dafür nicht erklären können.

Nach welchen Grundsätzen wird das Portfolio aus Absolute-Return-Produkten gemanagt, und in welchem Fall ändern Sie die Zusammenstellung des Portfolios?

Für uns gibt es zwei wesentliche Gründe, die Bestandteile eines Portfolios zu verändern: eine grundlegende Änderung in dem von uns gehaltenen Fonds oder eine Veränderung der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, was eine Anpassung der Zuordnung von Strategien innerhalb des Portfolios bewirkt.

Wenn wir einzelne Fonds isoliert betrachten, entscheiden wir möglicherweise, einen Fonds aus dem Portfolio zu nehmen, wenn der Manager gewechselt hat, es Abweichungen von der Strategie gab oder einfach nur, weil wir von dem jeweiligen Manager keine befriedigenden Antworten auf unsere Fragen bekommen haben. Die breiter angelegte Top-Down-Prüfung der Portfoliozusammensetzung führt bei einer Veränderung des Wachstumszyklus und der Entstehung neuer Anlagemöglichkeiten zu einer Umverteilung des Fondskapitals.

So profitieren beispielsweise trendorientierte Manager tendenziell von anhaltenden Bullen- beziehungsweise Bärenmärkten. In seitwärts tendierenden Märkten schneiden marktneutrale Manager eher besser ab. Unterschiedliche Strategien gedeihen eben unter unterschiedlichen Bedingungen – und wenn ein Trend wechselt, kann es ratsam sein, den Fokus zu verlagern.

Wo sehen Sie die Vorteile im Vergleich zu anderen vergleichbaren Produkten?

Unser Ansatz beim Aufbau von Absolute-Return-Fonds konzentriert sich auf den Kapitalerhalt. Vielleicht drückt man es am besten mit den Worten der Börsenlegende und des bekannten Investors George Soros aus, der sagte: „Es ist nicht wichtig, ob man richtig oder falsch liegt, sondern: Wie viel Geld man macht, wenn man richtig liegt und wie viel man verliert, wenn man falsch liegt.“

Es ist die Mischung an Strategien, die das SL Morningstar Absolute-Return-Portfolio nutzt. Sie alle zielen darauf ab, eine positive Rendite zu erwirtschaften, die zu einem höheren Anteil an positiven monatlichen Renditen führt als dies durch Einzelstrategien möglich wäre. Dieser positive Schutzmechanismus in der Zusammenstellung des Portfolios spiegelt sich auch beim Gewinnmitnahmepotenzial bei steigenden Märkten wider. Der hypothetische Backtest des Portfolios zeigt, dass Verluste schneller ausgeglichen werden können als dies für die relevante Vergleichsgruppe der Fall ist.

Zusammenfassend sind wir davon überzeugt, dass dieses Portfolio eine geringere Volatilität, geringere Verluste, kürzere Erholungsphasen und eine vergleichbare Partizipation bei steigenden Märkten bietet – und dadurch ein effizienteres Risiko-Rendite-Profil aufweist.

Zum Abschluss noch eine ganz allgemeine Frage: Welche Chancen gibt es derzeit für Absolute-Return-Strategien?


Starke Veränderungen im regulatorischen Umfeld für Finanzdienstleister in Europa bieten Chancen für Strategien, die die Auswirkungen von Stresstests und der sogenannten Asset Quality Review am besten abschätzen können. Da speziell Banken versuchen, sich so robust wie möglich aufzustellen, um Anforderungen wie die erhöhten Mindestkernkapitalquoten zu erfüllen, könnte die Kreditqualität einzelner Bankentitel besser sein als derzeit durch deren Ratings ausgewiesen. Dadurch ergeben sich selektiv gute Möglichkeiten im Anleihebereich von Banken und Versicherungen.

Zudem zeichnet sich die derzeitige Phase des Konjunkturzyklus durch erhöhte Übernahme- und Fusionsaktivitäten aus. Spezielle Aktienstrategien – zum Beispiel Event-Driven –, die vor allem Anteile an potenziellen Übernahmekandidaten halten, um im Falle eines Unternehmenskaufs von den meist starken Kursanstiegen zu profitieren, bieten dementsprechend durchaus Chancen. Die Bewertungen vieler Aktien erscheinen zudem überzogen, sodass einige entwickelte Märkte in nächster Zeit seitwärts tendieren dürften. Dies könnte eine gute Zeit für Long-Short- Strategien sein. Für Anlagen in Schwellenländern waren die vergangenen zwei Jahre eine schmerzhafte Phase. Jetzt zeichnet sich für die Region eine positive Wende ab. Stark divergierende Volkswirtschaften mit unterschiedlichen Wachstums- und Leistungsbilanzprofilen sollten gute Möglichkeiten für alternative Strategien bieten

Robin Johnson ist CFA, Head of Investment Consulting & Portfolio Management bei Morningstar Investment Management Europe, dem Investmentmanagement- und Consultancy-Zweig der Fondsanalysefirma Morningstar.


Das Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe des Added Value, dem Tabletmagazin von Standard Life Investments.
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