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Aktualisiert am in InterviewsLesedauer: 5 Minuten

Acatis-Gründer Hendrik Leber über Fleischersatz „Der Wettbewerb wird unappetitlich“

der fonds: Herr Leber, was sind die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geschmacklichen Gründe für den aktuellen Aufschwung?

Hendrik Leber: Bisher schmeckte Fleischersatz nicht gut, es war nur etwas für engagierte, leidensfähige Veganer. Das ändert sich. Wenn ich bei gleichem Geschmackserlebnis noch ein gutes Gewissen haben kann, dann wird sich (bei ähnlichen Preisen) die pflanzliche Alternative durchsetzen. Demgegenüber steht aber ein anderer Trend. Veganer Fleischersatz wird ein großindustrielles Produkt werden und steht damit dem Trend zum glücklichen Rind aus heimischer Landwirtschaft entgegen. Am Ende werden die Themen Geschmack, Kosten und Ressourcenverbrauch sich gegenüber Ethik, Naturverbundenheit und Lebenseinstellung durchsetzen – die industriell hergestellte fleischlose Nahrung wird dominieren.  

Wie beurteilen Sie generell das Thema pflanzlicher Fleischersatz: Als kurzen Hype oder langfristigen Megatrend?

Leber: Das ist ein langfristiger Trend. Der Ressourcenverbrauch durch Viehzucht, speziell durch Rinderzucht, ist immens. Die Tiere verbrauchen Fläche; zum Beispiel gerodeten Regenwald, verbrauchen Unmengen Wasser, haben eine ganz schlechte Futterverwertung und sind damit ökologisch eigentlich eine Katastrophe. Schweine sind besser, Hühner noch besser. Am besten aber ist es ökologisch, Fleischersatz zu nutzen. Das wird im Moment mit pflanzlichem Ersatz geleistet, etwa von Firmen wie Beyond Meat aus den USA, Vegetarian Butcher aus den Niederlanden oder dem deutschen Familienunternehmen Rügenwalder Mühle. Darüber hinaus arbeiten immer mehr Firmen auf pflanzlicher Basis mit Hämoglobinersatzstoffen, wie Impossible Foods aus Kalifornien.

Es ist aber auch möglich, echte Fleischzellen im Bioreaktor zu züchten – was derzeit allerdings noch sehr teuer ist. Darüber hinaus greifen immer mehr Firmen auf andere tierische Nahrungsquellen zurück – zum einen auf Aquafarmen, die aufgeteilt sind in Fischfarmen, Krabben- und Muschelfarmen. Aber auch Insekten werden als Nahrungsquelle für den Menschen immer interessanter, zum Beispiel Heuschrecken oder die sogenannte Black Soldier Fly – die alles verwerten kann und als Tierfutter verwendet wird.

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Steht der Fleischbranche ein ähnlicher Umbruch bevor wie der Autoindustrie mit dem Elektroauto?

Leber: Ja. Der Trend ist stetig, die Industrialisierung der Ernährung ist in vollem Gange, die Input-Output-Relationen sind außerhalb der Fleischbranche viel besser, die Ressourcenbeanspruchung nimmt ab, und die menschlichen Geschmäcker ändern und adaptieren sich.

Welche Auswirkungen beobachten Sie auf etablierte Fleischproduzenten wie den Wiesenhofkonzern PHW oder Rügenwalder Mühle?

Leber: Auch die konservativen deutschen Fleischproduzenten engagieren sich, entweder eigenständig oder durch Investments in junge Startups. Ich vermute, dass sie sich glaubwürdig auf diese Veränderung vorbereiten.

Wie hoch beurteilen Sie das kurz-, mittel- und langfristige Risiko für PHW und Co.?

Leber: Große Fleischproduzenten können „atmen“ – die Mengen, die durch die Abfüllanlagen laufen, ändern sich nicht, nur die Inhaltsstoffe. Dabei sollten die konservativen deutschen Fleischproduzenten frühzeitig alternative Fleischarten als legitime, dauerhafte Alternative akzeptieren – nicht verstecken, nicht als Nebenschauplatz betrachten, sondern mit ganzem Herzen ins Sortiment aufnehmen.

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