Photoshoppen ist ein Verb. Das war jahrzehntelang die stärkste Währung, die ein Softwarekonzern haben konnte: wenn das Produkt in die Sprache eingeht, ist der Burggraben tiefer als jeder Vertrag. Und nun? Rekordquartal, Chefabgang, Kurssturz – alles an einem Abend.
Am 12. März 2026 meldete Adobe 6,4 Milliarden US-Dollar Umsatz für das erste Quartal, einen Gewinn je Aktie von 6,06 Dollar. Beide Werte liegen über den Analystenschätzungen. Gleichzeitig gab der Konzern bekannt, dass Firmen-Chef Shantanu Narayen nach 18 Jahren an der Spitze zurücktreten wird. Die Aktie brach im nachbörslichen Handel um sieben Prozent ein.
Der Markt glaubt den Zahlen. Er glaubt nur nicht mehr an das nächste Kapitel. Seit dem Höchststand Ende 2021 hat die Adobe-Aktie rund die Hälfte verloren; Google hat sich im selben Zeitraum mehr als verdoppelt. Das Forward-KGV liegt bei rund 11 – verglichen mit knapp 21 für den S&P 500.
Adobe wird also günstiger bewertet als der Gesamtmarkt. Das klingt nach Kaufgelegenheit, aber es ist zunächst ein Misstrauensvotum.
Vom Lizenzpaket zur Cloud-Maschine
Wer verstehen will, warum Narayens Abgang mehr als eine Personalie ist, muss zurückgehen ins Jahr 2013. Adobe verkaufte damals seine Software – Photoshop, InDesign, Premiere Pro – als Schachtelware. Wer die neue Version wollte, kaufte sie; wer nicht, blieb bei der alten. Das Ergebnis war ein zyklisches Geschäft, abhängig von Upgrade-Zyklen, das Anlegern wenig Vorhersehbarkeit bot. Narayen, seit 2007 CEO, änderte das radikal.
Im Mai 2013 kündigte Adobe an, keine neuen Versionen der Creative Suite mehr als Kaufsoftware zu veröffentlichen. Stattdessen: die Creative Cloud, monatliches Abonnement, alles inklusive. Über 50.000 Nutzerinnen und Nutzer unterzeichneten Petitionen dagegen. Die Aktie gab kurzfristig nach. Narayen nannte die zu erwartende Umsatzdelle intern das „Valley of Death“ – und kommunizierte, was danach kommen würde. Er behielt recht.
Von 5,85 Milliarden Dollar Jahresumsatz im Geschäftsjahr 2016 kletterte Adobe auf 23,77 Milliarden im Geschäftsjahr 2025. Die Annualized Recurring Revenue lag zum Jahresbeginn 2026 bei 26,06 Milliarden Dollar. Adobe ist längst kein Softwarehersteller mehr, sondern Infrastruktur: Wer professionell mit Bildern, Videos oder Dokumenten arbeitet, kommt an dem Konzern kaum vorbei. Photoshop ist nicht nur ein Produkt, es ist ein Verb.
Narayen baute parallel das Segment Digital Experience auf – Marketingplattformen, Analytics, Content-Infrastruktur für Großkonzerne – und brachte es im Geschäftsjahr 2025 auf 5,86 Milliarden Dollar Umsatz. Adobe war am Zenit seiner Marktmacht.
Dann kam die generative KI.





KI frisst die Stammkunden
Das Problem ist nicht, dass Adobe keine Künstliche Intelligenz hätte. Das Problem ist, was KI mit dem Geschäft von Adobes Kunden macht. Früher bestellten Marketing-Teams bei Stockfoto-Agenturen Bilder für Kampagnen, oder sie gaben Aufträge an Illustratoren. Heute geben sie einen Textbefehl in ein KI-Modell ein und haben in Sekunden ein passendes Bild. Das klingt zunächst wie ein Problem der Fotografen und Grafiker. Es ist aber auch ein Problem von Adobe.
Denn Adobe betreibt seit Jahren einen der weltweit größten Bildmarktplätze: Adobe Stock. Dieses Segment – Jahresvolumen rund 450 Millionen Dollar – verzeichnete im ersten Quartal 2026 einen deutlich steileren Rückgang als erwartet, wie aus der Finanzkommunikation hervorgeht. Der Substitutionseffekt ist messbar: Wer selbst generiert, lizenziert nichts mehr. Für Investoren ist das ein Warnsignal erster Güte – wenn das einfachste Segment kannibalisiert wird, wie lange hält dann das Kerngeschäft stand?
Analysten beschreiben eine zweite Bedrohung, die subtiler, aber langfristig gravierender sein könnte: „Seat Compression“. Adobe rechnet nach Nutzerlizenzen ab. Wenn KI die Produktivität einzelner Designer so stark steigert, dass Unternehmen weniger Abonnements benötigen, um dieselbe Arbeit zu erledigen – sinken die Erlöse, obwohl die Qualität der Software gleichbleibt. Goldman Sachs stufte die Aktie im Frühjahr 2026 auf „Sell“ herab; die Begründung verwies explizit auf dieses Strukturrisiko.





Hinzu kommt der Wettbewerb. Canva, das australische Design-Start-up, zählt inzwischen 260 Millionen monatlich aktive Nutzerinnen und Nutzer und übernahm im März 2024 die Affinity-Suite – eine direkte Attacke auf Adobes Kreativmonopol. Figma, das Adobe 2023 für 20 Milliarden Dollar übernehmen wollte und an den Aufsichtsbehörden scheiterte (Kosten: eine Milliarde Dollar Abbruchgebühr), bleibt als gestärkter unabhängiger Konkurrent im Markt. KI-native Bildgeneratoren wie Midjourney greifen den oberen Kreativbereich an. Adobe führt einen Zweifrontenkrieg – von unten durch einfachere Alternativen, von oben durch generative Modelle.
Firefly zwischen Hype und Kasse
Adobe hat auf die KI-Disruption nicht tatenlos gewartet. Mit Firefly brachte der Konzern 2023 eigene generative Modelle an den Markt – direkt integriert in Photoshop und Illustrator, nicht als separates Tool. Die strategische Positionierung: „Commercially Safe AI“. Firefly-Modelle wurden auf lizenzierten Adobe-Stock-Inhalten und gemeinfreiem Material trainiert, nicht auf dem Werk der Nutzerinnen und Nutzer. Für Unternehmenskunden, die Urheberrechtsklagen fürchten – wie sie derzeit gegen Midjourney und OpenAI laufen –, ist das ein echter Vorteil.
Die Nutzungszahlen klingen eindrucksvoll: Über 6,5 Milliarden Assets wurden via Firefly generiert; der Verbrauch kostenpflichtiger Credits stieg im ersten Quartal 2026 um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch der Markt honoriert das nicht. „Die KI-bezogene ARR hat sich mehr als verdreifacht“, meldete Adobe – und die Aktie fiel trotzdem. Der Grund: Adoption ist nicht dasselbe wie Monetarisierung.
Citi verwies nach der Quartalsmeldung darauf, der CEO-Wechsel füge „eine weitere Ebene der Unsicherheit hinzu“ – in einem Umfeld, in dem Investoren ohnehin nervös seien. Die entscheidende Frage ist dabei nicht, ob Adobe KI-Features hat. Die Frage ist, ob diese Features zusätzliche Umsätze generieren oder defensiv ins Bundle wandern – und damit langfristig die Margen drücken. Genau diese Frage beantwortet der Markt mit: noch unklar. Und auf Unklarheit gibt er keinen Wachstumsmultiplikator.
Ein Erbe und ein Vakuum
Shantanu Narayen ist erst der dritte CEO in der Geschichte von Adobe, gegründet 1982 von John Warnock und Charles Geschke. Unter seiner Führung wuchs die Belegschaft von knapp 3.000 auf über 30.000 Menschen, der Umsatz von unter 3 Milliarden auf über 24 Milliarden Dollar. Die Cloud-Transformation, die er gegen erheblichen internen und externen Widerstand durchsetzte, gilt rückblickend als eine der erfolgreichsten SaaS-Selbstdisruptionen der Softwarebranche. Microsoft-Chef Satya Nadella würdigte ihn auf X: Narayen habe die Möglichkeiten für Kreative und Marken weltweit erweitert – „mit einer Empathie, die er in den kreativen Prozess eingebracht hat“.
Dass dieser Abgang ausgerechnet jetzt kommt, in dem Moment, in dem Adobe die größte technologische Umwälzung seit der Cloud-Einführung bewältigen muss, ist kein günstiges Timing. Der Verwaltungsrat hat ein Sondergremium unter Führung von Lead Independent Director Frank Calderoni eingesetzt, das interne und externe Kandidaten prüft. Als interner Favorit gilt David Wadhwani, der das Digital-Media-Geschäft leitet und als einer der Hauptarchitekten der Firefly-Strategie gilt. Ob es einen externen Kandidaten braucht – jemanden mit tieferen Wurzeln in der KI-Forschung –, ist die Kernfrage, die das Gremium beantworten muss.
Adobe steht dabei stellvertretend für eine ganze Generation reifer SaaS-Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle in einer Welt der Abo-Logik perfektioniert haben – und nun feststellen, dass KI die Grundannahmen dieses Modells in Frage stellt. Wenn generative Werkzeuge Kreativaufgaben demokratisieren, wenn Agenten Workflows übernehmen, wenn weniger Menschen mehr leisten können: dann wächst nicht automatisch der Umsatz, der pro Nutzer abgerechnet wird. Adobe ist in dieser Hinsicht ein Prüfstand – und die ganze Branche schaut zu.
Damit der nächste CEO mehr liefern kann als verwalteten Abstieg, muss Adobe zeigen, dass Photoshop als Verb auch in einer Welt gilt, in der jeder Teenager mit einem Textprompt illustrieren kann. Wer das nicht schafft, riskiert das bitterste Schicksal einer Ikone: nicht verdrängt zu werden, sondern schlicht – irrelevant.

