Adrian Hull über flache Renditekurven „Wirtschaft kühlt voraussichtlich nicht ab“

Adrian Hull, Co-Head of Fixed Income bei Kames Capital: „Die Zentralbanken verhindern einen Wirtschaftsabschwung“ | © Kames Capital

Adrian Hull, Co-Head of Fixed Income bei Kames Capital: „Die Zentralbanken verhindern einen Wirtschaftsabschwung“ Foto: Kames Capital

Die kurzfristigen Zinsen in den USA steigen derzeit schneller als die langfristigen. Folglich flacht sich die Renditekurve ab. In den vergangenen hundert Jahren galt eine solche Inversion stets als Warnsignal für einen bevorstehenden Abschwung. Mit diesem Szenario ist jedoch nicht unbedingt zu rechnen.

Die US-Notenbank Federal Reserve zerbricht sich seit Langem den Kopf darüber, welche Auswirkungen eine Inversion der Renditekurve auf die Erwartungen und auf die wirtschaftliche Realität haben könnte. Die fein abgestimmte Politik der Zentralbanker und das allgemeine Inflationsziel von 2 Prozent sorgen für Stabilität. Mit dem Ende der quantitativen Lockerung gelangen Anleihen jedoch wieder in großem Stil auf den offenen Markt. Wir bewegen uns dabei auf völlig unbekanntem Terrain.

Inverse Renditekurve in den 1930er Jahren

Anleger müssen weit in die Vergangenheit blicken, um Hinweise auf die Folgen einer umgekehrten Renditekurve zu finden. Analysen der BNP Paribas belegen, dass die Renditekurve bis in die 1930er Jahre hinein fast immer invers war. Damals wurden unbefristete britische Staatsanleihen mit einem Aufschlag gegenüber kurzfristigem Tagesgeld gehandelt. Die meisten vermögenden Anleger waren nicht bereit, den mit der Jagd nach höheren Renditen innerhalb des kaum regulierten Bankensystems verbundenen Stress auf sich zu nehmen. Sie gaben sich mit den sicheren Gilts zufrieden.

Das ist zweifellos eine stark vereinfachte Darstellung des deutlich weniger regulierten Umfelds der Rentenmärkte Ende des 19. Jahrhunderts, aber dennoch gibt es Parallelen zur Gegenwart. Gemäß den geltenden Regulierungsvorschriften muss ein großer Teil der Gelder von Pensionsfonds langfristig in sicheren Anlagen aufbewahrt werden, wobei die Kosten für Tagesgeld nahezu keine Rolle spielen. Das Ergebnis ist eine inverse Renditekurve.

Aufgrund der außergewöhnlichen Politik der Zentralbanken und der dadurch veränderten Dynamik wird die sich anbahnende Inversion der Renditekurven jedoch voraussichtlich keine derart starke Abkühlung der Wirtschaft mit sich bringen.