Dow Jones, S&P 500, Nasdaq, Dax, Stoxx 600 oder Nikkei – sie alle sind in diesem Jahr schon auf neue Allzeithochs geklettert. Da fallen neue Investments psychologisch schwer. Und investierte Anleger fragen sich zunehmend, ob jetzt nicht die richtige Zeit gekommen ist, aufgelaufene Gewinne zu realisieren und einer möglichen Korrektur zuvorzukommen.

Fundamental betrachtet spricht allerdings einiges dafür, dass das Ende der Fahnenstange an den Aktienmärkten noch nicht erreicht ist. So scheint weltweit die Gefahr einer Rezession gebannt zu sein. In den USA verläuft die Konjunktur noch robuster als bislang angenommen. Der amerikanische Arbeitsmarkt brummt, was bei den Konsumenten insgesamt für gute Stimmung sorgt. Und China hat im ersten Quartal mit einem Wirtschaftswachstum von 5,3 Prozent klar die Prognosen der Volkswirte übertroffen. Im Gesamtjahr peilt Peking ein Wirtschaftswachstum von immerhin fünf Prozent an.

 

Notenbanken dürften in absehbarer Zeit Zinsen senken

Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt befinden sich im Wachstumsmodus und unterstützen die globale Konjunktur. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat gerade erst seine Prognose für die weltweite Zunahme des Bruttoinlandsprodukts für 2024 von 3,1 auf 3,2 Prozent heraufgesetzt.

Dazu hieß es von Seiten des IWFs: „Das Wachstum bleibt stabil, und die Inflation kehrt zum Zielwert zurück“, womit bereits das zweite Argument für eine Fortsetzung der Aktienmarktrally angesprochen wäre. Die Geldentwertung bildet sich zwar langsamer als erhofft zurück – das gilt insbesondere für die USA – aber die Erwartung einer sinkenden Inflation hat weiter Bestand. Das erlaubt es den Notenbanken, in absehbarer Zeit, die Zinsschraube nach unten zu drehen.

Auch wenn sich Fed-Chef Jerome Powell jüngst hawkish äußerte, bestehen gute Chancen, dass die amerikanische Notenbank auf ihren Sitzungen am 31. Juli oder 18. September das erste Mal die Leitzinsen senkt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird wahrscheinlich schon vorher erste Lockerungsmaßnahmen bekanntgeben.

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„Time in the market“ vor „Timing the market“ 

Zusätzlich könnten jetzt die Unternehmen in der beginnenden Berichtssaison eine solide Gewinnentwicklung in Aussicht stellen. Durch die zunehmende Verbreitung von Künstlicher Intelligenz (KI) sind künftig signifikante Produktivitätssteigerungen zu erwarten.

Aber nicht nur fundamentale Gründe sprechen dafür, weiter in den Aktienmärkten investiert zu bleiben. Die Erfahrung zeigt, dass Markttiming kaum möglich ist. Investoren gelingt es nur selten, wenn sie an starken Tagen an den Aktienmärkten nicht investiert sind, die entgangenen Gewinne später wieder aufzuholen. „Time in the market“ ist wichtiger als „Timing the market“.

 

Neue Höchstkurse bedeuten nicht zwingend Korrektur

Außerdem ist es überhaupt nicht ausgemacht, dass bei den Aktien nach den Allzeithochs nicht weitere Rekordstände folgen. Historische Daten zeigen, dass Aktienmärkte über längere Zeiträume hinweg tendenziell wachsen. Neue Höchstkurse sind nicht unbedingt ein Vorzeichen für eine unmittelbar anstehende Korrektur.

Vielmehr spiegeln sie in der Regel die wirtschaftliche Stärke und das Potenzial der entsprechenden Unternehmen wider. Innovationen, technologischer Fortschritt – wie zuletzt KI oder der Eintritt in neue Märkte – können für höhere Unternehmensgewinne und damit auch für weiter steigende Aktienkurse sorgen. Wenn bei einem Unternehmen ein signifikantes Wachstumspotenzial besteht, kann es durchaus Sinn machen, die entsprechende Aktie auch auf Rekordniveau zu kaufen. Die Kunst besteht darin, genau diese Aktiengesellschaften zu identifizieren.

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Selbst wenn es zwischenzeitlich einmal zu einem Kursrutsch kommt, ist es erstaunlich zu beobachten, wie schnell die Aktienmärkte den jeweiligen Drawdown wieder aufholen. Das beste Beispiel für die Erholungsfähigkeit der Aktienmärkte war der Corona-Crash im Frühjahr 2020. Welcher Anleger hatte damals auf dem Tiefpunkt im März gedacht, dass Dax und Co. schon wieder im August das Vor-Corona-Niveau erreichen. Auch dieses drastische Beispiel belegt, dass Markttiming kaum möglich ist. Die meisten Anleger, die damals während des Crashs ausgestiegen sind, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit den rechtzeitigen Wiedereinstieg verpasst.

Ein Blick auf das Rendite-Dreieck des Dax zeigt, dass Anleger in den zurückliegenden 50 Jahren, selbst wenn sie auf Rekordständen eingestiegen sind und es anschließend zu einer Korrektur kam, fast immer schon kurze Zeit später wieder im Plus lagen. Nicht investiert zu sein, bedeutet in den meisten Phasen, an steigenden Aktienkurse nicht zu partizipieren.


Steffen Kunkel
Steffen Kunkel © Bethmann Bank

Über den Autor:

Steffen Kunkel ist als Chef-Anlagestratege für die Investitionsstrategie der Bethmann Bank zuständig. Zuvor war der Diplom-Volkswirt unter anderem bei Credit Suisse und Universal Investment tätig.