Wer so manchen Finfluencern auf Tiktok, Instagram & Co. folgt, kann schnell den Eindruck gewinnen, dass man mit Aktien ganz locker sein Geld vervielfachen kann. Das Einzige, was man dafür braucht: das richtige Wertpapier.
Anleger, die beispielsweise vor fünf Jahren in das derzeit beliebte Unternehmen Nvidia investiert haben, können sich heute über eine Wertsteigerung ihrer Aktie von 699,24 Prozent freuen. Was im ersten Moment vielversprechend klingt, ist in der Praxis aber gar nicht so leicht umzusetzen. Denn wer konnte damals schon ahnen, dass der Chiphersteller eines Tages in solchem Maße vom KI-Hype profitieren würde?
Auch wenn es im Fall von Nvidia nicht so kommen muss: Wer hoch steigt, kann bekanntlich auch tief fallen. Die Chance, die spektakuläre Aktie genau dann im Depot zu haben, wenn sie durch die Decke geht, ist eher gering.
Aber wie steht es mit Aktien, die bereits über lange Zeit, also beispielsweise über 20 oder 30 Jahre, phänomenale Zahlen aufweisen? Und welche Aktien gehören überhaupt zu dieser Kategorie? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Hendrik Bessembinder von der Arizona State University.
Bereits vor sechs Jahren setzte Bessembinder die Finanzbranche mit einer Studie in Aufruhr. Dabei zeigte sich, dass weniger als 4 Prozent der seit den 1920er Jahren gehandelten Aktien den Großteil der Marktrendite erwirtschafteten. Der Grund: Unternehmen wie Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet und Exxon Mobil haben ihre Wettbewerber in Sachen Rendite weit hinter sich gelassen. Auffällig ist, dass es sich bei all diesen Unternehmen um US-Werte handelt.
>> Hier erfährst du, was unser Kolumnist Egon Wachtendorf damals dazu meinte
Weniger Gewinner, als Verlierer
Seine neuste Untersuchung deutet nun darauf hin, dass sich die Situation weiter verschärft hat: Während bis 2016 fünf Aktien für 10 Prozent des Vermögenszuwachses verantwortlich waren, schrumpfte diese Zahl im Jahr 2019 auf vier und liegt heute bei nur noch drei.
Dabei zeigt die Analyse zwar, dass Investitionen in US-Aktien das Vermögen der Investoren im Zeitraum von 1926 bis 2022 um mehr als 55,1 Billionen US-Dollar gesteigert haben – gleichzeitig sorgten die Investitionen bei der Mehrheit (58,6 Prozent) der untersuchten 28.114 Einzelaktien für Verluste bei den Aktionären. Grundlage seiner Forschung sind dabei nicht die monatlichen Renditen, sondern die langfristigen Gewinne für Aktionäre, gemessen als Dollarbetrag des Aktionärsvermögens, das durch Investitionen in jedes der 28.114 Unternehmen geschaffen (oder vergeudet) wurde. Eingeflossen sind alle Titel, die an den US-amerikanischen Börsen New York Stock Exchange (NYSE), American Stock Exchange (AMEX) und Nasdaq gelistet sind.
Demnach war Apple mit 2.680.989,9 US-Dollar für 4,86 Prozent der gesamten Vermögensbildung verantwortlich, darauf folgt Microsoft mit 3,8 Prozent und Exxon Mobil mit 2,21 Prozent.
Bessembinder schaute sich auch an, welche Unternehmen die größten Verluste verzeichneten. Auch zwei Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland sind auf der Liste zu finden. Daimler auf Platz 7 mit einem Verlust von 60 Milliarden Dollar zwischen Dezember 1998 und Juni 2010 sowie die Deutsche Bank auf Platz 11. Hier beträgt der Verlust 47 Milliarden Dollar zwischen November 2001 und Dezember 2022.
Die 15 besten US-Aktien von 1926 bis 2022
| Unternehmen | Vermögensbildung seit Notierung in Millionen Dollar | Anteil am Gesamtbetrag | Erster Monat | Letzter Monat | |
| 1 | Apple | 2.680.989,9 | 4,86 % | Januar 1981 | Dezember 2022 |
| 2 | Microsoft | 2.094.146,4 | 3,80 % | April 1986 | Dezember 2022 |
| 3 | Exxon Mobil | 1.217.324,7 | 2,21 % | Juli 1926 | Dezember 2022 |
| 4 | Alphabet | 1.004.387,7 | 1,82 % | September 2004 | Dezember 2022 |
| 5 | Amazon | 763.966,4 | 1,39 % | Juni 1997 | Dezember 2022 |
| 6 | Berkshire Hathaway | 703.631,4 | 1,28 % | November 1976 | Dezember 2022 |
| 7 | Johnson & Johnson | 660.879,4 | 1,20 % | Oktober 1944 | Dezember 2022 |
| 8 | Walmart | 628.770,0 | 1,14 % | Dezember 1972 | Dezember 2022 |
| 9 | Chevron Corp | 582.822,1 | 1,06 % | Juli 1926 | Dezember 2022 |
| 10 | Procter & Gamble | 580.968,0 | 1,05 % | September 1929 | Dezember 2022 |
| 11 | International Business Machs | 562.564,5 | 1,02 % | Juli 1926 | Dezember 2022 |
| 12 | Unitedhealth Group | 551.416,9 | 1,00 % | November 1984 | Dezember 2022 |
| 13 | Altria Group | 489.778,3 | 0,89 % | Juli 1926 | Dezember 2022 |
| 14 | Merck & Co | 478.236,4 | 0,87 % | Juni 1946 | Dezember 2022 |
| 15 | Home Depot | 476.653,7 | 0,86 % | Oktober 1981 | Dezember 2022 |
Quelle: Shareholder Wealth Enhancement, 1926 to 2022, Hendrik Bessembinder, Juni 2023
Die 15 schlechtesten US-Aktien von 1926 bis 2022
| Unternehmen | Vermögensbildung seit Notierung in Millionen Dollar | Anteil am Gesamtbetrag | Erster Monat | Letzter Monat | |
| 1 | Worldcom | -102.002,5 | -0,19 % | Dezember 1980 | Juli 2002 |
| 2 | Rivian Automotive | -91.631,6 | -0,17 % | Dezember 2021 | Dezember 2022 |
| 3 | Viavi Solutions | -86.779,8 | -0,16 % | Dezember 1993 | Dezember 2022 |
| 4 | Lucent Technologies | -85.441,1 | -0,16 % | Mai 1996 | November 2006 |
| 5 | Wachovia Corp 2nd New | -68.317,3 | -0,12 % | Januar 1973 | Dezember 2008 |
| 6 | Dupont de Nemours | -59.992,9 | -0,11 % | Oktober 2017 | Dezember 2022 |
| 7 | Daimler | -59.679,8 | -0,11 % | Dezember 1998 | Juni 2010 |
| 8 | Qwest Communications Intl | -58.517,0 | -0,11 % | Juli 1997 | März 2011 |
| 9 | Coupang | -55.190,1 | -0,10 % | April 2021 | Dezember 2022 |
| 10 | Nortel Networks Corp New | -54.009,4 | -0,10 % | Dezember 1975 | Januar 2009 |
| 11 | Deutsche Bank | -47.302,5 | -0,09 % | November 2001 | Dezember 2022 |
| 12 | Coinbase | -44.607,7 | -0,08 % | Mai 2021 | Dezember 2022 |
| 13 | Sprint Nextel | -39.754,6 | -0,07 % | Mai 1963 | Juli 2013 |
| 14 | Broadwing | -37.680,9 | -0,07 % | August 2000 | Januar 2007 |
| 15 | Time Warner Inc New | -37.331,8 | -0,07 % | April 1992 | Juni 2018 |
Quelle: Shareholder Wealth Enhancement, 1926 to 2022, Hendrik Bessembinder, Juni 2023
>> Hier findest du die 25 schlechtesten Aktien seit 1926
Auch 2023 nur wenige Top-Performer
Dass nur noch wenige Unternehmen den Markt anzutreiben scheinen, ist ein Thema, das derzeit für Beunruhigung unter einigen Marktbeobachtern sorgt. Viele fürchten dadurch ein zunehmendes Klumpenrisiko. Auch die Aktienrally im Jahr 2023 wird nur von wenigen großen Unternehmen getragen. So legte der S&P 500 im ersten Halbjahr 2023 etwa um 15,9 Prozent zu. Jedoch lässt sich auch dort ein Großteil des Zuwachs auf sieben Firmen zurückführen: Alphabet, Amazon, Apple, Microsoft, Meta, Nvidia und Tesla. An der Wall Street gelten die Tech-Giganten mittlerweile als Magnificent Seven, also die glorreichen Sieben.
Diese Konzentration spiegelt sich auch in der Zusammensetzung des Index wider. Der S&P 500 zeigt eine Konzentration von 29,6 Prozent in den Magnificent Seven. Dies ist der höchste kombinierte Anteil seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1957. Die Gefahr: Sollten die Kurse der besagten Firmen fallen, weil es etwa zu einer Verlangsamung des KI-Wachstums oder einer weiteren Eintrübung des makroökonomischen Umfeldes kommt, könnte das entsprechend zu einer höheren Volatilität und einem starken Rückgang des S&P 500 führen. >> Mehr dazu erfährst du hier
Wie solche Konzentrationen entstehen
Doch wie entstehen solche Konzentrationen? Ein Erklärungsansatz sind die Gewinne – größere Unternehmen verdienen mehr. Eine Analyse des Bloomberg-Kolumnisten Nir Kaissar zeigt, dass der Marktwert eines Unternehmens tendenziell umso höher ist, je mehr Geld es verdient. Der nachlaufende 12-Monats-Nettogewinn der S&P-500-Unternehmen ist stark mit ihrem Marktwert verknüpft, wobei im Laufe der Zeit eine Korrelation von 0,82 gemessen wurde. Dabei bedeutet eine Korrelation von 1, dass sich zwei Variablen genau in dieselbe Richtung bewegen.
Was bedeutet das für Investoren?
Dass Aktien mit Risiken verbunden sind, ist für viele nichts Neues – und die Studie scheint das einmal mehr zu belegen. Dennoch sollten Anleger auch weitere Erkenntnisse daraus ziehen. Eine ist wohl, dass das durch Aktienanlagen geschaffene Vermögen auf eine sehr geringe Anzahl von Wertpapieren zurückzuführen ist. Wer also keine Stockpicker-Qualitäten besitzt, wird laut der Studie mit einiger Wahrscheinlichkeit keine guten Resultate an der Börse erzielen. Womit Laien zwei Optionen bleiben:
Die gezielte Aktienauswahl einer Managerin beziehungsweise einem Manager ihrer Wahl zu überlassen, denn Bessembinder unterstellt in seinen Berechnungen keinerlei Managementleistung. Er untersucht lediglich, welche Ergebnisse eine Aktie von ihrer Erstnotiz bis zum letzten verfügbaren Stichtag erzielt hat – oder alternativ bis zu ihrem Verschwinden vom Kurszettel. Und da seit 1926 jede Menge US-Aktien hops gegangen sind, ist es logisch, dass deren in der Regel katastrophale Vermögensbilanz das Gesamtergebnis nach unten zieht. Wobei auch hier gilt: Irren ist menschlich und aktive Fonds bleiben nicht selten hinter der Benchmark zurück.
Oder den gesamten Markt zu kaufen und damit auf Index-Investments, sprich auf ETFs zu setzen. Und damit sowohl Gewinner als auch Verlierer mitzunehmen.
So oder so, wer mit dem Investieren anfängt, sollte sich bewusst sein, dass es schlecht enden kann, Superrenditen nachzujagen.

