Robert Halver zur Zinspolitik „Aktien schwanken auch künftig wie Betrunkene – und erholen sich“
EZB und Stabilität - Zwei Welten treffen aufeinander
Und die Geldpolitik will auch gar nicht gegen die Inflation gewinnen. Sie konzentriert sich auf die Stützung der Konjunktur. Mangelnde Rohstoffe bei brüchigen Transportketten – auch wegen Chinas Null Covid-Politik – betrüben die Weltwirtschaft und machen rohstoffarmen und exportorientierten Ländern wie Deutschland das Leben gleich doppelt schwer. Und jetzt muss die EZB – obwohl es nicht ihre Aufgabe ist – auch noch horrende Militärausgaben und den Aufbau alternativer Energien günstig finanzieren. Ähnlich wie bei neuangeschafften Haushaltsgeräten scheint die EZB die Betriebsanleitung für Stabilitätspolitik nicht gelesen zu haben.
Was nun, liebe Anleger?
Während Zinsgläubiger keine Freude haben, kommen Zinsschuldner aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus. Zwar steigen die Kreditzinsen. Doch was für Anlagezinsen nach Inflation gilt, gilt auch für sie. Für die erste Hypothek über 10 Jahre erhält man im Moment einen realen Bauzins von etwa minus 5 Prozent. Selten war es so attraktiv, sich zu verschulden, was gleichzeitig auch entschulden heißt. Nichts Anderes macht Papa Staat. Wie einen gefräßigen Löwen lässt er die Inflation über seine Staatsverschuldung herfallen. Die Finanzminister fühlen sich wie Kinder in der Süßwarenabteilung.
Überhaupt, Inflation, die nicht bekämpft wird, wirkt auf das Sachkapital Aktie wie ein Aufzug. So holt man sich zumindest Teile der Inflation zurück.
Hinzu kommen die Freuden von Dividenden als Ersatzbefriedigung zu Zinsen, auch in puncto eines alternativen Zinseszinseffekts. Hätten Anleger zum Beispiel die Ausschüttungen der Telekom seit Börseneinführung 1996 immer wieder in T-Aktien investiert, hätten sie eine Durchschnittsrendite von etwa 4,4 Prozent pro Jahr gegenüber der reinen Kursentwicklung von nur 1,1 Prozent erzielt. Nicht zuletzt kommt Dividenden eine aktienkursstützende Wirkung zugute.
Für zukünftige Rentner ist ohne Aktien das ganze Jahr Aschermittwoch
Aktien werden auch zukünftig schwanken wie Betrunkene. Doch lehrt die Finanzgeschichte, dass sie sich immer wieder selbst von den größten Einbrüchen erholen und zu neuen Rekorden aufwärtsbewegen, solange es Megathemen wie Digitalisierung oder Klimaschutz gibt.


