Seit gut zwei Jahren klettert der S&P 500 wie an der Schnur gezogen nach oben. Allein seit Jahresbeginn hat der amerikanische Standardwerteindex um rund 23 Prozent zugelegt. Historisch betrachtet benötigt die Wall Street für einen solchen Anstieg fast drei Jahre. Entsprechend hoch sind die Bewertungen. Hinzu kommen die geopolitischen Risiken und die Unsicherheiten im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen am 5. November. All dies spricht auf den ersten Blick nicht unbedingt für eine nachhaltige Fortsetzung der Rally an den US-Aktienmärkten.

Dennoch sind weitere Kursgewinne durchaus denkbar, wenn nicht sogar wahrscheinlich. In den USA zeichnen sich vor allem die großen Technologiewerte durch eine extrem hohe Gewinndynamik aus. Diese Aktien sind mit den üblichen Kennzahlen kaum adäquat zu bewerten. Sie spielen sozusagen in einer anderen Liga. Natürlich kann es angesichts der extrem hohen Erwartungen auch zu Enttäuschungen und entsprechenden Kursverlusten kommen.

 

Als negatives Beispiel für die Empfindlichkeit des Marktes kann hier die ASML aus Europa genannt werden: Nach einer Reduzierung des Ausblicks straften die Anleger die Aktie des niederländischen Herstellers von Maschinen für Hightech-Chips jüngst mit einem Tagesverlust von rund 20 Prozent ab.

Unabhängig von ASML dürften sich Korrekturen bei Technologiewerten als Einstiegsgelegenheit erweisen. Dies gilt ebenfalls für die zeitweise gehypten Aktien aus dem KI-Bereich. Denn es ist davon auszugehen, dass sich das hohe Gewinnwachstum dieser Unternehmen fortsetzen wird. Das Umfeld ist einfach zu positiv, als dass die Kurse nachhaltig fallen könnten.

Gleichzeitig besteht Nachholpotenzial bei amerikanischen und europäischen Small- und Mid-Caps. Denn der Bewertungsabstand zu den Large Caps ist historisch hoch.

 

Nach der kürzlichen Zinssenkung der US-Notenbank (Fed) befinden wir uns in einem neuen wirtschaftlichen Umfeld. Der sogenannte „Zinspeak“, also der Höchststand des Zinsniveaus, ist überschritten. Interessant sind nun Unternehmen, die etwas höher und teurer verschuldet sind, da hier die Bilanzen durch sinkende Zinsen am stärksten entlastet werden.

Zinssenkungszyklus erst am Anfang

Während EZB-Präsidentin Christine Lagarde bereits dreimal an der Zinsschraube gedreht hat, hat Fed-Chef Jerome Powell die Geldpolitik erst einmal gelockert. Die amerikanische Notenbank hinkt dabei den Markterwartungen um rund ein Jahr hinterher. Bei Leitzinsen von 4,75 bis 5,00 Prozent besteht weiterer Spielraum für Zinssenkungen.

Die Terminmärkte signalisieren eine Wahrscheinlichkeit von circa 90 Prozent, dass die Fed auf ihrer nächsten Sitzung am 7. November ein zweites Mal die Zinsen senkt, und zwar um 25 Basispunkte auf 4,5 bis 4,75 Prozent. Zum Jahresstart 2025 könnte sie dann bei 4,25 bis 4,5 Prozent liegen. Der Zinssenkungszyklus dürfte nicht zuletzt aufgrund der bislang noch robusten US-Konjunktur noch bis zu eineinhalb Jahre andauern und in dieser Zeit die Aktienmärkte unterstützen. Davon dürften gleichzeitig auch die Rentenmärkte profitieren.

Wahlausgang weniger von Bedeutung

Anleger sollten die Unsicherheiten im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen nicht überbewerten. Für die Börsianer spielt es im Prinzip keine Rolle, ob Kamala Harris oder Donald Trump das Rennen macht. Außerdem gilt es zu bedenken, dass sich die Wall Street unter dem in Europa eher unbeliebten Trump gerade zu Beginn seiner ersten Amtszeit prächtig entwickelt hat.

Zwei Szenarien könnten sich jedoch als kritisch erweisen. Erstens, wenn es zu einem Patt zwischen Repräsentantenhaus und Senat kommt, das den Handlungsspielraum der künftigen Regierung erheblich einschränken würde. Zweitens könnte es kritisch werden, wenn die Wahl so knapp ausgeht, dass über Wochen nicht klar ist, wer die sie nun gewonnen hat, und der jeweilige Verlierer einen Sieg des Gegners nicht anerkennt.

In beiden Fällen könnte aufgrund der Unsicherheit Gold profitieren. Schon jetzt kommt dem Edelmetall zugute, dass große Notenbanken, allen voran die People`s Bank of China, dazu übergegangen sind, Gold statt amerikanische Staatsanleihen zu kaufen, um sich unabhängiger von den USA zu positionieren. Hinzu kommen nun die sinkenden Zinsen die den Goldpreis weiter unterstützen könnten.

Für einen zusätzlichen Schub könnte das US-Haushaltsdefizit sorgen. Denn sowohl unter Harris als auch unter Trump ist mit einem weiteren Anwachsen des Schuldenbergs in Washington zu rechnen, der mit mehr als 120 Prozent des BIPs bereits heute ein besorgniserregendes Niveau erreicht hat. Weitere Schulden für politische Maßnahmen könnten dem „sicheren Hafen“ Gold helfen, wobei aus Euro-Sicht auch der Wechselkurs zum US-Dollar berücksichtigt werden muss. Abschließend sei angemerkt, dass hier keine Anlageberatung erfolgt.


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Über den Autor:

Markus Mendach ist Geschäftsführer bei der Qcoon Invest und verantwortet die Niederlassung Hamburg. Zuvor war er unter anderem für die Bethmann Bank und die Schweizer UBS tätig.