Gerade einmal etwas mehr als 2 Prozent ist der S&P 500 von seinem Alltime-High entfernt. Der Dax bewegt sich sogar schon wieder auf Rekordniveau. Gleichzeitig spiegeln die Volatilitäts-Indizes wie der Vix oder der V-Dax New ein hohes Maß an Sorglosigkeit wider. Das könnte sich in den Sommermonaten als Fehlsignal erweisen.
Die Angst vor einem Zollkrieg zwischen den USA und dem Rest der Welt, die US-Präsident Donald Trump am „Liberation Day“ mit der Verhängung horrender Strafzölle entfachte, ist wie weggeblasen. Vielmehr preisen die Aktienmärkte ein, dass in den kommenden Wochen zahlreiche Handelsabkommen geschlossen werden, die das amerikanische Handelsbilanzdefizit reduzieren sollen.
Im Fokus stehen dabei vor allem die EU, China, Kanada, Mexiko und die Schweiz, da sie mit den USA am meisten Handel betreiben. Bislang gibt es jedoch erst einen „Deal“ mit Großbritannien, der inhaltlich auch noch recht dünn ist.
Und Trump legt immer weiter nach. Seit dem 4. Juni gelten für Stahl- und Aluminium-Importe die auf 50 Prozent verdoppelten Strafzölle. Am Tag darauf ließ der US-Präsident Handelsminister Howard Lutnick Strafzölle für importierte Flugzeugteile noch im laufenden Monat ankündigen. Doch auf solche Drohungen reagieren die Aktienmärkte immer weniger.
Inzwischen ist von dem sogenannten Taco-Trade die Rede. Das Akronym steht für „Trump Always Chickens Out” und beschreibt die Tendenz des US-Präsidenten, aggressive Tarifdrohungen auszusprechen, diese jedoch später zurückzunehmen, um Verhandlungen zu verlängern und die Märkte zu stabilisieren.
Trump setzt auf Verunsicherung
Doch der Taco-Trade könnte sich als Fehlinvestition erweisen. Die nächsten vier bis sechs Wochen müssen erst noch zeigen, ob Trump tatsächlich zu nachhaltigen Einigungen mit den Handelspartnern bereit ist. Seine bisher erratische Politik lässt daran zumindest Zweifel aufkommen. Es scheint vielmehr zu seiner Strategie zu gehören, andere Regierungschefs unter Druck zu setzen.
Eine mögliche – zumindest zwischenzeitliche – Eskalation des Zollstreits ist jedoch nicht der einzige Unsicherheitsfaktor, den die Aktienmärkte momentan ignorieren. Eigentlich müssten die hohen und vor allem wahrscheinlich weiter steigenden Staatsschulden der USA Sorgen bereiten. Elon Musk, eigentlich Trumps ziemlich bester Freund, ruft angesichts geplanter Rekordschulden schon offen zum Widerstand auf.
Zudem lassen die Anleger außer Acht, dass bislang ein Basiszoll von 10 Prozent auf alle Warenimporte in die USA gilt. Das erhöht in den USA die Gefahr einer wieder steigenden Inflation, was wiederum der Fed Steine in den Weg wirft, die Leitzinsen weiter zu senken.
Das müsste sie eigentlich, denn den USA droht eine Rezession. Selbst wenn es nicht dazu kommt, wird sich die US-Konjunktur in den kommenden Monaten voraussichtlich merklich abkühlen. Angesichts der Politik Trumps halten sowohl Unternehmen als auch Verbraucher Ausgaben und Investitionen zurück. Im ersten Quartal waren vor allem Vorzieheffekte angesichts der angekündigten Strafzölle zu beobachten.
Schon eine spürbare Verlangsamung des Konjunkturwachstums dürfte ausreichen, damit die Unternehmensgewinne zurückgehen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Importeure in den USA sicherlich nur einen Teil des zehnprozentigen Basiszolls an ihre Kunden weiterreichen können, da die Nachfrage sonst zu stark leidet. Nehmen sie einen Teil der Abgaben auf die eigene Kappe, belastet dies ihre Gewinne zusätzlich.
Umfeld passt nicht zu Bewertungsniveau
Bislang ungelöste Zollstreitigkeiten, eine spürbare Abschwächung des amerikanischen Wirtschaftswachstums, ein anhaltend hohes Zinsniveau, Inflationsrisiken und möglicherweise sinkende Unternehmensgewinne – all das spricht eigentlich gegen das derzeit hohe Bewertungsniveau an den amerikanischen Aktienmärkten. Die Händler an der Wall Street lassen sich davon jedoch nicht beeindrucken.
Doch wie bekannt, übertreiben es die Börsianer immer wieder gerne in die eine oder andere Richtung. Derzeit preisen sie die durchaus vorhandenen Risiken aus. Das kann sich jedoch von einem Tag auf den anderen ändern. Es ist wahrscheinlicher, dass die Volatilitäten in den kommenden Wochen wieder steigen, als dass sie auf dem derzeitigen Niveau verharren. Vor diesem Hintergrund könnten Anleger in Absicherungsstrategien investieren. Beim Gold ist das bereits zu erkennen.
Über den Autor:
Claus Langohr betreut bei Qcoon vermögende Privatpersonen, Unternehmen und ein Family Office. Zuvor war er bei Landesbank Baden-Württemberg sowie verschiedenen Banken aus der Schweiz und Liechtenstein tätig.
