Da die Renditen von Staatsanleihen stetig steigen, stellt sich berechtigterweise die Frage, ob Aktien ihre bisher in diesem Jahr erzielten zweistelligen Gewinne noch weiter ausbauen können.
Steigende Renditen führen zu höheren Fremdkapitalkosten für Unternehmen und verringern zudem den Barwert künftiger Unternehmensgewinne – Entwicklungen, die in der Regel die Aktienmärkte belasten. Die Bedenken bezüglich der Nachhaltigkeit der Aktienrallye scheinen aus unserer Sicht jedoch übertrieben.
Es gibt valide Gründe für die Annahme, dass die Aktienkurse in den nächsten Monaten weiter steigen werden. Das Hauptargument für eine weitere Übergewichtung von Aktien ist die Unternehmensrentabilität. Die Gewinne wachsen nach wie vor in bemerkenswertem Tempo, was zum Teil auf die zunehmende Verbreitung neuer Technologien wie KI zurückzuführen ist. Den Konsensprognosen der Analysten zufolge sollen die Unternehmensgewinne in diesem Jahr um 30 Prozent steigen. Wir sogar von einem noch höheren Zuwachs um rund 35 Prozent aus.
Steigende Renditen kein Hindernis für Aktien bei solidem Wachstum
Auch die konjunkturellen Rahmenbedingungen sprechen für Aktien.
Zwar lässt sich der Anstieg der Anleiherenditen teilweise auf den zunehmenden Inflationsdruck und die anhaltend hohen öffentlichen Defizite zurückführen, doch preisen die Rentenmärkte auch ein recht solides Wirtschaftswachstum ein. Historisch gesehen gehen steigende Anleiherenditen jedenfalls nicht immer mit Kursrückgängen an den Aktienmärkten einher. Entscheidend ist der Grund, weshalb die Renditen überhaupt steigen. Als Anleihen in konjunkturell guten Zeiten abverkauft wurden, wie etwa 1994 und 2013, verzeichneten die Aktienmärkte keine Kursverluste.
Genau dieses Bild zeichnet sich auch heute ab. Unsere Konjunkturzyklusindikatoren zeigen, dass das wirtschaftliche Gesamtbild – abgesehen von sinkenden Konsumausgaben in China – weiterhin recht positiv ist. Die europäische Wirtschaft entwickelt sich beispielsweise besser, als die meisten zu Beginn des Iran-Konflikts erwartet hatten. Sowohl die Konsumausgaben als auch die Unternehmensinvestitionen steigen, während der Inflationsdruck nachlässt.
Zwar hat sich das Wachstum der Verbraucherausgaben in den USA in den letzten Monaten auf annualisierte 1,8 Prozent verlangsamt und liegt damit unter der langfristigen Rate von 2,5 Prozent. Diese Entwicklung wird jedoch durch den Anstieg der Kapitalinvestitionen mehr als ausgeglichen.
Auch die Schwellenländer sind wirtschaftlich stabil aufgestellt und profitieren von hohen Rohstoffpreisen, einem starken Exportwachstum und relativ niedrigen Zinsen. China gibt zugegebenermaßen Anlass zur Sorge. Der Binnenkonsum lässt dort nach, und der chinesische Immobilienmarkt kämpft mit Problemen. Insgesamt liefert unsere Analyse dennoch positive Signale für die Weltwirtschaft. Tatsächlich bewegt sich der Index für wirtschaftliche Überraschungen, der erfasst, wie weit Daten die Konsensprognosen übertreffen oder verfehlen, seit Ende 2025 im positiven Bereich.
Auch die Bewertungen sprechen dafür, den Aktienanteil im Portfolio weiterhin höher zu halten. Ein aus unserer Sicht bedeutsamer Indikator ist die Aktienrisikoprämie, also der Abschlag, den Anleger für den Kauf risikoreicherer Aktien gegenüber Staatsanleihen verlangen. Unser Vergleich der Gewinnrenditen von Aktien mit den Renditen von US-Staatsanleihen zeigt, dass der Abschlag zwar gering ist, aber dennoch deutlich unter dem Niveau liegt, das auf eine Anfälligkeit der Aktien hindeuten würde. Für ein solches Szenario müssten die Renditen der Staatsanleihen deutlich steigen.
Positive Signale für Aktien – US-Zinspolitik bleibt das Hauptrisiko
Ansonsten sind die von uns beobachteten technischen Indikatoren für Aktien positiv, für Anleihen hingegen weniger. Zwar ist der September für Aktien oftmals ein schwieriger Monat, ein positives Zeichen sind aber Umfragen, aus denen hervorgeht, dass Anleger keine übermäßig bullischen Positionen in Aktien halten.
Konjunkturindikatoren, Bewertungen und technische Indikatoren sprechen einerseits für risikoreichere Anlagen, doch ist die Liquidität knapper geworden, was letztendlich die Aktienmärkte bremsen könnte. Das Hauptrisiko ist eine Straffung der geldpolitischen Rahmenbedingungen in den USA. Nach unserer Einschätzung könnte es bald erforderlich werden, die US-Zinsen anzuheben, um das ausgiebige Kreditverhalten von Staat und Unternehmen einzudämmen, das andernfalls die Inflation antreiben würde. Die Gesamtverschuldung in den USA liegt derzeit bei 16 Prozent des BIP und damit rund vier Prozentpunkte über dem langfristigen Durchschnitt.
