Aktienmärkte: Globale Wachstumsschwäche voraus?

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Zoomen wir ein paar Tage zurück: Wir schreiben den 31. Juli 2011, und alles starrt gebannt auf die Schuldendebatte in den USA. Wenn sich Republikaner und Demokraten einigen und die Unsicherheit aus der Welt schaffen, so die Einschätzung, haben die Aktienmärkte wieder Luft nach oben.

Doch es kommt anders als gedacht: Innerhalb von zwei Wochen rauscht der Deutsche Aktienindex bis zu 23 Prozent nach unten, der Dow Jones verliert bis zu 8 Prozent, und der Index für die Emerging Markets taucht um bis zu 18 Prozent ab.

Globale Abschwächung wahrscheinlich

Drei Erkenntnisse lassen sich meines Erachtens aus diesen Geschehnissen ziehen beziehungsweise bestätigen. Erstens: Analysten wie auch Volkswirte haben eine mäßige Erfolgsquote in der Prognose von Wirtschaftsdaten; manchmal liegen sie sogar meilenweit daneben, sodass man ihren Aussagen mit Vorsicht begegnen sollte.

Zweitens: Das aktuelle Mini-Wachstum der deutschen Wirtschaft ist nur eine Facette einer globalen Wachstumsschwäche, die bald negative Nachrichten aus anderen Regionen nach sich ziehen dürfte. Wie sonst wäre zu erklären, dass nicht nur die Indizes in Europa, sondern auch in Übersee und in den Emerging Markets satte Kursverluste erlitten haben?

Aufwärtstrend im Dax klar gebrochen

Wichtig für die Perspektiven der Anleger in den nächsten Wochen und Monaten scheint mir ein dritter Aspekt zu sein, der sich anhand des Dax gut aufzeigen lässt. Denn der deutsche Leitindex hat durch seinen krassen Absturz unter die 7.000-Punkte-Marke nicht nur einen Kursanstieg von bis zu eineinhalb Jahren Dauer in nur zwei Wochen ausgelöscht, sondern auch unter charttechnischen Aspekten sehr viel Porzellan zerschlagen.

So notiert der Index weit unterhalb der 200-Tage-Linie, die etliche Marktakteure als Trennlinie zwischen Bullen- und Bärenmarkt sehen. Zudem hat der Dax mit dem Durchschlagen der 7.000 Zähler sehr deutlich den Aufwärtstrend beendet, der sich vom März 2009 über das Tief im Sommer 2010 bis Juli 2011 zieht. Diese Fakten unterscheiden die aktuelle Verkaufswelle klar vom 1.000-Punkte-Verlust während des Fukushima-Dramas im Frühjahr 2011. Zu befürchten ist, dass wir noch einmal tiefere Kurse sehen könnten.

Interessante Kursniveaus erreicht

Trotz dieser charttechnisch bedenklichen Situation bleiben solide Aktien und Unternehmensanleihen auf Dauer attraktiv. Warum? Erstens gibt es kaum Alternativen. Die Schuldenkrise führte dazu, dass Staatsanleihen entweder als risikoreich oder als sehr sicher gelten.

So konnten die USA bei ihrer jüngsten Auktion Staatsanleihen zum Rekordniedrigzins von 2,13 Prozent verkaufen; die deutsche Umlaufrendite bewegt sich aktuell nahe ihres Allzeit-Tiefs bei gut 2 Prozent! Mit diesen Zinssätzen kommt ein Anleger nach Inflation und Steuern auf keinen grünen Zweig. Im Vergleich dazu streichen Anleger mit guten, dividendenstarken Aktien das Doppelte ein.

Zweitens ist nicht nur die relative, sondern auch die absolute Bewertung von Aktien auf dem aktuellen Niveau interessant. Die Dax-Unternehmen notieren in der Nähe ihres Buchwerts, und auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist mit derzeit knapp zehn historisch günstig – dies setzt jedoch voraus, dass die aktuellen Prognosen der Gewinnentwicklung nicht arg danebenliegen.

Was tun?

Fazit: Aktuell erleben wir eine Phase, in der die technische Analyse zu einem anderen Ergebnis kommt als die Auswertung der Fundamentaldaten. Da die Kurse den Nachrichten oft vorauslaufen, empfiehlt sich ein umsichtiges Vorgehen.

Dies kann etwa so aussehen, dass Anleger in Schwächephasen ihren Bestand an ausgewählten substanzhaltigen und dividendenstarken Aktien mit Teilkäufen aufstocken. So können sie günstige Einstiegskurse erzielen, ohne übermäßige Risiken einzugehen. Unangebracht erscheint mir jedoch, derzeit uneingeschränkt Kaufkurse auszurufen.

Der Autor: Stephan Albrech, Vorstand der Albrech & Cie. Vermögensverwaltung AG, Köln, und einer der Experten von www.vermoegensprofis.de.

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