Passanten mit Schutzmasken in der Wall Street in New York: Nach massiven Kurseinbrüchen haben sich die Aktienmärkte wieder etwas erholt, sind aber von ihren Höchstständen weit entfernt. | © imago images / ZUMA Wire Foto: imago images / ZUMA Wire

Aktienmärkte in der Corona-Krise

Erholung kann lange dauern

Henrik Drusebjerg, Chefstratege der Danske Bank

Die Phase, in der das Corona-Virus zu panischen Ausverkäufen an den Aktienmärkten geführt hat, wurde in den vergangenen Wochen von starken Kursanstiegen abgelöst. In den USA ist der S&P 500-Index seit seinem Tiefpunkt am 23. März um rund 25 Prozent gestiegen. Hier haben wir den größten Wochenzuwachs seit 1938 erlebt. Und in Europa hat der Stoxx 600-Index eine Erholung von über 20 Prozent verzeichnet.

Die schwierigste Phase mit den größten Kurseinbrüchen dürften wir hinter uns gelassen haben. Paradoxerweise kann man es aber auch andersherum sehen, nämlich dass bislang lediglich der leichteste Teil hinter uns liegt – die Phase, in der sich die Aktienkurse nach den heftigen Rückschlägen erholt haben. In Zukunft wird es jedoch nicht mehr so einfach sein. Es wird vermutlich deutliche Fortschritte in Bezug auf die Eindämmung des Corona-Virus und die Wiederbelebung der Wirtschaft erfordern, bevor wir weitere markante Kursanstiege sehen. Trotz der jüngsten Zuwächse haben die Aktienmärkte ihre Höchststände vom Februar noch lange nicht wieder erreicht. Am MSCI AC World beispielsweise lässt sich ablesen, dass globale Aktien noch immer substanziell niedriger notieren.

Die Anzeichen stimmen optimistisch

Die Kurve der Corona-Neuinfektionen scheint in vielen europäischen Ländern wieder abzuflachen. Auch für die USA deuten die Daten darauf hin, dass der Höhepunkt bald erreicht ist. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass die Wirtschaft schrittweise wieder geöffnet werden kann.

Darüber hinaus sind zuletzt einige Dinge in Gang gesetzt worden, die sich Kapitalanleger gewünscht haben. Besonders hervorzuheben ist hierbei das von der EU verabschiedete große wirtschaftliche Hilfspaket, das die europäischen Länder und Unternehmen auf ihrem Weg durch die Corona-Krise unterstützen soll.

USA und China im Blick behalten

Ausschlaggebend für die kommenden Wochen wird sein, wie es mit der Ausbreitung des Corona-Virus weitergeht. Verschiedene Länder geben allmählich bekannt, wie sie ihre Volkswirtschaften wieder in Gang bringen wollen. Hier ist es von besonderem Interesse, welche Schritte Donald Trump zur Wiedereröffnung der US-Wirtschaft verkünden wird.

In den USA hat die neue Berichtssaison begonnen. Das wird sicherlich keine schöne Angelegenheit, aber das erwartet auch niemand. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Zukunftsprognosen der Unternehmen, auch wenn sie sich zum jetzigen Zeitpunkt kaum dazu äußern können. Für Investoren ist die Unsicherheit derzeit hoch, weil sie nicht wissen, wie lange der Lockdown der Weltwirtschaft noch dauern und wie schnell die Öffnung vonstattengehen wird. Deshalb lässt sich kaum beurteilen, ob die vollzogenen Kursrückgänge an den Aktienmärkten den bevorstehenden Gewinneinbruch der Unternehmen angemessen widerspiegeln.

Darüber hinaus sollten Anleger die Daten aus China im Blick behalten und genau beobachten, wie die dortige Wirtschaft aus der Coronakrise kommt. Dies könnte ein Indikator für die weitere Entwicklung auch in anderen Ländern sein. Die chinesischen Exportdaten fielen zuletzt besser aus als erwartet.

Gute Aussichten für Aktien

Unter dem Strich gehen wir weiterhin davon aus, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten in der zweiten Jahreshälfte wieder anziehen werden, wenn auch nur schrittweise. Die großen konjunkturellen Hilfspakete, die niedrigen Zinsen und die geringen Ölpreise bilden ein gutes Fundament für eine konjunkturelle Erholung. Auf Sicht von zwölf Monaten sollten Aktien unseres Erachtens vernünftige einstellige Renditen erzielen.

Gleichzeitig werden die Märkte aber weiterhin von Schwankungen und Unsicherheit geprägt sein. Unter anderem stellt sich die Frage, ob sich die Verbreitung des Corona-Virus in der zweiten Jahreshälfte wieder ausdehnt und wie dann mit einer solchen Situation umgegangen wird.

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