Es ist erstaunlich, wie gelassen, ja fast schon positiv die Anleger auf die Entwicklungen im Nahen Osten reagieren. Da ruhen ein paar Tage lang die Waffen und umgehend fallen die Öl- und Gaspreise und die Aktienkurse steigen. Doch die Lage im Nahen Osten bleibt unberechenbar. Immer wieder ist die Straße von Hormus weitgehend gesperrt. Nun droht auch die Straße von Bab al-Mandab, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet, durch die vom Iran unterstützten Huthis geschlossen zu werden. Saudi-Arabien hat zuletzt über diesen Transportweg einen großen Teil seiner Ölexporte abgewickelt. Blieben beide Meerengen unpassierbar, würde der Welt eine erhebliche Menge an Öl fehlen.

Noch kritischer sieht die Lage beim Gas aus. Denn hier sind nicht nur die Transportwege unterbrochen, sondern auch ein Teil der Produktionsstätten wurde zerstört. So hat der Iran die Flüssiggas-Anlage Ras Laffan in Katar mit Raketen beschossen und dabei teilweise schwer beschädigt. Laut der Betreibergesellschaft Qatar Energy werden die notwendigen Reparaturen Jahre dauern. Ras Laffan gilt als die wichtigste LNG-Anlage Katars.

Selbst wenn es zeitnah zu einem erneuten Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran kommen sollte, bliebe die Lage im Nahen Osten fragil. Das Mullah-Regime hat die Erfahrung gemacht, dass es mit vergleichsweise geringen Mitteln den Rest der Welt erpressen kann. Von dem von US-Präsident Donald Trump versprochenen Regime-Change in Teheran kann keine Rede sein. Der selbst ernannte Gottesstaat bleibt ein Risiko.

Pipelines brauchen Jahre

Saudi-Arabien, Katar und der Irak versuchen, neue Transportwege auf dem Land zu erschließen. Laut Goldman Sachs befinden sich in der Golfregion insgesamt sieben Pipelines im Bau oder sind zumindest geplant. Bis Ende 2028 könnten diese eine Kapazität von insgesamt 14 Millionen Barrel Öl pro Tag erreichen. Zum Vergleich: Vor dem Irankrieg passierten täglich etwa 20 Millionen Fass Öl die Straße von Hormus. Andere Experten rechnen jedoch mit einer deutlich späteren Fertigstellung. Zudem könnte der Iran auch diese Transportwege angreifen. Die Hunderte Kilometer langen Pipelines lassen sich kaum vor Drohnenangriffen oder Sabotageakten schützen.

Die unsichere Versorgungslage trifft auf angespannte Vorräte. In den USA sind die staatlichen Ölreserven auf den niedrigsten Stand seit mehr als 40 Jahren gesunken. Zuletzt beliefen sie sich nur noch auf etwas mehr als 400 Millionen Barrel. In den vergangenen Monaten haben die USA pro Woche acht bis zehn Millionen Fass ihrer Reserven verkauft. Dies verdeutlicht die Endlichkeit der Vorräte.

Eine ähnliche Entwicklung gab es vermutlich auch in China. Die Volksrepublik hat ihre Ölimporte seit dem Ausbruch des Irankriegs von zwölf auf sieben Millionen Fass pro Tag reduziert. Zwar hat die petrochemische Industrie ihre Nachfrage zurückgefahren. Doch Peking dürfte den Rückgang seiner Ölimporte auch zu einem guten Teil durch seine Reserven ausgeglichen haben. Allerdings gibt es in China keine offiziellen Angaben zu den Vorräten.

In Europa ist vor allem die Vorratslage beim Gas angespannt. Zwar bezieht der alte Kontinent nur vergleichsweise geringe Mengen aus dem Nahen Osten, der vor allem Asien beliefert. Doch die Europäer konkurrieren mit den Asiaten um das amerikanische Flüssiggas (LNG). Dieses lässt sich sehr viel einfacher umleiten als Pipelinegas, wenn irgendwo auf der Welt ein höherer Preis geboten wird. Genau das war in den vergangenen Monaten immer wieder der Fall.

Im Juli waren die Gasspeicher in Europa nur noch zu 54 Prozent gefüllt. In den vergangenen fünf Jahren lag der Durchschnitt zu dieser Jahreszeit bei 70 Prozent. In Deutschland betrug der Füllstand zuletzt sogar nur noch 45 Prozent.

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Aktienmärkte auf Rekordkurs

Die Börsianer lassen sich bislang von den Turbulenzen auf den Öl- und Gasmärkten und den möglichen Preisrisiken die gute Stimmung nicht verderben. Wenn jedoch in Richtung Winter ernsthafte Versorgungsengpässe drohen sollten, könnte das Momentum schnell drehen.

Sollte der Ölpreis stark steigen, wären vor allem energieintensive Bereiche wie die Chemie- und Stahlindustrie, die Landwirtschaft oder die Logistik betroffen. Das würde auch für den Konsum gelten, wenn die Verbraucher mehr Geld fürs Tanken und Heizen zahlen müssen und dadurch ihre Kaufkraft sinkt.

Zudem dürfte in einem solchen Szenario die Inflation kaum weiter zurückgehen. Die Anleger an den US-Terminmärkten erwarten mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens noch eine Zinserhöhung der Fed in diesem Jahr. Die EZB hatte bereits im Juni aufgrund der Öl- und Gaspreise ihre geldpolitischen Zügel angezogen. Bis zum Jahresende könnten noch zwei weitere Zinserhöhungen folgen.

Zur Person

Thomas Buckard
Thomas Buckard

Thomas Buckard ist seit dem Jahr 2000 Gründungsmitglied der MPF AG. Als Vorstandssprecher ist er für die Kundenakquisition und -betreuung sowie die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die MPF AG gehört mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 2 Milliarden Euro zu den größten unabhängigen Vermögensverwaltern in Deutschland.