Internationale Investoren haben in den zurückliegenden drei Dekaden die Aktien der drittgrößten Volkswirtschaft trotz günstiger Bewertungen eher gemieden. Japanische Unternehmen galten als träge und aktionärsunfreundlich. Bargeld wurde in den Unternehmen gehortet, anstatt die Mittel in Form von Dividenden auszuschütten, Aktien zurückzukaufen oder zu investieren.

Mehr Dividenden, mehr Aktienrückkäufe

Seit 2014 haben die Regierung von Shinzo Abe sowie die Tokyo Stock Exchange verschiedene Reformen auf den Weg gebracht. Ziel ist, Japan wieder attraktiv für in- und ausländische Investoren zu machen. Unter anderem wurden die Unternehmen verpflichtet nachzuweisen, wie sie ihr Kapital verwenden. Dies ist sicher einer der Gründe, warum sich Gewinnausschüttungen sowie Rückkäufe japanischer Aktien 2023 auf Rekordniveau befinden. 

 

Im ersten Quartal des laufenden Jahres überraschte Japan mit einem BIP-Wachstum von real 1,6 Prozent. Nominal nahm das BIP um beachtliche 8,3 Prozent zu. Wachstumstreiber waren der Privatkonsum und das Wiederaufleben des Tourismus. Kaum ein anderes Industrieland kann mit dieser Dynamik mithalten. Zudem profitiert Japan vom Bezug günstiger russischer Energie aus den Sachalin-Feldern. Damit ergibt sich vor allem gegenüber Europa ein massiver Wettbewerbsvorteil.

Die Berichtssaison der Unternehmen für das erste Quartal 2023 verlief besser als erwartet, zudem lagen die Ausblicke im Schnitt über den Erwartungen. Dennoch sind die Unternehmen mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 14 im Topix weiterhin moderat bewertet. 

Schwacher Yen – Vor- oder Nachteil?

Die Kerninflation in Japan hat im Dezember 2022 mit 3,7 Prozent den höchsten Stand seit 41 Jahren erreicht. Dennoch will die japanische Notenbank auch unter ihrem neuen Chef Ueda an der lockeren Geldpolitik vorerst festhalten. Japan ist damit das einzige Land mit einem negativen Leitzins, der aktuell bei minus 0,1 Prozent liegt.

Dies hat dazu geführt, dass der japanische Yen zum Euro auf seinem tiefsten Stand seit 2008 notiert. Die Währungsschwäche verschärft zwar den Preisanstieg für Importe. Japanische Exporteure haben damit aber einen Wettbewerbsvorteil. Gleichzeitig heizen kräftige Lohnsteigerungen die Inlandsnachfrage an.

Für Euro-Anleger ist Vorsicht geboten. Sorgt der niedrige Yen mangels Anlagealternativen für ein aktienfreundliches Umfeld innerhalb Japans, hat er in diesem Jahr den Gewinn des Euro-Investors deutlich geschmälert.  

Japanischer Aktienmarkt - Fazit

Nach der starken Rally der japanischen Aktienmärkte in diesem Jahr steigt kurzfristig das Risiko von Gewinnmitnahmen. Dennoch liegen die Bewertungen der Aktien im Topix in etwa auf Ihrem Zehn-Jahres-Durchschnitt und damit noch nicht zu hoch. Die Reformen, die weiterhin lockere Geldpolitik, günstige Energie aus Russland und der schwache Yen bilden ein freundliches Umfeld für Unternehmen und Aktionäre.

Zudem bietet Japan eine Option auf den Aufschwung Asiens, ohne selbst von politischen Unwägbarkeiten wie in China belastet zu sein. Japan ist damit in jedem Fall einen zweiten Blick wert. Es könnte sich als Gegenpol zum hoch bewerteten US-Aktienmarkt etablieren.

 

Stefanie Dyballa
Stefanie Dyballa © KSW

Über die Autorin:
Stefanie Dyballa ist Portfoliomanagerin bei der KSW Vermögensverwaltung aus Nürnberg.