Einen Wimpernschlag von der 100-Milliarden-Marke entfernt: Ende April 2026 verwalteten aktiv gemanagte ETFs in Europa 99,9 Milliarden Euro. Es ist ein symbolischer Wert, der einen Wandel in der europäischen Fondsindustrie beschreibt. Was vor einigen Jahren noch ein Nischenprodukt war, zählt heute zu den meistdiskutierten Segmenten des ETF-Marktes.
Klassische, also passive ETFs bilden einen Index nach – den MSCI World, den S&P 500 oder den Dax. Ein aktiv gemanagter ETF funktioniert anders: Ein Portfoliomanager trifft eigene Anlageentscheidungen mit dem Ziel, einen Vergleichsindex zu schlagen oder ein bestimmtes Anlageziel zu erreichen. Das Produkt ist börsentäglich handelbar wie ein passiver ETF, aber in der Regel teurer in den Gebühren.
Wachstum auf dem Papier, noch klein im Verhältnis
Das Wachstum ist rasant. Zum Ende des Jahres 2022 verwalteten aktive ETFs laut LSEG Lipper in Europa 23,3 Milliarden Euro. Ende 2023 waren es bereits 31,9 Milliarden Euro, ein Plus von 37,1 Prozent. Im Jahr 2024 folgte das stärkste Wachstumsjahr der bisherigen Geschichte: Die Mittel stiegen um 70,8 Prozent auf 54,5 Milliarden Euro. 2025 kam ein weiteres Plus von 53,5 Prozent hinzu – auf nun insgesamt 83,7 Milliarden Euro zum Jahresende. Seit Ende 2020 hat sich das Volumen damit in etwa verfünffacht.
Und doch: Gemessen am gesamten europäischen ETF-Markt spielen aktive ETFs noch eine klare Nebenrolle. Ihr Marktanteil lag zum Ende des Jahres 2025 bei lediglich 3,21 Prozent in einer Branche, die insgesamt 2.578,3 Milliarden Euro verwaltete. Man könnte auch sagen: Die Schlagzeilen übersteigen das Marktgewicht.
Der Kapitalfluss als eigentliche Messlatte
Aussagekräftiger als reine Vermögenszuwächse – die auch durch steigende Kurse entstehen – sind die tatsächlichen Mittelzuflüsse. Diese haben sich beständig erhöht: 2023 flossen 6,7 Milliarden Euro netto in aktive ETFs, 2024 waren es 18,2 Milliarden Euro. 2025 erreichten die Zuflüsse 29,2 Milliarden Euro, davon entfielen 12,7 Milliarden Euro allein auf neu aufgelegte Produkte.
Für das laufende Jahr zeichnet sich ein neuer Rekord ab. In den ersten vier Monaten des Jahres 2026 summierten sich die Zuflüsse auf 12,0 Milliarden Euro. Setzt sich dieses Tempo fort, könnten es bis Jahresende rund 36 Milliarden Euro werden.
Fast jeder zweite neue ETF war aktiv
Aufschlussreich ist, was sich auf der Produktseite verändert hat. Von den 309 neu aufgelegten ETF-Primäranteilsklassen in Europa im Jahr 2025 waren 137 – also 44,3 Prozent – aktiv gemanagte Produkte. Fast jeder zweite Neustart erfolgte in einem Markt, der traditionell von passiven Indexfolgern dominiert wird. Das zeigt, wohin die Anbieter ihre Ressourcen lenken.
Ebenfalls auffällig: Die erst 2025 gestarteten aktiven ETFs sicherten sich im gleichen Jahr bereits 45,0 Prozent aller Mittelzuflüsse in das gesamte aktive Segment und damit fast so viel wie alle zuvor aufgelegten aktiven ETFs zusammen. Das ist ein Beleg dafür, dass neue Produkte auf tatsächliche Nachfrage treffen und nicht nur Marketinggeschichten erzählen.
J.P. Morgan hat die Nase vorn – noch
Im aktiven ETF-Segment in Europa ist seit vielen Monaten J.P. Morgan AM der führende Anbieter. Die amerikanische Großbank begann ihr aktives ETF-Angebot in Europa im Oktober 2018 mit sogenannten Research Enhanced ETFs – gemeint sind Fonds, die auf quantitativer Fundamentalanalyse beruhen und Benchmarks leicht übertreffen sollen.
Das Ergebnis ist eine Erfolgsgeschichte: J.P. Morgan wuchs von 409 Millionen Euro verwalteten Mitteln im zweiten Quartal 2018 auf 42,8 Milliarden Euro bis Ende 2025. Die Bank ist damit gemessen am gesamten europäischen ETF-Markt auf Platz neun vorgestoßen. Im aktiven Segment führt sie, wenngleich der Abstand unter Druck gerät. Weitere Anbieter drängen in das Segment, die Konkurrenz um die Zuflüsse nimmt zu.
iShares bleibt derweil die unangefochtene Nummer eins im Gesamtmarkt. 2025 sammelte die Blackrock-Tochter laut Lipper-Daten Zuflüsse von 114,6 Milliarden Euro ein. Die zehn größten ETF-Anbieter Europas kontrollierten zum Jahresende zusammen 92,7 Prozent des gesamten verwalteten Vermögens.
Die Amerika-Analogie greift nicht
Immer wieder wird die Frage gestellt, ob Europa den amerikanischen Weg wiederholen wird. In den USA explodierte das aktive ETF-Segment, nachdem steuerliche Regelungen aktive ETFs gegenüber aktiven Investmentfonds bevorteilt haben. In Europa existiert dieser steuerliche Anreiz nicht. Anleger haben daher, anders als in den USA, keine systemischen Gründe, klassische aktive Fonds zugunsten aktiver ETFs aufzugeben.
Das bedeutet nicht, dass aktive ETFs in Europa ohne Zukunft sind. Das Wachstum ist real und von echter Nachfrage getragen, wie die Zuflüsse in neu aufgelegte Produkte belegen. Aber das Wachstum wird mit hoher Wahrscheinlichkeit anders verlaufen: moderater, langsamer, getrieben von niedrigeren Gebühren, steigender Nachfrage über digitale Handelsplattformen wie Trade Republic, Scalable Capital und Co. sowie dem Wunsch, aktive Anlagestrategien im börsentäglichen Handel einzusetzen.
Anleihen als nächster Wachstumstreiber
Wohin das Wachstum als nächstes führt, lässt sich aus den Mittelflüssen ableiten. Aktive Aktien-ETFs führten 2025 mit 18,7 Milliarden Euro Zuflüssen, gefolgt von Anleihe-ETFs mit 6,9 Milliarden Euro. Für die Fondsbranche ist das bedeutsam: Im klassischen Anleihebereich dominieren in Europa nach wie vor aktiv gemanagte Investmentfonds. Hier öffnet sich ein Markt für aktive ETFs, sofern Anbieter überzeugende Produkte für institutionelle Anleger entwickeln.
LSEG Lipper erwartet, dass die Zahl neu aufgelegter aktiver Anleihe-ETFs die der passiven Bond-ETFs in den kommenden drei bis fünf Jahren übersteigen wird. Der Grund: Die Rückkehr positiver Zinsen hat Anleihen als Anlageklasse zurück auf die Agenda institutioneller Investoren gebracht, und aktive Manager sehen dort ihr bevorzugtes Terrain.
Kosten: Teurer als passiv, günstiger als klassische Fonds
Der durchschnittliche Gesamtkostensatz aller ETFs in Europa lag zum Ende des Jahres 2025 bei 0,33 Prozent. Aktiv gemanagte ETFs liegen in der Regel darüber, sind aber in den meisten Fällen deutlich günstiger als vergleichbare aktiv gemanagte Investmentfonds, deren Kosten häufig deutlich höher liegen.
Der europäische ETF-Markt insgesamt – aktiv wie passiv – könnte laut LSEG Lipper bei Fortschreibung der Zehnjahresrate bis Ende 2035 auf bis zu 16,8 Billionen Euro anwachsen. Ein konservativeres Szenario mit acht Prozent Jahreszuwachs käme auf 5,6 Billionen Euro. In beiden Szenarien gehören aktive ETFs zu den strukturellen Wachstumstreibern, auch wenn ihr Marktanteil auf absehbare Zeit ein Bruchteil des Gesamtmarktes bleiben dürfte.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der aktive ETF-Markt in Europa ist kein Hype und kein Megatrend, der die Branche kurzfristig umwälzt. Er ist, wie es das LSEG-Lipper-Jahrbuch 2026 formuliert, ein echtes Wachstumssegment. Eines, das noch in den Kinderschuhen steckt.



