DAS INVESTMENT: Herr Hecher, der europäische ETF-Markt hat Ende 2025 die 300-Milliarden-Marke bei den Zuflüssen geknackt. Was treibt dieses Wachstum an?

Claus Hecher: Die Zahlen sind tatsächlich beeindruckend. Wir sehen eine deutliche Beschleunigung der Zuflüsse gegenüber den Vorjahren. Der Löwenanteil – 208 Milliarden Euro bis Ende Oktober – floss in Aktien-ETFs. Fixed Income spielte mit 65 Milliarden auch eine wichtige Rolle, aber wie für ETFs üblich, dominiert der Aktienbereich klar.

Wohin fließt das Geld konkret?

Hecher: Globale Aktien stehen weiterhin an der Spitze. In Deutschland spielen die vielen MSCI-World-Sparpläne eine große Rolle – ich schätze, da fließen monatlich 2 bis 3 Milliarden Euro rein. Interessant ist aber: 2025 haben europäische Aktien ungewöhnlich stark abgeschnitten, normalerweise führen die USA. Die Veränderung bedingte sich durch die Sondersituation im Frühjahr mit den Ankündigungen zur amerikanischen Zollpolitik. Plötzlich wurden US-Aktien gemieden, und die Flows gingen verstärkt nach Europa. Die Ankündigungen der damaligen Bundesregierung zu Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur haben das zusätzlich angetrieben.

Auch China ist wieder im Aufwind?

Hecher: Ja, Emerging Markets generell und speziell chinesische Aktien haben auf kleiner Basis wieder ordentlich zugelegt. Nach zwei, drei Jahren Flaute gibt es wieder Kursdynamik und damit auch Nachfrage nach China-ETFs.

Ein weiterer Trend sind Geldmarkt-ETFs. Zuletzt haben einige Anbieter hier sogar aktive Produkte lanciert. Macht das überhaupt Sinn?

Hecher: Absolut. BNP Paribas Asset Management ist ein großer Anbieter von Geldmarktfonds, die aktiv gemanagt werden. Bisher noch nicht als aktive Geldmarkt-ETFs, aber das kann sich durchaus noch ändern. Wir haben uns zunächst auf einen ETF konzentriert, der den Zinssatz der Europäischen Zentralbank, die Euro Overnight Rate, abbildet. Die Nachfrage ist enorm – in nur vier bis fünf Monaten haben wir knapp eine Milliarde Euro eingesammelt.

Was macht Ihr Produkt besonders?

Hecher: Man kann mit einem Geldmarkt-ETF eine Überrendite gegenüber dem reinen Zinssatz erzielen, wenn man die Strukturierung richtig macht. Wir arbeiten Swap-basiert und haben uns bewusst für einen Aktien-Basket entschieden, weil dort am Swap-Markt viel bessere Konditionen üblich sind. Aktuell können wir eine Zusatzrendite von 46 Basispunkten über dem Swap-Markt erzielen. Das ist keine konstante Größe, aber sie verändert sich nicht von heute auf morgen – das wird von unseren Portfolio-Managern für längere Perioden eingedeckt.

Könnten Sie sich vorstellen, auch einen aktiven Geldmarkt-ETF aufzulegen?

Hecher: Wir haben bereits über 100 Milliarden Assets in Geldmarktfonds im Haus. Der Druck ist aktuell nicht allzu groß, weil wir mit unserem aktuellen Produkt sehr erfolgreich sind. Aber denkbar ist das durchaus.

Kommen wir zu einem Reizthema: Ist ESG tot?

Hecher: Nein, definitiv nicht. Der Anteil am Neugeld ist zwar geringer geworden, aber die absoluten Zuwächse sind immer noch da. Wir sehen da immer noch sehr viel Neugeld, und die Kunden vertrauen uns, weil wir da eine besondere Expertise haben.

Aber die Präferenzen haben sich verschoben. Wir sehen zwei Entwicklungen: ETFs mit SRI-Strategien, die viele Ausschlüsse haben und durch den Best-in-Class-Ansatz 75 Prozent des Marktes ausschließen, werden zunehmend gemieden. Diese hohe Abweichung zum Standardindex – der sogenannte Tracking Error – führt zu Performance-Schwankungen. In den vergangenen drei Jahren waren diese Abweichungen negativ, das heißt, man hatte weniger Rendite als mit einem Standardindex.

ETFs mit SRI-Strategien, die viele Ausschlüsse haben und durch den Best-in-Class-Ansatz 75 Prozent des Marktes ausschließen, werden zunehmend gemieden.
Claus Hecher

Aber es gibt auch Gewinner?

Hecher: Ja, und zwar ESG-Indizes mit sehr geringem Tracking Error gegenüber dem Standardindex. Da gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Branchenausschlüssen und man ist bei der Marktkapitalisierung nicht so restriktiv. Wir haben es geschafft, Tracking-Error-Werte von teilweise nur 0,5 Prozent zu erreichen – das ist wirklich niedrig. Wenn dieser Wert niedrig ist, gibt es auch bei der Performance keine negativen Überraschungen. Diese Produkte haben deutlich mehr Zuflüsse als bei den strengen SRI-Produkten.

Die Esma-Regulierung hat dazu geführt, dass einige Anbieter Begriffe wie ESG aus den Produktnamen zu entfernt haben. Wie sind Sie mit den neuen Regeln umgegangen?

Hecher: Das hat uns natürlich auch betroffen. Bei unserem Indexprodukt mit niedrigem Tracking Error mussten wir das ESG aus dem Namen nehmen. Aber das haben wir bewusst gemacht, denn hätten wir die zusätzlichen Ausschlüsse in Kauf genommen, um den Namen zu behalten, wäre das gegen unsere Philosophie gewesen. Uns war es wichtiger, Artikel 8 zu bleiben und einen niedrigen Tracking Error zu haben, als den Namen zu retten.

ESG aus dem Namen zu entfernen kann aber Nachteile haben, oder?

Hecher: Wenn Banken eine Empfehlungsliste erstellen und nur ETFs mit ESG im Namen aufnehmen, kämen wir nicht in die engere Auswahl – nur bei den streng nachhaltigen. Das ist halt so. Aber wenn ich ein ESG-Produkt habe, das zwar nicht so heißen darf, aber hohe Nachfrage hat, ist mir das lieber, als wenn der Name ESG enthält, aber niemand investiert.

Uns war es wichtiger, Artikel 8 zu bleiben und einen niedrigen Tracking Error zu haben, als den Namen zu retten.
Claus Hecher

Sprechen wir über aktive ETFs. Die Zuflüsse steigen stark – ist das nachhaltig?

Hecher: Die Wachstumskurven sind ordentlich, auch wenn wir von einer niedrigen Basis kommen. 2025 waren die Zuflüsse noch mal deutlich höher als in früheren Jahren, und wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt. Fast wöchentlich kommen neue Anbieter auf den Markt. Aber – und das ist wichtig – in zwei Jahren werden wir sehen, wer sich durchgesetzt hat. Das werden nur Produkte sein, die eine leichte Outperformance geliefert haben, sonst ist es witzlos, in aktive ETFs zu investieren.

Es gibt einen Anbieter, der früh mit aktiven ETFs angefangen hat und jahrelang das geliefert hat, was er versprochen hat. Dieses Jahr zeigte er aber eine starke Underperformance gegenüber einem klassischen Index – und schon ergeben sich Ausflüsse. Wenn die Performance da ist, wird investiert. Wenn sie ein Jahr lang fehlt, wird man mit Abflüssen bestraft. Diese Spielregel muss jedem Anbieter bewusst sein.

In welchen Bereichen eignen sich aktive ETFs besonders gut?

Hecher: Aktive ETFs sind breit anwendbar, man sollte sich aber auf die großen, liquiden Aktienmärkte konzentrieren. Aber auch Anleihen können eine interessante und robuste Nische sein. Wir haben interessante Ansätze für Unternehmensanleihen Euro Investment Grade und Global High Yield. Da sehen wir das Salz in der Suppe und vielleicht noch eine größere Erfolgswahrscheinlichkeit, Outperformance zu generieren als bei Aktien.

Eine Morningstar-Studie zeigt, dass aktive ETFs besser abschneiden als klassische aktive Fonds. Wie erklären Sie sich das?

Hecher: Das überrascht mich nicht. Die meisten aktiven ETFs machen Enhanced Indexing – man bewegt sich nicht so weit weg von der Benchmark. In unserem Fall weichen wir vom Index ab, indem wir über ein Multi-Faktor-Modell das Portfolio optimieren. Das ist rein quantitativ getrieben, kein subjektiver Research-Einfluss. Ich glaube, dass solche Ansätze, die den menschlichen Irrtum raushalten, verlässlicher sind und eine höhere Chance haben zu liefern.

Wird der Trend zu aktiven ETFs anhalten?

Hecher: Alle reinen aktiven Häuser, die strategisch verpasst haben, in den ETF-Markt einzusteigen, versuchen sich jetzt an der Beliebtheit des Verpackungsnamens ETF zu beteiligen. Eine Möglichkeit ist, aktive Strategien, die bisher als klassischer Investmentfonds angeboten wurden, zusätzlich als ETF anzubieten. Aber das funktioniert nur, wenn man sich bei den Gebühren an die Standards am ETF-Markt annähert.

Alle reinen aktiven Häuser, die strategisch verpasst haben, in den ETF-Markt einzusteigen, versuchen sich jetzt an der Beliebtheit des Verpackungsnamens ETF zu beteiligen.
Claus Hecher

Stichwort Gebühren – mehrere Anbieter haben kürzlich wieder gesenkt. Wie weit kann es noch nach unten gehen?

Hecher: Bei Standard-Indizes sind wir schon in einem absolut niedrigen Bereich. Der kleine Aufschlag für ESG-orientierte ETFs ist eh gering. Aber man ist immer wieder überrascht, dass jemand den Mut hat, mit günstigen Gebühren auf den Markt zu kommen – und da möchte ich unser Haus nicht ausnehmen. Wir haben einen MSCI World ETF mit neun Basispunkten lanciert, der im ersten Jahr nach Auflage sogar mit der halben Gebühr angeboten wird – also aufgerundeten fünf Basispunkten. Das ist niedriger als alles, was Sie am Markt beobachten können.

Das ist aggressives Pricing.

Hecher: Wir haben dieses Early-Bird-Angebot seit Frühjahr für jeden neu aufgelegten ETF eingeführt – 50 Prozent Rabatt im ersten Jahr. Das werden wir auch bei den Neuauflagen im nächsten Jahr beibehalten. Wir wollen Investoren belohnen, die früh dabei sind. Wichtig ist aber auch, dass wir nach dem Auslauf des Discounts eine Gebühr erheben, die wettbewerbsfähig ist. Man muss nicht immer beim letzten Basispunkt am günstigsten sein, aber in der Bandbreite der niedrigpreisigen ETFs muss man schon drin sein.

Das Trendthema 2025 waren Verteidigungs-ETFs. Sie haben da auch ein Produkt. Manche sagen, es sei schon zu spät zum Einsteigen. Wie sehen Sie das?

Hecher: Wir glauben, dass die Nachfrage nach Rüstungsgütern hoch bleiben wird. Die Verteidigungsbudgets der Nato-Länder werden ja für die Zukunft erst noch ausgegeben, viele Aufträge sind noch gar nicht erteilt. Man muss natürlich beachten, dass mit der Kursentwicklung schon viel passiert ist. Aber wir sehen, dass die ETF-Nachfrage weiterhin da ist. Wir haben heute gerade wieder eine Anfrage seitens eines institutionellen Investoren bekommen, der mehrere ETFs vergleichen will. Das Interesse besteht also noch.

Zur Person

Claus Hecher
Claus Hecher

Claus Hecher ist Head of ETF and Index Solutions Sales für Deutschland und Österreich bei BNP Paribas Asset Management.