Es ist ein Wachstum, das beeindruckt – und zugleich enttäuscht. Der europäische Markt für aktive ETFs hat Ende Dezember 2025 ein verwaltetes Vermögen von 78,4 Milliarden Euro erreicht. Im Vergleich zu den 52,5 Milliarden Euro des Vorjahres bedeutet dies ein Plus von knapp 50 Prozent. Und doch bleibt der Anteil dieser Produktkategorie am Gesamtmarkt mit 2,9 Prozent bescheiden. In den USA liegt dieser Wert bereits bei 11 Prozent – ein Verhältnis, das den Abstand zwischen den beiden größten ETF-Märkten der Welt deutlich macht.

Die Zuflüsse bröckeln – trotz steigender Assets

Die Zahlen erzählen eine Geschichte ambivalenter Entwicklung. Mit Zuflüssen von 22,7 Milliarden Euro im Jahr 2025 setzte sich die positive Entwicklung fort. Doch der Blick auf die relativen Zahlen mildert die Euphorie: Der Anteil aktiver ETFs an den Gesamtzuflüssen sank von 7,8 Prozent im Vorjahr auf 6,6 Prozent. Die Mittelzuflüsse verteilen sich ungleich über die Anlageklassen. Aktienfonds zogen 14 Milliarden Euro an, Anleihenstrategien kamen auf 6,4 Milliarden Euro. Allokationsfonds, die auf Vermögensverteilung setzen, sammelten 1,7 Milliarden Euro ein.

Morningstar-Analystin Mara Dobrescu sagt, der europäische Markt entwickele sich weniger dynamisch als zunächst erhofft. Während passive ETFs weiterhin die dominante Rolle spielen, müssten aktive Strategien ihren Mehrwert erst noch überzeugender unter Beweis stellen.

J.P. Morgan dominiert – die Konkurrenz rüstet auf

Die Marktstruktur zeigt klare Konzentration. J.P. Morgan Asset Management hält einen beherrschenden Anteil von 47 Prozent am Markt für aktive ETFs in Europa – und das trotz vergleichsweise spätem Markteintritt. Die strategische Entscheidung der US-Bank, sich auf Research-gestützte Indexstrategien zu konzentrieren, hat sich ausgezahlt. Fidelity folgt mit 10,4 Prozent Marktanteil auf Platz zwei, Pimco belegt mit 6,7 Prozent Rang drei. Pimcos Präsenz geht allerdings überwiegend auf ultrashort-duration Anleihenstrategien zurück, die noch unter dem längst aufgelösten Anbieter Source lanciert wurden.

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Doch die Landschaft verändert sich. 2025 markierte einen Wendepunkt: Mit 139 Neuauflagen wurde ein Rekordwert erreicht – nach 50 im Vorjahr und durchschnittlich zehn in den Jahren zuvor. Zu den Neueinsteigern zählen etablierte Namen wie Goldman Sachs AM, Fineco, Nordea, HSBC und M&G.

Viele dieser Asset Manager hatten das ETF-Geschäft jahrelang gemieden, weil sie die Verbindung mit kostengünstigem, passivem Investieren scheuten. Nun wittern sie ihre Chance: Der ETF-Wrapper bietet Vertriebsvorteile und Investorenreichweite, während sie ihre aktive Identität bewahren können.

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Die neue Klassifizierung: Diskretionär gegen systematisch

Morningstar hat 2025 eine neue Methodik eingeführt, die das Verständnis aktiver ETFs verändert. Statt einer pauschalen Kategorisierung als „aktiv“ unterscheidet die Ratingagentur nun zwischen „diskretionären“ und „systematischen“ Ansätzen. Die Klassifizierung erfolgt mittels Large Language Models, ergänzt durch manuelle Überprüfung von Grenzfällen, und basiert auf der Analyse von Fondsdokumenten und Prospekten.

Das Ergebnis: 60,2 Milliarden Euro oder 77 Prozent des Vermögens stecken in diskretionär gemanagten Strategien, bei denen Fondsmanager auf Basis eigener Analyse über Wertpapierauswahl und Portfoliostruktur entscheiden. Systematische Ansätze, die auf transparenten, regelbasierten Modellen mit minimaler Ermessensentscheidung beruhen, kommen auf 17,8 Milliarden Euro oder 22,7 Prozent.

Verschiebung bei den Zuflüssen

Der Blick auf die Mittelströme zeigt jedoch eine Trendwende. Systematische Aktien-ETFs zogen 2025 Zuflüsse von 9,1 Milliarden Euro an – fast das Doppelte der 4,8 Milliarden Euro, die diskretionäre Aktienstrategien einsammelten. Im Vorjahr war das Verhältnis noch umgekehrt: Systematische Produkte kamen auf bescheidene 1,1 Milliarden Euro, während diskretionäre Strategien 13,5 Milliarden Euro einnahmen.

Bei Anleihen bleibt die Welt dagegen in Ordnung – zumindest für die Verfechter diskretionärer Ansätze. Hier flossen 5,9 Milliarden Euro in diskretionär gemanagte Fonds, während systematische Strategien mit mageren 0,5 Milliarden Euro auskommen mussten.

Die Anbieter im Detail: Wer setzt auf welchen Stil?

Die Analyse der zehn größten Anbieter offenbart unterschiedliche strategische Ausrichtungen. J.P. Morgan als Marktführer setzt sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen konsequent auf diskretionäre Strategien – nur ein minimaler Bruchteil des Vermögens folgt systematischen Ansätzen. Auch Fidelity und Pimco bleiben im diskretionären Lager.

Anders sieht es bei iShares und Invesco aus. Beide Anbieter haben ihre Aktienstrategie überwiegend auf systematische Ansätze ausgerichtet, während sie bei Anleihen diskretionär bleiben. Nordea, einer der Neueinsteiger des Jahres 2025, hat sich vollständig auf systematische Aktienstrategien konzentriert und sich damit klar positioniert.

Bei Allokationsprodukten dominiert erwartungsgemäß der diskretionäre Ansatz. Produkte wie Vanguards Lifestrategy-Reihe basieren auf der Entscheidung erfahrener Vermögensverwalter über die richtige Asset Allocation – ein Bereich, in dem regelbasierte Modelle bislang weniger Akzeptanz finden.

Aktien versus Anleihen: Die Dominanz der Eigenkapitalinstrumente

Mit 55,9 Milliarden Euro entfallen 71 Prozent des Gesamtvermögens auf Aktienstrategien. Anleihen-ETFs verwalten 17,6 Milliarden Euro (22 Prozent), Allokationsprodukte kommen auf 3,3 Milliarden Euro (4,2 Prozent). Der Rest verteilt sich auf Geldmarkt- und Alternative Strategien.

Die Aufschlüsselung nach Anlagestilen zeigt: Im Aktienbereich sind diskretionäre und systematische Ansätze nahezu gleichgewichtig – 71 diskretionäre Fonds stehen 72 systematischen gegenüber. Die Dominanz diskretionärer Strategien beim verwalteten Vermögen erklärt sich durch die Marktmacht J.P. Morgans.

Bei Anleihen halten diskretionäre Strategien 16,6 Milliarden Euro, systematische lediglich einen Bruchteil. Fixed-Income-Märkte mit ihren komplexen Bewertungsfragen, Kreditrisiken und Zinsstrukturkurven scheinen bislang eine Domäne menschlicher Expertise zu bleiben.

Die Produktlancierungen: Willkommen in der Experimentierphase

Die 139 Neuauflagen im Jahr 2025 verteilen sich ungleich über die Anlageklassen. 64 neue Aktien-ETFs kamen auf den Markt, bei Anleihen waren es 49 – ein deutlicher Anstieg gegenüber lediglich 12 im Vorjahr. Multi-Asset-Produkte verzeichneten sieben Launches, Alternative Strategien 16.

Die Zahl der Schließungen blieb mit zwei Fällen marginal. Dies deutet darauf hin, dass Anbieter noch in der Experimentierphase stecken und abwarten, welche Konzepte sich durchsetzen.

Transparenz bleibt Standard – vorerst

Nahezu alle aktiven ETFs in Europa setzen auf vollständige Portfolio-Transparenz. Lediglich ein Produkt wurde 2025 unter einem semi-transparenten Regime lanciert. Dies steht im Kontrast zu Entwicklungen in den USA, wo Anbieter verstärkt auf nicht-transparente Strukturen setzen, um proprietäre Strategien zu schützen.

Die europäische Ucits-Regulierung verlangt grundsätzlich hohe Transparenzstandards. Ob sich semi-transparente Strukturen diesseits des Atlantiks durchsetzen können, bleibt abzuwarten – zumal Investoren bislang klare Präferenz für nachvollziehbare Portfolios zeigen.

Ausblick: Es braucht eine kritische Masse

Der Markt für aktive ETFs in Europa wächst – aber graduell, nicht explosiv. Die Verdreifachung des Vermögens binnen zwei Jahren beeindruckt auf den ersten Blick. Doch angesichts eines Gesamtmarkts von 2,7 Billionen Euro bleibt die Nische klein.

Die Verschiebung von diskretionären zu systematischen Aktienstrategien könnte Vorbote eines größeren Wandels sein. Systematische Ansätze bieten Skalierbarkeit, Kosteneffizienz und Nachvollziehbarkeit – Eigenschaften, die zum ETF-Konzept passen. Zugleich stellt sich die Frage, ob sie den Mehrwert bieten, den Investoren von „aktiven“ Produkten erwarten.

Die Marktkonsolidierung dürfte zunehmen. Nicht alle der 139 Neuauflagen von 2025 werden Erfolg haben. Anbieter ohne kritische Masse werden es schwer haben, gegen etablierte Player wie J.P. Morgan, Fidelity und Pimco zu bestehen.