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Altersvorsorge Weg in die Altersarmut: Aktuare wettern gegen Reformpläne

Dr. Maximimilian Happacher, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung
Dr. Maximimilian Happacher, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung: Zentraler Kerngedanke der Altersvorsorge wird aufgegeben. | Foto: Deutsche Aktuarvereinigung e.V.

Vergangene Woche hat eine Kommission Vorschläge für eine Reform der privaten Altersvorsorge vorgelegt. Bei Riester-Verträgen soll mehr Risiko durch den Wegfall von Garantien möglich werden. Zudem prüft die Bundesregierung ein neues Angebot, bei dem die Vorsorge mit ETFs und Fonds gefördert wird. Einen Staatsfonds soll es indes nicht geben.

Die Kommentare zu dem 50-seitigen Bericht der „Fokusgruppe private Altersvorsorge“ kamen teilweise schneller, als man diesen hätte vollständig lesen können. Viele Bewertungen fielen positiv aus. Insbesondere die Fondsbranche wertete das Ergebnis als Erfolg. Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands BVI, sprach von einem Paradigmenwechsel in der privaten Altersvorsorge.

Aktuare analysieren Ergebnisse der Fokusgruppe

Nun, wo das Thema aus der ersten Reihe der Schlagzeilen bereits wieder verschwunden ist, meldet sich die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) zu Wort. Die Zurückhaltung in der Form passt zum Selbstverständnis der berufsständischen Vertretung der als Aktuare tätigen Versicherungs- und Finanzmathematiker, die als Sachverständige eher im Hintergrund wirken. Inhaltlich indes kann nicht von Zurückhaltung gesprochen haben. Aus aktuarieller Perspektive gibt es demnach einige Kritikpunkte.

„Die Fokusgruppe betont, dass die nachhaltige Absicherung des Lebensstandards breiter Bevölkerungsgruppen das Ziel einer Reform der privaten Altersvorsorge sei. Die Vorschläge werden dem nur zum Teil gerecht bzw. konterkarieren dieses Ziel sogar“, sagt Dr. Max Happacher, seit April 2023 Vorsitzender der DAV. Positiv ist laut Happacher, dass mit dem Ergebnispapier ein Bekenntnis zu mehr Reformwillen erfolgt, die Bedeutung der privaten Vorsorge für die Alterssicherung hervorgehoben und weiterhin eine sozial orientierte und vereinfachte staatliche Förderung angestrebt wird. Gleiches gelte für den Vorschlag, sich mit höheren Startrenten zu beschäftigen und so Spielraum in der Auszahlphase zu ermöglichen.

Aufweichung des klassischen Rentenmodells

Als Hauptkritikpunkt bezeichnet der DAV die angebliche Gleichstellung der Rente mit zeitlich befristeten Auszahlungsplänen. Happacher: „Die Finanzierung der Lebenshaltungskosten zur Vermeidung von Altersarmut kann nur durch eine lebenslange Rente erreicht werden.“ Hierbei müsse es sich um stabile Zahlungen handeln, die garantiert bis zum Lebensende laufen und nicht dann enden, wenn ein Vermögenstopf aufgebraucht ist. „Die Vorschläge laufen darauf hinaus, dass viele Rentner – teilweise mit hohem Pflegebedarf – plötzlich kein Geld mehr haben, weil sie ein Auszahlungsmodell gewählt haben, das nicht lebenslang garantiert ist.“ Die DAV hält es für fahrlässig, wenn das aus ihrer Sicht bewährte Modell der Rente in der privaten Altersvorsorge für die breite Bevölkerung untergraben wird. Das käme staatlich geförderter Altersarmut gleich, so die Aktuare.

Kompletter Garantieverzicht nicht sinnvoll

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Um die Chancen des Kapitalmarktes für eine renditestärkere Altersvorsorge zu nutzen, sei es grundsätzlich sinnvoll, Garantieanforderungen abzusenken. Das schaffe Möglichkeiten für mehr Anlage in Sachwerten wie Aktien und Immobilien. Mit dem Vorschlag eines vollständigen Garantieverzichts für einzelne Produkte wie Riester-Verträge ist die Fokusgruppe aus DAV-Sicht allerdings über das Ziel hinausgeschossen. „Auf Basis aktuarieller Erkenntnisse ist eine komplette Abkehr von der Garantie nicht notwendig und hier auch nicht zielführend. Sie dient immerhin als Sicherheitsnetz“, so Happacher. Gerade für die Gruppen, bei denen es um die Vorbeugung von Altersarmut sowie Lebensstandardsicherung und nicht in erster Linie um Renditeoptimierung gehe, sei das nicht die beste Lösung.

DAV sieht Investitionen in ökologischen Umbau gefährdet

Ein weiteres Problem liegt aus DAV-Sicht beim Wettbewerb und Wechsel zwischen den Produktgebern. Eine maximale Flexibilität beim Anbieterwechsel in der Ansparphase könne nicht mit sehr langfristiger Anlagestrategie in Einklang gebracht werden. Happacher: „Gerade beim angestrebten ökologischen Umbau der Gesellschaft sind aber genau solche Langfristinvestitionen gefragt. Kapitalanleger müssen hierfür Planungssicherheit haben. Das beschränkt größtmögliche Wechsel-Flexibilität.“

 

 

Zeit drängt, doch die Politik ist noch nicht so weit

Der DAV-Vorsitzende sieht nach eigener Aussage im weiteren Prozess noch deutlichen Handlungsbedarf, aber auch den nötigen Handlungsspielraum. Angesichts des aktuellen Diskussionsstandes gebe es von politischer Seite weitergehenden Beratungsbedarf. „Wir Aktuarinnen und Aktuare der DAV stehen als neutrale Instanz bereit, unser versicherungsmathematisches Know-how in den anstehenden Prozess einzubringen. Wir können auf diesem Weg einen fairen Interessenausgleich aller Beteiligten erwirken, um die private Altersvorsorge nachhaltig auf solide Beine zu stellen. Dabei erwartet der Verein noch in dieser Legislaturperiode Gesetzesvorhaben, Happacher: „Reformen sind längst überfällig.“

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