DAS INVESTMENT: Sie steuern mit ihrem Team nun bereits seit 20 Jahren den 1997 aufgelegten Allianz Wachstum Europa sowie dessen später gestartetes internationales Gegenstück, den Allianz Europe Equity Growth, und managen somit aktuell rund 6,6 Milliarden Euro Vermögen der Anteilseigner. Als Investmentchef für den Bereich Global Growth hüten Sie insgesamt 24 Milliarden Euro. Worauf führen Sie diesen Erfolg zurück?
Thorsten Winkelmann: Wir sind sehr stolz und dankbar, über die vergangenen Jahre so viel an Zuspruch von unseren Kunden erhalten zu haben. Ich denke, dass der Erfolg auf der Einhaltung aus meiner Sicht recht einfacher Regeln basiert: Investmentphilosophie und auch Investmentprozess müssen überzeugend und gleichzeitig leicht nachvollziehbar sein. Außerdem legen wir sehr viel Wert auf einen offenen, ehrlichen und transparenten Informationsaustausch mit unseren Kunden, was insbesondere in volatilen oder schwierigen Marktphasen extrem wichtig ist.
Warum sollten Anleger ausgerechnet auf europäische Growth-Titel setzen?
Winkelmann: Unsere Definition von Growth unterscheidet sich sicherlich etwas von dem, was viele andere hierunter verstehen. Wir suchen nach Unternehmen, die aufgrund Ihres Geschäftsmodells oder ihrer Produkte und Dienstleistungen eine überdurchschnittlich hohe und stabile Profitabilität erzielen. Ein derartiges Potenzial muss für uns sehr visibel sein. Derartige Unternehmen haben in der Regel die Möglichkeit, hohe erwirtschaftete Renditen wieder ins Geschäft zu reinvestieren, dadurch weiter zu wachsen und so wiederum eine hohe Rendite auf das frisch eingesetzte Kapital zu erzielen.
Natürlich gibt es in Europa nicht Tausende derartiger Unternehmen, aber unser erfahrenes Team – mit einer Research-starken Firma im Rücken – findet immer wieder genügend vielversprechende Titel, die wir dann gerne jeweils für ein paar Jahr halten. Gerade nach der heftigen Rotation von Growth zu Value im Jahr 2022, die uns und unseren Kunden sehr viel abverlangt hat, sehen wir die Bewertungen vieler von uns präferierter Unternehmen wieder als angemessen an.
Tatsächlich gerieten Investments in wachstumsstarke Firmen in den vergangenen Monaten eher ins Hintertreffen, auch Sie haben mit dem Fonds 2022 enorme 30 Prozent verloren. Woran lag dies und woran machen Sie fest, dass sich dieser Trend bereits wieder ins Positive gedreht hat?
Winkelmann: Die allermeisten Unternehmen unseres Fonds konnten vergangenes Jahr operativ brillieren. Sie haben unsere Gewinn- und Wachstumserwartungen entweder erfüllt oder sogar übertroffen. Einzig die Bewertung, die für solche Unternehmen gezahlt werden mussten, erschien im Hinblick auf die Großwetterlage zu hoch. Denn aufgrund der hohen Inflation konnten 2022 sehr viele europäische Unternehmen Wachstum erzielen, deren Bewertung zudem häufig recht attraktiv war. Wenn Wachstum eher rar zu finden ist, sind Anleger bereit, hierfür einen Aufpreis zu zahlen.
Wenn es allerdings – wie 2022 – nicht rar ist, sind ausgesprochene Growth-Titel kurzfristig weniger interessant, da sie vielfach als zu teuer gelten. Die Notenbankpolitik hat die Bewertungsdiskussion für Aktien zusätzlich verschärft, was sich ebenfalls negativ auf unseren Fonds ausgewirkt hat. Ein Blick ins Jahr 2023 zeigt allerdings, dass es vielen europäischen Unternehmen schwerfällt, weiter zu wachsen. Unternehmen, die auf ihrem langfristigen und strukturellen Wachstumspfad bleiben, sind somit plötzlich wieder interessant.
Sie geben für die vergangenen 20 Jahre im Schnitt 12 Prozent Rendite an, in den vergangenen 5 Jahren waren es nur noch 6,3 Prozent (Morningstar). Was erwarten Sie in den kommenden Jahren?
Winkelmann: Eine Daumenregel besagt, dass sich die Entwicklung einer Aktie oder des Aktienmarktes langfristig immer anhand des unterliegenden Gewinnwachstums bestimmt. Seit Auflage der Strategie vor 20 Jahren haben wir eine Performance von im Schnitt etwa 12 Prozent pro Jahr erwirtschaftet. Dies deckt sich nahezu perfekt mit dem erzielten Gewinnwachstum unserer Unternehmen über diesen Zeitraum.
Auch nach vorne schauend sollte sich die langfristige Fonds-Entwicklung primär am – überdurchschnittlich hohen – Gewinnwachstum unserer Unternehmen orientieren. Zwischenzeitlich wird es aber immer wieder temporäre Störungen sowie Volatilität geben – hervorgerufen durch Faktoren wie Inflation, Konjunktur, Geo- und Notenbankpolitik, die die Situation am Aktienmarkt mit beeinflussen.
Ihr Portfolio fällt mit 35 Titeln sehr konzentriert aus, zugleich gewichten Sie Anlegerlieblinge wie etwa ASML und LVMH hoch. Gehen Sie grundsätzlich so vor und was spricht dafür, schließlich sind die Kennzahlen des Fonds wie Kurs/Gewinn oder Kurs/Buchwert selbst verglichen mit anderen Europa-Growth-Aktienfonds überdurchschnittlich hoch?
Winkelmann: Es freut mich sehr, dass Titel wie ASML oder LVMH heute als „Lieblinge“ gelten. Schließlich halten wir LVMH bereits seit Etablierung der Strategie im Jahr 2003 und ASML seit 2007. Grundsätzlich ist unsere Portfoliokonstruktion benchmark-agnostisch. Das heißt, wir diskutieren nicht, ob wir einen Titel gegenüber der Benchmark über- oder untergewichten. Vielmehr entscheiden wir primär danach, ob ein Unternehmen unsere strikten, langfristigen Ansprüche an Profitabilität, Wachstum, Qualität und Visibilität erfüllt, um überhaupt erst einmal einen Platz im Portfolio zu bekommen.
Die Positionsgröße bestimmt sich dann über eine fast schon tägliche Diskussion im Team über unsere jeweilige Überzeugung und das Kurspotenzial für die nächsten drei Jahre. Je höher Überzeugung und Kurpotenzial, desto größer das Gewicht im Fonds. Normalerweise bekommt man stark wachsende, hoch profitable und qualitativ hochwertige Unternehmen nicht zu einem Discountpreis. Die Bewertung des Fonds liegt aber heute deutlich unter derjenigen im Jahr 2022 sowie unter dem Bewertungsdurchschnitt der vergangenen zehn Jahre.

