DAS INVESTMENT: Herr Schmitz, BlackRock hat vor einigen Quartalen Global Infrastructure Partners übernommen. Könnten Sie kurz den Hintergrund erläutern?
Dirk Schmitz: Wir glauben, dass Infrastrukturanlagen in den kommenden zehn Jahren zu den am stärksten wachsenden Bereichen innerhalb der Privatmärkte zählen werden. Die Akquisition von Global Infrastructure Partners – einer der führenden unabhängigen Infrastrukturmanager weltweit – macht BlackRock zu einem der größten Player in diesem Feld. Für unsere Kunden ist das eine großartige Nachricht. In Zeiten geopolitischer Unsicherheiten und struktureller Veränderungen bieten reale Vermögenswerte wie Infrastruktur wertvolle Stabilität und laufende Erträge. Das Interesse unserer Kunden ist entsprechend groß.
Was unterscheidet erfolgreiche Infrastrukturinvestments von klassischen Aktien- oder Rentenanlagen?
Schmitz: Es ist ein gänzlich anderes Investieren. Infrastrukturprojekte sind langfristig, illiquide und häufig komplex strukturiert. Dafür bieten sie vergleichsweise stabile Cashflows, sind oft inflationsgeschützt und weniger anfällig für kurzfristige Marktvolatilität. Infrastrukturanlagen können daher in einem unsicheren Umfeld eine vergleichsweise stabile Ertragsquelle darstellen. Um solche Investments richtig zu bewerten, braucht es jedoch starke Sourcing-Kapazitäten und eine klare Risikoeinschätzung. Über unser globales Netzwerk sichten wir jährlich über 9.000 Transaktionen und investieren schließlich nur in rund 5 Prozent davon. Diese Selektion ist entscheidend für eine gute Performance.
„Infrastrukturanlagen können in einem unsicheren Umfeld eine vergleichsweise stabile Ertragsquelle darstellen.“ – Dirk Schmitz, Deutschland-Chef, BlackRock
Ein Teil der Strategie ist auch, diese Märkte für Privatanleger zu öffnen. Funktioniert das?
Schmitz: Absolut. Als wir 2019 den ersten ELTIF auf den deutschen Markt gebracht haben, war das Echo verhalten. Heute verwalten wir europaweit rund 1,4 Milliarden Euro in ELTIFs, und mit ELTIF 2.0 steigt das Interesse weiter – auch bei Privatanlegern. Aber es braucht weiterhin Aufklärung, Regulierung und Transparenz.
Was heißt Transparenz konkret – gerade bei alternativen Anlagen?
Schmitz: Wir sind der Meinung, dass Transparenz über Risiko- und Renditequellen essenziell ist – nicht nur bei börsengehandelten Fonds, sondern auch im Private-Markets-Bereich. Hier kommen unsere Technologien wie Aladdin und eFront ins Spiel. Damit ermöglichen wir institutionellen Investoren, ihr gesamtes Portfolio – inklusive illiquider Anlagen – ganzheitlich zu analysieren. Die Frage ist ja: Wie korrelieren meine Infrastrukturinvestments mit dem Rest meines Portfolios? Wie beeinflussen sie die Volatilität, das Downside-Risiko und die Ertragsquellen? Solche Einsichten sind heute Pflicht.
Bleiben wir beim aktiven Management. Inwieweit gewinnt aktives Management im aktuellen Zinsumfeld und angesichts wachsender Unsicherheiten wieder an Bedeutung?
Schmitz: Wir sehen ein Wiederaufleben des aktiven Managements. Viele Anleger haben in der Vergangenheit von der „liegen lassen“-Strategie profitiert – also einfach breit gestreut investieren und abwarten. Das funktioniert in einem Niedrigzinsumfeld mit wachsender Liquidität. Doch heute haben wir ein neues Investment-Regime: höhere Zinsen, struktureller Wandel, geopolitische Brüche, massive Unsicherheit. Vor diesem Hintergrund können gute aktive Manager ihre Stärken ausspielen. In unseren Augen ist jede Investmententscheidung – etwa in einen bestimmten ETF – eine aktive Entscheidung. Wir sehen, dass inzwischen auch aktive Manager ETFs nutzen. Kurz gesagt: Es sind Manager gefragt, die Chancen erkennen und Risiken gezielt steuern – sowohl in klassischen als auch in indexnahen, dynamischen Strategien.
Wie schlägt sich BlackRock in diesem neuen Umfeld?
Schmitz: Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen haben wir im ersten Quartal 2025 ein organisches Wachstum von 6 Prozent erzielt – der beste Start in ein Jahr seit 2021. Angesichts der gegenwärtigen Marktkomplexität ist das ein klares Signal für die Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsstärke unseres Geschäfts. Die Herausforderungen sind spürbar, aber sie bieten auch Chancen – wenn man sie richtig adressiert.
Wie beurteilen Sie die Attraktivität Deutschlands als Investitionsstandort angesichts der bestehenden Herausforderungen?
Schmitz: Deutschland bleibt für uns einer der wichtigsten Märkte außerhalb der USA – sowohl was Kunden als auch Investitionen angeht. Unsere Kunden wollen hier weiter investieren. Allerdings gibt es deutliche Herausforderungen, etwa bei Digitalisierung, Infrastruktur und Innovationsförderung.
Gleichzeitig soll wirtschaftliches Wachstum mit einem gerechten Übergang in eine kohlenstoffärmere Zukunft verbunden werden. Nachhaltigkeit und ESG standen lange im Zentrum der Debatte – heute ist das Thema stärker politisiert. Wie hat sich die Bedeutung von ESG im aktuellen Umfeld verändert?
Schmitz: ESG ist keineswegs tot – aber das Akronym ist zu einem politischen Kampfbegriff geworden. Unser CEO Larry Fink hat bewusst gesagt, dass er „ESG“ nicht mehr als Begriff nutzen möchte, weil er polarisiert. Das ändert nichts an der Substanz: Wir verwalten heute rund eine Billion US-Dollar in nachhaltigen Anlagen – das Volumen ist schneller gewachsen, als wir erwartet hatten. Und wir reden in fast jedem Kundengespräch über nachhaltige Anlagestrategien, besonders im institutionellen Bereich.
„ESG ist keineswegs tot – aber das Akronym ist zu einem politischen Kampfbegriff geworden.“ – Dirk Schmitz, Deutschland-Chef, BlackRock
Was wäre Ihr Appell an die Politik in Deutschland in diesem Kontext?
Schmitz: Wenn wir die Transformation wollen – und sie ist dringend notwendig –, dann müssen wir sie sozial gerecht gestalten. Grüne Technologien sind oft noch teuer. Wir können Menschen nicht zwingen, diese Produkte zu nutzen, wenn sie sie sich nicht leisten können. Das wird sonst politischen Widerstand hervorrufen. Die nachhaltige Transformation braucht ökonomische Vernunft, soziale Ausgewogenheit und – nicht zuletzt – funktionierende Kapitalmärkte. Dafür wollen wir als BlackRock unseren Beitrag leisten.
Zur Person: Dirk Schmitz leitet seit 2018 das Geschäft des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock als Countryhead für Deutschland, Österreich und Osteuropa. Zuvor hatte er leitende Positionen bei der Deutschen Bank und J.P. Morgan inne. Schmitz bringt mehr als drei Jahrzehnte fundierte Erfahrung in der Finanzbranche mit.
