Herr Barnitzke, am 1. Januar 2027 startet mit dem Altersvorsorgedepot die neue Form der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge. Droht zum Jahreswechsel eine regelrechte Werbeschlacht um Sparer und Anleger?
Torsten Barnitzke: Zum Jahreswechsel wird sich ein enormer werblicher Druck einstellen, so viel ist schon einmal absehbar. Die Sparer und Anleger werden von vielen Seiten angesprochen. Umso wichtiger ist es für sie, genau hinzuschauen und eine Vorsorgelösung zu wählen, die zur eigenen Situation passt.
Was hat es, kurz gesagt, mit der gesetzlichen Reform der Altersvorsorge auf sich?
Barnitzke: Das globale Board von Fidelity International tagte kürzlich bei uns in Kronberg. Spricht man mit den Kolleginnen und Kollegen aus den USA und UK, zeigt sich, dass dort eine kapitalmarktbasierte Altersvorsorge ganz selbstverständlich ist. Anders in Deutschland: Hier handelt es sich bei der gesetzlichen Neuregelung zur privaten Altersvorsorge, die erstmals eine breit angelegte Partizipation am Kapitalmarkt ermöglicht, um einen echten Gamechanger. Denn zum ersten Mal gibt es eine geförderte Vorsorge, die keine Garantiepflicht in der Ansparphase und keine Leibrentenverpflichtung in der Auszahlphase beinhaltet. Wir sehen die Entwicklung sehr positiv – vor allem auch, weil die Reform jetzt so schnell zur Umsetzung kommt.
Die Anlageexperten von Fidelity in den USA und Großbritannien verfügen über eine sehr lange Erfahrung und umfassende Expertise mit Altersvorsorgelösungen. Das sollte Anlegern in Deutschland zugutekommen, oder?
Barnitzke: Absolut. Hierzulande haben viele Anleger und Sparer falsche Vorstellungen von Kapitalmarktrisiken. Dabei ist Risiko relativ. Wenn man am weltweiten Kapitalmarkt über ein Jahr investiert, etwa in den MSCI World, liegt die Wahrscheinlichkeit eines Jahresverlusts bei 24 Prozent. Über einen Anlagezeitraum von 15 Jahren gab es historisch betrachtet keinen Zeitraum mit einer negativen Rendite. Mit unseren langfristig ausgerichteten Altersvorsorgelösungen wollen wir Anlegern in Deutschland die Sorge vor dem Investieren nehmen.
Kann die private Vorsorge, dieses inzwischen zunehmend Unausweichliche bei der Vorbereitung auf den Ruhestand, auch ein bisschen Spaß machen?
Barnitzke: Ja, tatsächlich kann Altersvorsorge auch ein bisschen Spaß machen - und nicht nur durch die staatliche Förderung. Sie wird die Aktienkultur positiv beeinflussen. Denn Anleger werden erkennen: Es gibt Marktschwankungen und gegebenenfalls auch stärker ausgeprägte Drawdown-Phasen. Aber die über längere Zeit entstehenden Zuwächse im Depot motivieren, nicht zuletzt wegen des Zinseszinseffekts. So kann aus einem kleinen Sparplan über die Jahre ein beachtliches Vermögen entstehen.
Was sollten Sparer und Anleger über Anlagestrategien und Vorsorgelösungen wissen?
Barnitzke: Langfristiges, regelmäßiges Investieren ist aufgrund des Cost-Average-Effekts sinnvoll, weil Anleger bei niedrigen Kursen mehr und bei hohen Kursen weniger Anteile kaufen. So lässt sich von Marktkorrekturen profitieren.
Um Rückhalt beim Investieren und bei der Vermögensallokation zu haben, sollten sich Sparer Beratung holen. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei der Lebenszyklusgedanke. Je näher der Rentenbeginn rückt, desto defensiver und sicherer sollte das Portfolio aufgestellt sein. Der Gesetzgeber stellt das Thema Lebenszyklus aktiv heraus und gibt bei dem Standarddepot Vorgaben vor: Fünf Jahre vor Renteneintritt sollen 50 Prozent des Portfolios in einem risikoarmen Baustein allokiert sein, zwei Jahre vor Renteneintritt 70 Prozent.
Für viele hiesige Anleger ist der Lebenszyklusgedanke neu; in den USA oder UK sind diese Modelle gang und gäbe. Die beiden vom Gesetzgeber vorgegeben Stufen sind ein Anfang, wir werden graduellere Modelle anbieten, bei denen auch schon zehn Jahre vor Renteneintritt etwas mehr Risiko aus dem Portfolio herausgenommen werden kann. Bei unserer Premium-Lösung kann der Kunde das Kapital aber auch zum Renteneintritt mit höherem Risiko und damit einem höheren Aktienanteil weiterwachsen lassen, das lässt sich ganz nach individuellen Bedürfnissen und Gegebenheiten regeln.
Inwieweit bieten sich Fondssparpläne zum schrittweisen Vermögensaufbau an?
Barnitzke: Schon mit kleinen regelmäßigen Einzahlungen lassen sich über die Zeit hohe Beträge erzielen. Sparpläne bieten sich aufgrund der Glättung des Einstiegspreises an. Und sie disziplinieren Anleger, auch in herausfordernden Marktphasen „antizyklisch“ zu investieren. Durch das Altersvorsorgedepot werden auch ungeförderte Sparpläne zusätzlich Schub bekommen.
Wie lässt sich sicherstellen, dass die Vorsorge individuell zum Privatanleger passt?
Barnitzke: Es ist sinnvoll, eine Analyse mit dem Berater durchzuführen. Wie sieht die persönliche Situation aus? Alter, Anlagehorizont, Risikobereitschaft, finanzielle Ziele, etwaige Vorsorgebausteine, die schon vorhanden sind, steuerliche Aspekte – das alles sollte Berücksichtigung finden.
Wissenswert für Investoren mit niedrigeren Einkommen und geringen Sparmöglichkeiten: Sie können überproportional partizipieren. Die Zulage beträgt 50 Cent je selbst eingezahltem Euro bis zu einem Eigenbeitrag von 360 Euro im Jahr. Das entspricht 30 Euro monatlich. Für weitere Eigenbeiträge von 361 bis 1.800 Euro jährlich beträgt die Zulage 25 Cent je Euro. Und für jedes Kind kann der Sparer zusätzlich bis zu 300 Euro Zulage erhalten.
Warum ist Fidelity der richtige Partner für die Altersvorsorge?
Barnitzke: Als ganz entscheidender Aspekt ist hier auf der einen Seite die Historie im Bereich der Altersvorsorge zu nennen. In den USA sind wir Marktführer mit 40 Prozent bei den 401(k)-Plänen, also bei der betrieblichen Altersvorsorge über den Arbeitgeber. In Großbritannien verwalten wir umgerechnet über 30 Milliarden Euro in Vorsorgelösungen für Privatanleger.
Zum anderen sind wir als Fidelity-Gruppe nicht nur Asset Manager, sondern in Deutschland über die FIL Fondsbank GmbH (FFB) auch im Depotgeschäft aktiv. Die FFB gehört zur Fidelity-Gruppe und betreut über 700.000 Kunden, die insbesondere durch unabhängige Finanzberater beraten werden und über Maklerpools angeschlossen sind. Damit können wir für diese Beraterzielgruppe alles aus einer Hand anbieten – den Investment-Bereich genauso wie die Verwahrung, das Zulagenmanagement und die Zertifizierung. Diese Expertise hilft uns auch in den Gesprächen mit anderen Vertriebspartnern. Die meisten unserer Mitbewerber können nur Investment-Bausteine liefern.
Fallen durch die sorgfältige, ganzheitliche Betreuung höhere Gebühren als beim Wettbewerb an?
Barnitzke: Der Gesetzgeber macht für das Standarddepot klare Vorgaben zu den Effektivkosten, die maximal bei 1 Prozent liegen dürfen. Und diese Grenze werden wir mit unserem Angebot unterschreiten.
Das Standarddepot darf nur aus zwei Investmentbausteinen bestehen – einem risikoorientierten und einem risikoarmen Baustein. Wir setzen für unser Angebot auf zwei aktive ETFs. Sie sind etwas teurer als rein passive Investments, bieten dafür aber Outperformance-Potenzial, da wir unser hauseigenes Research bei der Allokation der Titel nutzen. Zudem sind beide ETFs als Artikel 8 SFDR klassifiziert und berücksichtigen die wichtigsten Ausschlüsse, was gerade für jüngere Zielgruppen relevant sein könnte.
Mit dem Standarddepot bieten wir ein Angebot für sehr kostensensible Investoren – und trotzdem können wir Vertriebsleistung vergüten.
Unserer Einschätzung nach ist die Premium-Lösung noch interessanter – sowohl aus Investoren- als auch aus Beratersicht. Denn die Premium-Lösung bietet ein höheres Renditepotenzial durch ein breiter diversifiziertes Portfolio und einen Core-Satellite-Ansatz. Zusätzlich implementieren wir ein intelligentes Lebenszyklus-Modell mit einem noch besser auf das Risiko orientierten Gleitpfad hin zum Rentenbeginn. Wir werden bei dieser Premium-Lösung etwas höhere Effektivkosten ansetzen und den Vertrieb aufgrund der höheren Beratungsleistung besser incentivieren. Gleichzeitig werden die Mehrkosten überschaubar sein, sodass für Kunden und Berater eine Win-Win-Situation entsteht.
Generell: Wir setzen uns dafür ein, dass das in den USA und Großbritannien fest in Anlageprozessen verankerte Lebenszyklus-Modell – mit nach und nach verringerten Aktienquoten – auch hierzulande stärker zum Tragen kommt.
Zur Person
Torsten Barnitzke ist bei Fidelity International in Deutschland als Deputy Head of Wholesale tätig. In dieser Funktion verantwortet er die Betreuung wichtiger Vertriebspartner und beschäftigt sich unter anderem mit Fragen rund um die Fonds- und ETF-Anlage. Barnitzke ist außerdem Mitglied im zentralen Vertriebsausschuss beim Branchenverband BVI.
Barnitzke blickt auf über 20 Jahre im Finanzsektor zurück. Er stieß 2014 als Sales Director Bank Distribution zu Fidelity und war vor dem Wechsel in seine heutige Position als Head of Key Accounts & ESG Distribution für den Vertrieb an Banken zuständig. Er kommt von der DWS, wo er zuvor verschiedene andere Leitungsfunktionen im Vertriebs- und Marketingbereich innehatte.

