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Aufbruch zum Wachstum

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Forschung an einer medizinischen Fakultät: Der Gesundheitsmarkt in Europa bietet Anlegern Chancen. | © Getty Images

Amundi zu Anlageaussichten nach der Europa-Wahl

„Europäische Binnenmarkt-Titel sollten profitieren“

Thomas Kruse, Investmentchef von Amundi Deutschland

Herr Kruse, wie geht es nach den Europawahlen in der Europäischen Union weiter?

Thomas Kruse: Eine Zäsur ist der Stimmenverlust für die Sozialdemokraten und die Christdemokraten. Beide Parteien hatten seit 1979 eine Mehrheit im Europäischen Parlament – das ist jetzt vorbei. Auffällig ist der Bedeutungsgewinn der marktfreundlichen Liberalen, einschließlich der Partei des französischen Präsidenten Macron, sowie der Grünen. Zusammengenommen stellen die proeuropäischen Kräfte 67 Prozent der Abgeordneten; vor der Wahl waren es 70 Prozent. Die populistischen und rechtsextremen Parteien haben ihre Gewichtung im Parlament von 20 auf 25 Prozent ausgebaut, was den Wählerentscheid in Frankreich, wo die Rassemblement National“ an erster Stelle vor der Partei des Präsidenten steht, und in Italien spiegelt. In anderen wichtigen Ländern wie Deutschland und den Niederlanden blieben die rechtsextremen Parteien leicht hinter den Erwartungen zurück, während der Stimmenanteil der linksextremen Parteien von insgesamt 10 auf 7 Prozent zurückgegangen ist. Alles in allem haben die euroskeptischen Parteien ihre Gewichtung von 30 auf 32 Prozent steigern können; der vor der Wahl von vielen erwartete Polit-Tsunami ist damit ausgeblieben.

Die beiden traditionellen Parteien der politischen Mitte, die durch eine Koalition entweder mit dem Liberalen oder mit den Grünen eine Mehrheit bilden können, werden es nun etwas schwieriger haben als früher, zur politischen Entscheidungsfindung zu kommen. Der kleine Machtzuwachs radikaler Parteien führt dazu, dass sie leichter parlamentarische Ausschüsse bilden und Änderungsanträge einbringen können; wichtige Gesetzesinitiativen können sie aber nicht blockieren. Anders sieht es allerdings bei Themen aus, bei denen die Kräfte der Mitte es schwer haben, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen.

Bemerkenswert ist der Anstieg der Wahlbeteiligung. Bei den Europawahlen war in der Vergangenheit die Neigung wählen zu gehen nicht nur gering ausgeprägt, sondern auch rückläufig. Diesmal stieg die Wahlbeteiligung von 43 Prozent auf rund 50 Prozent, was ein steigendes Interesse der Wähler an dem Staatenverbund zeigt, in dem sie leben.

Welche Auswirkungen könnten die aktuellen Handelsstreitigkeiten auf die europäischen Volkswirtschaften und das politische Gefüge in Europa haben?

Kruse: Seit 2013 hat sich die Wirtschaftslage deutlich verbessert. Trotz großer Enttäuschungen im Jahr 2018 zeigten die über den Erwartungen liegenden Zahlen des ersten Quartals 2019, dass die Befürchtungen einer allgemeinen Rezession vor allem in Deutschland wahrscheinlich übertrieben waren. Die Binnennachfrage bleibt robust.

Dennoch bleibt Europa aus drei Gründen verwundbar: Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Eurozone in zwei Teile gespalten. Auf der einen Seite herrscht Vollbeschäftigung, während auf der anderen Seite das Wachstum kaum vorankommt und die Arbeitslosigkeit weiterhin hoch ist. Zweitens geht aus politischer Sicht ein Riss durch die Eurozone, der sich gegenüber den vergangenen Jahren vergrößert hat. Die Wünsche der Südeuropäer stehen entgegengesetzt zu den Zielen des Nordens. Und drittens finden sich die Europäer zunehmend in einer multipolaren Welt wieder. Während der Staatsschuldenkrise 2008/09 haben die Hauptpartner USA und Großbritannien den Europäern geholfen den Euro zu retten. Doch die Regierungen in diesen Ländern haben gewechselt, und niemand weiß, wie die Länder in der nächsten Krise zu Europa stehen werden.

Zugleich droht Europa bei Entwicklung und Einsatz neuer Technologien immer mehr hinter den USA und China zurückzubleiben. Die Europäer müssen einen Weg finden, ihre Differenzen zu überwinden, um Europa zu stärken: Im Hinblick auf eine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik, aber auch hinsichtlich einer tragfähigen Wirtschafts- und Finanzarchitektur in der Eurozone. Ebenso sollte sich Europa in der Handelspolitik aufraffen, mit einer Stimme zu sprechen.

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