Amundi zu den Europawahlen „Wir setzen mit Banken und Einzelhandel auf den europäischen Binnenmarkt“

Viktor Orban (2. v. r.) und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (r.): Die größte Gefahr für die EU ist die Zersplitterung.  | © Getty Images

Viktor Orban (2. v. r.) und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (r.): Die größte Gefahr für die EU ist die Zersplitterung. Foto: Getty Images

Thomas Kruse, Investmentchef von Amundi Deutschland

Herr Kruse, was sind Ihre Erwartungen an die Wahlen zum Europäischen Parlament, die vom 23. bis 26. Mai stattfinden?

Thomas Kruse: Die allgemein geringe Wahlbeteiligung bei diesen Wahlen erschwert Prognosen. Im Jahr 2004 sank die Wahlbeteiligung mit 49,5 Prozent erstmals unter 50 Prozent und ist seitdem weiter gesunken: Die im Jahr 2014 registrierten 42,6 Prozent Wahlbeteiligung liegen weit unter dem Niveau vor der Einführung der Gemeinschaftswährung von fast 57 Prozent im Jahr 1994. In einer Zeit großer Unsicherheit, geprägt durch zunehmenden Protektionismus und Populismus sowie den Klimawandel, kommt der Mobilisierung der europäischen Wähler, und insbesondere der jungen Europäer, jedoch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu.

Was die politische Zusammensetzung betrifft, deuten die Umfragen auf eine hohe Fragmentierung im neuen Parlament hin. Die Euroskeptiker werden im Europäischen Parlament wahrscheinlich eine viel größere Rolle spielen als heute. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle diese Parteien eine gemeinsame Front gegen die Mainstream-Parteien bilden werden, scheint jedoch sehr gering zu sein, da „systemfeindliche“ und nationalistische Parteien weiterhin sehr unterschiedliche Ausprägungen haben.

Wie könnte die Zersplitterung aussehen?

Kruse: Umfragen zufolge würden sich Populisten und Nationalisten wahrscheinlich nicht mehr als 25 Prozent der Sitze sichern. Die beiden großen politischen Kräfte – die Christdemokraten in der Europäischen Volkspartei und die Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament – dürften allerdings ihre derzeitige Mehrheit von 55 Prozent verlieren. Es wird zwar erwartet, dass diese beiden politischen Kräfte weiterhin die beiden größten Parteien im Europäischen Parlament bleiben und somit versuchen könnten, andere kleinere proeuropäische politische Formationen anzuziehen, die an Boden gewinnen könnten, beispielsweise Die Grünen.

Die Regierungsbildung dürfte jedoch länger als üblich dauern. Wir gehen daher nicht davon aus, dass die Europäische Kommission vor dem Jahr 2020 voll einsatzfähig sein wird.

Welche Bedeutung kommt der Brexit-Debatte bei den Wahlen zu?

Kruse: Vieles wird davon abhängen, wie sich die Brexit-Situation entwickelt. Da das Vereinigte Königreich möglicherweise die EU verlässt, könnte das Europäische Parlament weniger Abgeordnete haben: Die Abgeordnetenzahl würde sich von derzeit 751 auf 705 verringern.

Sollte es zu einer längerfristigen Verschiebung des Brexit von mehr als drei Monaten kommen, könnte das Vereinigte Königreich letztmalig an den Wahlen im Mai teilnehmen. Dieses eher unwahrscheinliche Szenario würde einen Wendepunkt für Europa bedeuten, da es die „Anti-EU“-Kräfte im EU-Parlament stärken könnte. Theresa May hat sich allerdings zum jetzigen Zeitpunkt verpflichtet, keine Verlängerung um mehr als drei Monate zu beantragen.

Welche Auswirkungen könnte die politische Unsicherheit auf europäische Anleihen haben?

Kruse: Die Finanzmärkte mögen keine Unsicherheit – insbesondere keine politische Unsicherheit. Sollte es im Zuge der Europawahlen zu einer stärkeren Fragmentierung des Parlaments und einer Stärkung der euroskeptischen Parteien kommen, sehen wir kurzfristig drei wesentliche Auswirkungen:

Zum einen könnte der Euro an Wert verlieren, was die Unfähigkeit des Parlaments abbilden würde, mutige Entscheidungen für mehr Integration zu treffen. Zum anderen könnten Spreads und periphere Anleihen betroffen sein. Sollte sich die Fragmentierung der europäischen politischen Landschaft erhöhen, würde dies wahrscheinlich zu einem Anstieg der Marktvolatilität und zu breiteren Spreads bei Unternehmens- und Peripherieanleihen sowie niedrigeren Zinssätzen für die sichersten Vermögenswerte, also Bundesanleihen, führen. Drittens würde eine Abschwächung der Euro-Integration bedeuten, dass man sich stärker auf die Bewertung der Finanzkraft jedes Landes konzentrieren müsste, was sich wahrscheinlich in den Spreads der Staaten niederschlagen würde.

Wichtigster Aspekt im Zusammenhang mit den Wahlen zum Europäischen Parlament ist, dass sich die Auswirkungen nicht am Tag darauf zeigen werden – die mittelfristigen Folgen können jedoch beträchtlich sein. Die wichtigsten Entscheidungen sind die Ernennungen des Präsidenten des Parlaments und der Europäischen Kommission. Dies sind „technische“ Schritte, die keine offensichtlichen direkten Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben. Die Signalwirkung des Wahlergebnisses auf die verschiedenen für 2019 geplanten Kommunalwahlen und ihre Auswirkungen auf die Agenda der Regierungen der EU werden jedoch weitaus relevantere Auswirkungen auf die Märkte haben.

Was sind Ihre wichtigsten Einschätzungen zu den Rentenmärkten in der aktuellen Phase?

Kruse: Nachdem wir 2018 eine defensive Haltung empfohlen hatten, sind wir aktuell zu einer vorsichtig neutralen Einschätzung und einer etwas positiveren Haltung zur Duration übergegangen. Insbesondere der Primärmarkt bot zu Beginn dieses Jahres interessante Möglichkeiten sowohl für Unternehmen als auch für staatliche Emittenten.

Chancen auf Wertsteigerungen sehen wir bei von Spanien und Portugal begebenen Staatsanleihen: Diese bieten Renditeaufschläge und sind von einer kontinuierlichen Verbesserung der Fundamentaldaten geprägt.

Was erwarten Sie angesichts der negativen wirtschaftlichen Dynamik in Europa und der möglichen weiteren Volatilität vor den Wahlen von der EZB-Politik?

Kruse: Die EZB hat deutlich darauf hingewiesen, dass es bis zum Herbst keinen Zinsschritt geben wird. Die EZB hat es angesichts der derzeitigen Konjunkturabschwächung nicht eilig. Sie dürfte einige Maßnahmen ergreifen, um die Banken dabei zu unterstützen, das Ende der gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte (TLTROs) zu bewältigen. Wir unterschätzen den Werkzeugkasten und die Kreativität der EZB nicht, falls die wirtschaftliche Dynamik weiter nachlassen sollte. Die jüngsten Reden der EZB-Führung deuten darauf hin, dass der EZB-Rat weiterhin wachsam ist.

Welche Aktienbereiche des europäischen Marktes könnten bereits Worst-Case-Szenarien eingepreist haben und daher auch bei höherer politischer Volatilität chancenreich bleiben?

Kruse: Das politische Umfeld in Europa ist bereits seit einiger Zeit unsicher. Ein Großteil der Unsicherheit dürfte daher bereits eingepreist sein. Der starke Jahresauftakt hat einen Teil der Abwärtsbewegung korrigiert, die wir in der zweiten Jahreshälfte 2018 erlebt haben. Nach dem sehr starken Jahresauftakt fällt unsere Einschätzung zur Konjunktur verhalten positiv aus.

Innerhalb der zyklischen Sektoren gibt es eine sehr große Bewertungsdifferenz zwischen den Sektoren. So sehen beispielsweise die Bewertungen für Autohersteller und ihre Zulieferer besonders niedrig aus. Es gilt jedoch: Auch wenn bei europäischen Aktien bereits viel politische Unsicherheit eingepreist ist, dürfte ein sehr negatives Brexit-Ergebnis oder eine deutliche Verschlechterung der politischen Situation wahrscheinlich zu weiteren Verkäufen europäischer Aktien führen.

Angesichts der schwachen wirtschaftlichen Dynamik im vierten Quartal rufen viele Länder die Finanzpolitik zuhilfe, um das Wachstum aufrechtzuerhalten. Welche Wirtschaftsbereiche könnten von einer unterstützenden Fiskalpolitik profitieren?

Kruse: Wir sehen Spielraum für fiskalische Impulse in mehreren europäischen Ländern. Wir sind der Meinung, dass der Einsatz fiskalischer Impulse in Europa eher dem inländischen Konsum als den Investitionen zugutekommen würde. Wir gehen deshalb davon aus, dass auf den europäischen Binnenmarkt orientierte Sektoren gegenüber den exportorientierten Sektoren zu bevorzugen sind. Wir setzen daher auf Banken und Einzelhandel.

Soweit nicht anders angegeben, beruhen die hier enthaltenen Ansichten auf Recherchen, Berechnungen und Informationen von Amundi Asset Management und haben den Stand 19.03.2019. Diese Ansichten können sich jederzeit ändern, abhängig von wirtschaftlichen und anderen Rahmenbedingungen. Es gibt keine Gewähr, dass sich Länder, Märkte oder Branchen wie erwartet entwickeln werden. Diese Veröffentlichung ist kein Verkaufsprospekt und stellt kein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Anteilen in Ländern dar, in denen ein solches Angebot nicht rechtmäßig wäre. Außerdem stellt diese Veröffentlichung kein solches Angebot an Personen dar, an die es nach der jeweils anwendbaren Gesetzgebung nicht abgegeben werden darf. Amundi Deutschland GmbH ist ein Unternehmen der Amundi Gruppe.