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Die Region nach dem Fall Afghanistans „An Indiens Fundamentaldaten können die Taliban nicht rütteln“

Ernte in Dschalalabad im Osten Afghanistans
Ernte in Dschalalabad im Osten Afghanistans: Der Reichtum des Landes liegt vor allem unter der Erdoberfläche. | Foto: imago images / Xinhua
Stephen Dover

Stephen Dover: Herr Khatoun, in den vergangenen Jahrzehnten fand sich Afghanistan nicht auf der Landkarte der Investoren. Nun aber stellen sich viele die Frage: Wie könnte sich die dortige Situation auf die umliegenden Länder auswirken?

Bassel Khatoun: In erster Linie hat der Fall Afghanistans eine sehr tragische humanitäre Krise ausgelöst. Während die Zukunft des Landes ungewiss ist, ergibt sich für die Anrainerländer ein klareres Bild. Durch die Ereignisse sind die Anleihen und Aktien Pakistans besonders gefährdet, eines Landes mit 226 Millionen Einwohnern, das allerdings mit nur zwei Basispunkten einen fast vernachlässigbaren Anteil am MSCI Emerging Markets Index ausmacht. Im Frontier and Small Emerging Markets Index ist das Land mit weniger als 1 Prozent gewichtet.

Warum könnte gerade Pakistan in Mitleidenschaft gezogen werden?

Bassel Khatoun

Khatoun: Dafür sprechen mehrere Gründe. Erstens ist das Land mit China durch eine Partnerschaft im Rahmen der „Belt and Road“-Initiative verknüpft. China hat bereits mehr als 60 Milliarden US-Dollar in diesen Wirtschaftskorridor investiert – Peking ist zwar daran interessiert, seine Interessen zu wahren, will aber kein Geld verbrennen.

Zweitens könnte sich durch eine Flüchtlingswelle aus Afghanistan die innenpolitische Lage in Pakistan eintrüben. Derzeit wirkt das Land stabil; unter Premierminister Imran Khan hat sich hier die Sicherheitslage in den vergangenen vier Jahren drastisch verbessert. Das hängt mit wirtschaftlichen und steuerlichen Reformen zusammen, auf deren Grundlage auch ein Paket des Internationalen Währungsfonds sehr erfolgreich ausgehandelt werden konnte. Vor diesem Hintergrund sind in Pakistan die Risiken für Vermögenswerte zunächst zurückgegangen.

Ein weiteres Land, das erhebliche Investitionen in Afghanistan getätigt hat, ist Indien. Ist absehbar, ob und falls ja inwiefern der Umsturz in Afghanistan Auswirkungen auf Indien haben könnte?

Khatoun: In der Tat haben wir speziell Indien im Blick. Das Land hat im Wettbewerb mit China und zum Teil auch in dem Bestreben, mit Pakistan zu konkurrieren, seit Jahrzehnten die afghanischen Regierungen unterstützt. Da ist viel Geld geflossen. Daher hat die Modi-Regierung ein sehr wachsames Auge auf die Sicherheitslage, vor allem, um die Gefahr eines militärischen Übergreifens auf die dünn besiedelte Region Kaschmir zu begrenzen: Indien beansprucht das gesamte, von den Religionen Islam, Hinduismus und Buddhismus geprägte Gebiet für sich, kontrolliert jedoch nur die Hälfte. Der Westen und Norden unterliegen der Herrschaft von Pakistan, das wiederum Anspruch auf die von Indien kontrollierten Gebiete erhebt. Der Osten steht unter Kontrolle der Volksrepublik China.

Klingt nach Konfliktpotenzial…

Khatoun: Ja, aber insgesamt sehen wir keine drastischen Auswirkungen der vollständigen Eroberung Afghanistans durch die Taliban auf die indischen Aktienmärkte. Sie werden weiterhin von langfristig aussichtsreichen Fundamentaldaten gestützt, daran können die Taliban nicht rütteln. Für Investitionen in Indien sprechen mehrere Gründe: Der Kapitalmarkt ist erst in Ansätzen erschlossen, während die Privatwirtschaft von Reformen einer stabilen Regierung profitiert. Risiken drohen von einer anderen Seite: Die neu geschaffenen Grundlagen für eine gute wirtschaftliche Entwicklung und die dynamische Erholung nach der Pandemie haben zu bereits hohen Bewertungen am Markt geführt.

Wie könnte sich der Fall Afghanistans auf Chinas allgemeine Ambitionen in der Region auswirken?

Khatoun: Zunächst einmal erkennt China die Taliban als regierende Kraft an. Chinas politische Entscheidungsträger haben bereits eine hochrangige Delegation empfangen und die neuen Führer unmissverständlich als einen wichtigen Teil der Zukunft bezeichnet.

Man fährt hier demnach eine recht pragmatische Strategie und hofft auf Wirtschaftsbeziehungen?

Khatoun: Chinas Fähigkeiten und Interessen sind heute ganz anders gelagert als 2001, als die USA ihre Truppen in Afghanistan einmarschieren ließen. Ganz generell lässt sich sagen, dass das Interesse Chinas an der Region hoch ist. Es geht dabei nicht so sehr direkt um Afghanistan, man macht sich eher um die Stabilität Pakistans und des Irans mit seinen 85 Millionen Menschen Sorgen. Gerade in Pakistan hat China große Investitionen auf den Weg gebracht. Die Führung in Peking ist sehr daran interessiert, dass die in den vergangenen zehn Jahren in dem Land erzielten Fortschritte nicht wieder zunichte gemacht werden. Eine Einbeziehung von Taliban-Kräften in die afghanische Regierung würde dieses Risiko nach Meinung der Chinesen zumindest mindern. Ich rechne daher mit einer verstärkten Unterstützung Afghanistans durch China, die wahrscheinlich in Form von sowohl humanitärer als auch finanzieller Hilfe erfolgen wird.

Afghanistans Bodenschätze sind noch nicht einmal in Ansätzen erschlossen. Dabei gibt es reiche Vorkommen von Eisen, Kupfer, Gold, Kobalt, Lithium und Seltenen Erden, die im Zusammenhang mit dem weltweiten Ausbau der E-Mobilität gebraucht werden. Sitzen die Taliban auf einem Billionenschatz?

Khatoun: In der Tat verfügt Afghanistan über riesige Mineralienvorkommen, die auf einen Wert von über 1 Billion US-Dollar geschätzt werden. Die Kontrolle der Taliban über Afghanistan fällt in eine Zeit, in der es weltweit einen Engpass bei der Versorgung mit diesen Rohstoffen gibt. Aufgrund der starken Nachfrage nach erneuerbaren Energien ist der Bedarf an Kupfer, Lithium und insbesondere Kobalt sprunghaft angestiegen. Aufgrund von jahrzehntelangen Konflikten und Korruption sind diese wertvollen Ressourcen in Afghanistan jedoch weitgehend ungenutzt geblieben. Ein nennenswerter Abbau der Bodenschätze wurde zuletzt vor mehr als 40 Jahren betrieben. Unter der Kontrolle der Taliban dürfte sich an dieser Situation nicht so bald etwas ändern. Die Regierung wird sich wahrscheinlich zunächst auf eine Vielzahl von Sicherheits- und humanitären Fragen konzentrieren.

Weltweit sehen wir eine Verknappung von Ressourcen. Afghanistan liegt zwischen Ost und West und an Chinas neuer Seidenstraße: Mit ein wenig Wirtschaftsförderung könnten die Taliban auf Dauer noch größere Teile der Bevölkerung hinter sich bekommen, oder?

Khatoun: Wenn Afghanistan irgendwann in der Zukunft tatsächlich in der Lage ist, diesen großen Reichtum zu erschließen, könnte das viele der heute 40 Millionen Menschen in Afghanistan aus der Armut befreien, Arbeitsplätze schaffen und dem Land neue Chancen eröffnen. Hoffen wir, dass das Land eine gute Entwicklung nimmt.

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Diese Unterlage soll ausschließlich allgemeinem Interesse dienen und ist nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf, Verkauf oder Halten eines Wertpapiers oder zur Übernahme einer Anlagestrategie zu verstehen. Sie stellt auch keine Rechts- oder Steuerberatung dar.

Die in diesem Dokument enthaltenen Meinungen, Aussagen und Analysen geben die aktuelle Einschätzung zum Erscheinungsdatum (oder in einigen Fällen zu einem bestimmten Datum) wieder und können sich jederzeit ohne Vorankündigung ändern. Die vorliegenden Informationen stellen keine vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region oder einen Markt dar.

Hinweis: Diese News ist eine Mitteilung des Unternehmens und wurde redaktionell nur leicht bearbeitet.
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