In der zweiten Juniwoche ist alles wie erwartet gekommen: Die Fed legte eine Zinspause ein und die EZB erhöhte die Leitzinsen um einen kleinen Schritt von 0,25 Prozent. Die Börsianer feiern das vermeintliche Ende der restriktiven Geldpolitik mit steigenden Kursen.

Der Deutsche Aktienindex Dax klettert zwischenzeitlich auf den höchsten Stand aller Zeiten. Davon ist der Nasdaq 100 zwar noch ein gutes Stück entfernt. Doch auch der amerikanische Technologieindex kann mit einem Plus von 35 Prozent auf Sicht der vergangenen sechs Monate beeindrucken.

Allerdings hat sich mit der jüngsten Aufwärtsbewegung wieder einiges an Enttäuschungspotenzial aufgebaut. Die Marktteilnehmer setzen nicht nur darauf, dass in den USA mit den Zinserhöhungen erst einmal Schluss ist. Vielmehr erwartet ein guter Teil der Börsianer, dass die Fed noch in diesem Jahr, spätestens aber in 2024, ein erstes Mal die Leitzinsen wieder senkt, um die maue Konjunktur anzukurbeln.

 

Bis zum Jahresende peilt Fed-Chef Jerome Powell jedoch ein Zinsniveau von 5,6 Prozent an. Derzeit liegen die Leitzinsen zwischen fünf und 5,25 Prozent. Das sieht nicht unbedingt nach einer baldigen Zinssenkung aus.

Möglicherweise ist das Enttäuschungspotenzial in Europa noch größer als in den USA. Denn während in den Vereinigten Staaten die Inflation zuletzt stark auf vier Prozent gefallen ist, stieg sie in Europa im April wieder leicht auf sieben Prozent an. Ob da ein letzter Zinsschritt der EZB von noch einmal 0,25 Prozent tatsächlich reicht, um die Geldentwertung in die Knie zu zwingen, darf zumindest bezweifelt werden.

Rezession in Euro-Ländern fällt mild aus

Zwar ist die Wirtschaftsleistung in der Eurozone im ersten Quartal des laufenden Jahres um 0,1 Prozent zurückgegangen. Bereits in den letzten drei Monaten 2022 war in Euroland das Bruttoinlandsprodukt um ebenfalls 0,1 Prozent gesunken. Damit herrscht hier nach offiziell gültiger Definition eine Rezession. Diese fällt allerdings so gering aus, dass ein Eingreifen der EZB nicht unbedingt notwendig erscheint.

Außerdem ist die EZB im Gegensatz zur Fed ausschließlich der Geldwertstabilität verpflichtet. Und da sieht es nicht unbedingt nach Entspannung aus. In Deutschland steigen die Löhne vielfach im prozentual zweistelligen Bereich, was in den Preisen sicherlich noch nicht komplett angekommen ist. Eine Lohn-Preis-Spirale ist absehbar.

Gleichzeitig notiert Öl der Sorte Brent nicht mehr niedriger als im Dezember des vergangenen Jahres. Der inflationshemmende Effekt sinkender Energiepreise dürfte in den kommenden Monaten somit immer weiter nachlassen. Man möchte nicht unbedingt in der Haut von EZB-Präsidentin Christine Lagarde stecken, die möglicherweise in den kommenden Monaten die Börsianer enttäuschen muss.

 

Nicht nur die Währungshüter, sondern auch die Aktienmärkte bewegen sich in einem Spannungsfeld. In Europa – und hier vor allem in Deutschland – sind Dividendentitel derzeit trotz der jüngsten Hausse günstig bewertet. In den USA kommen dagegen vor allem die wenigen Technologiekonzerne, die den Nasdaq zuletzt wieder nach oben getrieben haben, auf KGVs, die sich kaum rechtfertigen lassen.

Angesichts der steigenden Löhne und der schwachen konjunkturellen Entwicklung müssten in den kommenden Monaten eigentlich die Unternehmensgewinne unter Druck geraten. Bislang hat sowohl in den USA als auch in Europa der Konsum das Wirtschaftswachstum gestützt. Hier gab es nach rund zweieinhalb Jahren Corona erhebliche Nachholeffekte. Diese könnten allerdings langsam aufgebraucht sein.

Wie die „Bild-Zeitung“ vor Kurzem berichtete, gibt es in diesem Jahr an der Ostsee bei Hotelbetten und Ferienwohnungen 20 Prozent weniger Buchungen als 2022. Nach dem coronabedingten Urlaub im eigenen Land sind zwar jetzt wieder weiter entfernte Ziele angesagt. Der Hauptgrund für die rückläufigen Buchungen dürfte jedoch darin begründet sein, dass laut einer Insa-Umfrage 40 Prozent der Bundesbürger dieses Jahr gar keinen Urlaub machen wollen.

Anleger müssen sich auf unruhige Aktienmärkte einstellen

Vor allem der deutsche, aber auch die europäischen Aktienmärkte stecken damit in einer Zwickmühle: Niedrigen Bewertungen stehen wahrscheinlich eine weiter schwache Konjunktur und damit sinkende Unternehmensgewinne gegenüber. Bis die Berichtssaison fürs zweite Quartal beginnt, könnten die nächsten Wochen wieder etwas unruhiger werden – auch weil jetzt die Urlaubszeit beginnt.

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Wenn sich zunehmend mehr Marktteilnehmer in die Sommerferien verabschieden, fallen die Handelsumsätze erfahrungsgemäß niedriger als sonst aus, was die Aktienmärkte anfälliger für größere Schwankungen macht. Da macht es durchaus Sinn, etwas mehr Cash zu halten, um bei Korrekturen preiswerter nachkaufen zu können. Damit ist man dann für die nächste Aufwärtsbewegung beim absehbaren Ende der Zinserhöhungen gut gewappnet.

Über den Autor:
Thomas Buckard ist Vorstandssprecher und Gründungsmitglied der MPF in Wuppertal.