Aktualisiert am 18.02.2020 - 16:58 UhrLesedauer: 9 Minuten

„Anders als die breite Masse“ Wie der Templeton Growth vom Exoten zum Mythos wurde

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Seither konnten deutsche Anleger ihn kaufen, waren allerdings steuerlich benachteiligt. Templeton reagierte darauf 2000 mit dem Templeton Growth Euro, einer direkten Kopie des Klassikers. Inzwischen ist das Original aus dem Vertrieb verschwunden: Das neue deutsche Kapitalanlagegesetzbuch machte alles zu kompliziert.

Das Anlageprinzip des Fonds lässt sich auf ein einziges Wort reduzieren: Schnäppchenjagd. Eine Aktie konnte noch so tolle Wachstumsaussichten bieten – wenn sie zu teuer war, kaufte Templeton sie nicht.

Dabei legte er so simple Maßstäbe an wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Zudem betrachtete er die Gewinnaussichten für die kommenden fünf Jahre und setzte sie zum Aktienkurs ins Verhältnis. Fündig wurde er bei Titeln, von denen niemand etwas Besonderes erwartete.

Bauernhöfe kaufen, wenn keiner will

Die Erkenntnis kommt aus seiner Kindheit, als sein Vater, Harvey Templeton senior, als Anwalt in Winchester arbeitete. Anfang der 20er Jahre gingen in Tennessee viele Bauernhöfe bankrott und wurden versteigert.

Templeton senior konnte aus seinem Arbeitszimmer das Gerichtsgebäude sehen. Und wenn mal kein Bieter anwesend war, ging er kurzerhand rüber und ersteigerte komplette Höfe zu Spottpreisen. Zur Mitte des Jahrzehnts besaß er sechs Anwesen, erzählt seine Urenkelin Lauren Templeton in ihrem Buch „Die Templeton Methode“ (Finanzbuchverlag).

Harvey Templetons Sohn John lernte so, wie Pessimismus die Preise von Gütern drücken kann, obwohl sie nicht an Wert verlieren.Später kaufte er Aktien grundsätzlich für die Hälfte ihres eigentlichen Werts oder weniger.

Das umzusetzen, klingt einfacher, als es ist. Um sich gegen eine Horde enthusiastischer Börsianer zu stemmen, braucht es ein starkes Rückgrat. Und mehr als einmal muss man sich wahlweise für dumm, überholt oder unfähig erklären lassen.

Eine große Prüfung musste Templeton beispielsweise bestehen, als er den Fonds ab 1964 mit japanischen Aktien bestückte. Japan war damals ein Billiglohnland, das minderwertige Waren herstellte. Doch es war entschlossen, das durch harte Arbeit und Disziplin zu ändern.

1974 bestand fast das halbe Portfolio des Templeton Growth aus japanischen Aktien, zehn Jahre später lag die Quote nur noch bei 4 Prozent. Die Aktien waren zu teuer geworden, denn andere Investoren hatten Japans Perspektive erkannt und waren auf den Zug aufgesprungen.

Sie trieben den Aktienindex Nikkei 225 bis Ende 1989 auf ein bis heute nicht wieder erreichtes Allzeithoch von fast 39.000 Punkten, bevor der Crash kam.

Solche Zeiten sind für einen Schnäppchenjäger die härtesten. Überall muss er sich rechtfertigen, warum er nicht die tollen neuen Investmentmöglichkeiten nutzt.

Der Fonds liegt im Vergleich zum Markt zurück, weil er ja die von allen gejagten Kursraketen nicht enthält. Das wird erst besser, wenn die Spekulationsblase platzt. Dann fallen die Kartenhäuser der anderen Anleger in sich zusammen, und das aus soliden Werten gebaute Haus des Schnäppchenjägers bleibt stehen. So wird man zum Mythos.

Legendär ist zum Beispiel ein Brief vom 24. März 2000 an die Anleger des Templeton Growth. Templeton hatte sich bereits 1986 zurückgezogen und das Fondsmanagement an seinen Nachfolger Mark Holowesko übergeben. Der bezeichnete in ebenjenem Brief den Fonds stolz als „Anti-Nasdaq Fund“, weil er keinen einzigen an der US-Technologiebörse gehandelten Wert enthielt.

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