Aktien sind teuer. Anleihen werfen kaum noch etwas ab. Und wer eine stabile Risikoprämie sucht, landet plötzlich bei Cat Bonds oder anderen Exoten. Doch es gibt eine Kategorie, die im Umfeld der letzten Jahre kaum an Attraktivität verloren hat – und die noch immer von vergleichsweise wenigen Investoren wirklich verstanden wird: Volatilitätsprämien.
Andrej Brodnik, Gründer von Alturis Capital, hat dieses Prinzip zum Kern seines Unternehmens gemacht. Im Podcast „For Professional Investors Only“ erklärt er, wie das funktioniert, warum das Modell gerade jetzt wieder besonders interessant ist – und was er auf dem Weg von der großen Fondsgesellschaft zur eigenen Boutique gelernt hat.
Was steckt hinter Volatilitätsstrategien?
Das Prinzip klingt technisch, ist aber im Kern verblüffend einfach. „Die Idee hinter Vola-Strategien ist ein klassisches Versicherungsgeschäft im Endeffekt“, sagt Brodnik. Alturis Capital verkauft Put-Optionen auf den S&P 500 – und übernimmt damit die Rolle des Versicherers. Andere Marktteilnehmer zahlen eine Prämie dafür, sich gegen starke Kursverluste abzusichern. Alturis kassiert diese Prämie.
Die Analogie, die Brodnik dafür nutzt, ist bewusst gewählt: eine Kfz-Haftpflichtversicherung mit Selbstbehalt. Der Versicherungsnehmer trägt einen bestimmten Teil des Schadens selbst – und erst dann springt die Versicherung ein. Beim Fonds funktioniert es ähnlich: Es gibt immer einen Puffer, den der Markt zunächst selbst absorbiert, bevor der Fonds in die Haftung geht. Das begrenzt das Risiko, ohne die Prämieneinnahmen zu gefährden.
Was das Modell von anderen Volatilitätsstrategien unterscheidet, ist die Handelsmechanik. „Wir sind die Einzigen am Markt, die die sogenannten Weeklys nutzen", erklärt Brodnik. Das bedeutet: Jeden Montag, Mittwoch und Freitag wird eine neue Put-Option auf den S&P 500 mit vier Wochen Restlaufzeit verkauft. Ein rollierendes System, vollständig quantitativ gesteuert, ohne diskretionäre Eingriffe. Kein Timing, kein Bauchgefühl. „Dadurch, dass wir dreimal die Woche handeln, werden wir immer den Tiefpunkt erwischen. Vielleicht einen Tag zuvor oder ein Tag zu spät – aber wir werden ihn erwischen.“
Warum die Volatilitätsprämie gerade jetzt attraktiv ist
Das Marktumfeld hat in den vergangenen Jahren für eine strukturelle Verschiebung gesorgt, die Brodnik in aller Deutlichkeit beschreibt: Aktien sind teurer geworden, die klassischen Risikoprämien gesunken. Anleihen bieten kaum noch Puffer. „Das einzige, was wirklich stabil geblieben ist, ist die Volatilitätsprämie.“
Und dann ist da noch der Faktor Trump. Mit der zunehmenden politischen Unsicherheit ist die implizite Volatilität am US-Aktienmarkt gestiegen – was für Strategien wie die von Alturis strukturell vorteilhaft ist. „Man kann sogar sagen, dass durch den Herrn Trump die Volatilität tendenziell ein bisschen nach oben gegangen ist, was für Vola-Strategien eigentlich die gute Sache ist.“
Normal gilt eine implizite Volatilität von 14 bis 17 für den S&P 500. Derzeit liegt der Wert bei rund 20 – leicht erhöht, aber komfortabel im Bereich, in dem das Modell seine Zielrendite von Euribor plus 7 Prozent erreichen kann. Das entspricht einer aktienähnlichen Rendite, bei deutlich reduziertem Risiko. Der Fonds hat ein SRI3-Rating – mittleres Risiko – und zielt darauf ab, unterhalb des Rein-Aktien-Risikos eine hohe Sharpe-Ratio zu generieren.
Stabilitätsanker, kein Absolute Return
Eine Frage, die viele IFAs und Vermögensverwalter beschäftigt: Wohin gehört so ein Fonds in der Asset Allocation? Brodnik ist hier klar in der Einordnung. „Wir gehen eher Richtung Stabilitätsanker.“ Wer einen echten Absolute-Return-Ansatz sucht, der in jeder Marktphase positiv abschneidet, ist hier falsch. Kommt es zu einer scharfen Korrektur, trägt der Fonds einen Teil davon mit.
Das Interessante: Die Mittelzuflüsse kommen aus zwei sehr unterschiedlichen Richtungen. Auf der einen Seite ersetzen High-Yield-Investoren ihren Anleiheanteil. „Wir haben gesehen, dass wir in den Drawdown-Phasen sehr ähnlich waren wie High-Yield-Bonds. Aber europäische High Yields liegen im Augenblick nur noch bei 5 Prozent – und dann muss alles gut laufen.“ Alturis biete in guten Zeiten etwa das Doppelte davon, bei vergleichbarem Verlustprofil.
Auf der anderen Seite allokieren Kunden aus dem Aktienbereich. Die Logik dahinter: Wenn die Märkte weiter steigen, liefert der Fonds seine 10 Prozent. Wenn sie korrigieren, federt er den Verlust ab. „Wenn der Markt minus 20 macht, machen wir wahrscheinlich so um die 13 bis 14 Prozent Verlust – nicht 20, weil wir mit einem Abstand schreiben und noch die Volatilitätsprämie als Puffer bekommen.“
Grenzen des Modells: Was schief gehen kann
Brodnik verschweigt auch die Grenzen des Ansatzes nicht. Das Worst-Case-Szenario: Eine starke Korrektur, bei der die implizite Volatilität nicht anzieht. „Bei einem Verkauf von Put-Optionen ist die Volatilität der Hauptpricing-Mechanismus. Wenn wir eine 20-Prozent-Korrektur im S&P 500 hätten und die Volatilität trotzdem flach liegt – das ist noch nie passiert, aber...“ Den Satz lässt Brodnik demonstrativ offen. Die Botschaft ist klar: Das wäre das Szenario, auf das keine gute Antwort existiert.
Skalierbar ist das Modell dagegen enorm. Der liquide Optionsmarkt auf den S&P 500 bewegt täglich rund 100 Milliarden US-Dollar. „Der Fonds könnte 5 Milliarden schwer sein, wir würden die gleiche Performance erzielen. Das einzige Problem ist, dass ich dann noch irgendwo 4,8 Milliarden herkriegen müsste. Ich arbeite dran.“ Ein Satz, der halb scherzhaft klingt – und halb wie eine ernstgemeinte Agenda.
Valentinstag 2022: Der schlechteste mögliche Start
Die Geschichte von Alturis beginnt mit einem schlechten Timing. Aufgelegt am Valentinstag 2022 – eine Woche bevor Russland in die Ukraine einmarschierte. „Das war natürlich ein Rollercoaster“, sagt Brodnik mit einer Trockenheit, die auf echte Belastungserfahrung schließen lässt. Das erste Jahr schloss mit minus 9 Prozent. Für sich genommen keine gute Zahl. Im Kontext eines der schlechtesten Börsenjahre seit Jahrzehnten aber eine starke Leistung: „Wir waren die Einäugigen unter dem Blinden, weil alles andere deutlich zweistellig verloren hat.“
Die ersten 100 Millionen Euro dauerten drei Jahre. Den zweiten Sprung – von 100 auf 200 Millionen – schaffte der Fonds in 13 Monaten. Ein klarer Beschleunigungseffekt, der typisch für wachsende Boutiquen ist: Wer vier Jahre Track Record vorweisen kann und die Qualität der Performance evident ist, bekommt Türen geöffnet, die vorher verschlossen waren. „Jetzt kann auch ein Dachfondsmanager mal 30, 40 Millionen bei uns investieren, ohne dass ihm der Fonds gehört.“
Zweieinhalb Jahre ohne Gehalt: Was Unternehmertum bedeutet
Der Teil des Gesprächs, der wohl die meisten Zuhörer überraschen wird, dreht sich nicht um Optionsmodelle oder Risikoprämien, sondern um eine schlichte Zahl: zweieinhalb Jahre. So lange haben Brodnik und sein Team sich kein Gehalt ausgezahlt. „Du kannst als Portfoliomanager oder im Vertrieb, wenn du ein bisschen Erfahrung hast, sechsstellig nach Hause gehen. Wir haben uns zweieinhalb Jahre keine Gehälter gezahlt.“
Warum wagen dennoch so wenige den Schritt in die Selbstständigkeit? Brodniks Antwort ist ohne Umschweife: „Bequemlichkeit.“ Wer ein sicheres Gehalt, Status und Struktur hat, braucht einen starken Impuls, um dieses Fundament freiwillig aufzugeben. Brodnik hatte den Impuls – und bereut nichts. Im Gegenteil: „Ich kann jetzt nach viereinhalb Jahren sagen, warum habe ich es nicht schon vor zehn Jahren gemacht.“
Es ist mehr als rhetorische Zufriedenheit. Er beschreibt, wie die Arbeitsweise in seiner Boutique fundamental anders ist als bei großen Häusern wie Blackrock oder Jupiter, wo er zuvor arbeitete. „Es gibt so viele sinnlose Meetings bei großen Fondsgesellschaften, die einem wirklich Zeit stehlen. Die gibt es jetzt nicht.“
Vertrauen als Kapital: Was frühere Stationen wirklich wert sind
Der Fonds startete mit 5,6 Millionen Euro. Diese ersten Mittel kamen nicht aus einer Marketingkampagne, sondern aus einem Netzwerk, das sich über Jahrzehnte aufgebaut hatte. „Vertrauen ist unsere einzige Währung außerhalb der Performance“, sagt Brodnik. Diese Währung hat er bei Blackrock, Jupiter und anderen großen Stationen verdient – und beim Sprung in die Selbstständigkeit eingelöst.
Das bedeutet aber nicht, dass der Rest einfach war. Neue Kunden mussten gewonnen werden, ohne dass eine Marke oder ein Konzernrückhalt die Türen öffnete. Und die Frage, ob das junge Unternehmen ein Jahr später noch existieren würde, war für viele potenzielle Investoren lange Zeit nicht akademisch. „Als wir mit 5,6 Millionen gestartet sind, haben wir oft genug die Frage gehört, ob die Köpfe hier in einem Jahr noch da sind.“ Dieses Thema ist inzwischen abgehakt.
Was kommt als nächstes bei Alturis?
Neben dem weiteren Wachstum des Volatilitätsfonds plant Alturis Capital einen zweiten Fonds – ein Aktienvehikel, das Brodnik Mitte April lancieren will. Details verrät er noch nicht. Es sei ein Aktienprodukt, mehr werde noch nicht kommuniziert. Die Pipeline ist also gefüllt.
Und die Motivation? Brodnik gibt eine ehrlich differenzierte Antwort. Natürlich gehört der finanzielle Erfolg dazu: „Jeder Euro, der jetzt reinkommt, geht – abzüglich weniger administrativer Kosten – in unsere Tasche. Das ist natürlich auch eine Motivation.“ Aber daneben steht ein Anspruch, der fast altmodisch klingt in einer Branche, die oft mit Zertifikate-Konstruktionen und opaken Strukturen assoziiert wird: „Ich mache den Job seit 1996 und habe tatsächlich nie irgendeinen Schmu gemacht. Das ist mir wichtig – die Leute auf Augenhöhe zu betreuen.“



