Der Ankereffekt, auch „Anchoring Bias“, beschreibt die Tendenz von Menschen, sich bei Entscheidungen an bestimmten Referenzwerten zu orientieren. Diese Referenzwerte werden als Ausgangspunkt für Vergleiche genutzt und können dadurch die Entscheidung beeinflussen. Ein alltägliches Beispiel ist das Ausweisen einer sehr hohen unverbindlichen Preisempfehlung (Ankerwert), um den Kunden mit hohen Rabatten zu locken. Diese Angebote sprechen Kunden häufig mehr an, als wenn derselbe Preis ohne Rabatt ausgewiesen wird.

Das Zinsniveau als Ankerwert

Ein aktuelles Beispiel für den Effekt bildet das Niedrigzinsniveau der vergangenen zehn Jahre. Dieses zwischenzeitlich schon als „New Normal“ bezeichnete Niveau bildete für Investoren nach einer Eingewöhnungsphase einen niedrigen Ankerwert. Zinsen um null Prozent wurden als normal angesehen.

Als die Zinsen durch die Zentralbanken in der jüngsten Vergangenheit angehoben wurden, wirkte das neue Niveau sehr hoch und viele Anleger verkauften aus Sorge vor den Konsequenzen ihre Aktien. Dabei ist ein allgemeines Zinsniveau von drei bis fünf Prozent im langfristigen Vergleich völlig normal und nicht einmal überdurchschnittlich. Die Konsequenzen für die Konjunktur waren erwartungsgemäß belastend, aber eine von vielen erwartete schwere Rezession blieb aus.

 

Auch heute lässt sich nach wie vor beobachten, dass einige Anleger das alte Niedrigzinsniveau als Ankerwert für das „Normalniveau“ behalten haben, in der Hoffnung schon bald wieder dahin zurückzukehren. Dies birgt erhebliches Enttäuschungspotenzial, wenn die anstehenden Zinssenkungen nun wieder mit diesem niedrigen Wert verglichen werden – denn eine Rückkehr zu Nullzinsen ist unwahrscheinlich.

Der alte Referenzwert ist unter Anbetracht veränderter makroökonomischer Bedingungen wie der nach wie vor hohen Inflation mittlerweile veraltet. Die Erwartungen an die zukünftige Entwicklung sollten stattdessen in den makroökonomischen Kontext gesetzt werden.

Das Portfolio sollte nicht zu einseitig ausgerichtet sein

Was heißt dies am Ende für die Portfolioausrichtung der Investoren? Nachdem der Ankereffekt bei den Zinssteigerungen für Aktienverkäufe gesorgt hat, könnte er nun dazu führen, dass die Erwartungen zu hoch sind.

Enttäuschungen werden dadurch wahrscheinlicher und Anleger sollten Ihre Positionierung nicht ausschließlich auf eine Rückkehr zum Niedrigzins konzentrieren. Ein großer Teil der Zinssenkungen ist ohnehin bereits eingepreist und Investoren sollten abwägen, ob die potenzielle Mehrrendite hoher Durationsrisiken das Risiko für Rückschläge bei Enttäuschungen wert ist.

In den letzten Monaten ließ sich wieder ein erhöhter Risikoappetit der Anleger beobachten, was sich auch in der Entwicklung von Kryptowährungen und anderen spekulativen Anlageklassen zeigte. Sollten die Zinsen letztendlich höher bleiben als erwartet, bestehen auch hier vermehrt Risiken für Korrekturen.

Anstelle einer übermäßigen Gewichtung vermeintlicher Wachstumsunternehmen ohne wirkliche Profitabilität, oder anderen spekulativen Anlageklassen, sollten profitable Unternehmen mit aktuell bestehenden Cash Flows nicht im Portfolio fehlen. Für deren Aktien spielt das kurzfristige hoch und runter der Zinsen nämlich eine langfristig untergeordnete Rolle.


Über den Autor:

Georgios Passameras ist Portfoliomanager bei der GAP Vermögensverwaltung in Köln.