Goldman-Sachs-Experten Julia Rees und Luke Barrs Foto: Goldman Sachs AM

Goldman-Sachs-Experten im Interview

„Anlagespektrum von Themenfonds nicht zu eng fassen“

DAS INVESTMENT: Das thematische Investieren ist längst der Nische entwachsen. Worin begründet sich das Interesse der Anleger an diesem Segment?

Luke Barrs: Ein Grund liegt sicherlich in der nachvollziehbaren Story der thematischen Strategien, über die auch in der Beratung gut mit Kunden gesprochen werden kann. Viel wichtiger ist jedoch, dass diese Strategien es ermöglichen, gezielt in langfristige Wachstumstrends zu investieren und das Portfolio für künftige Wirklichkeiten aufzustellen. Auch wenn sich das makroökomische Umfeld ungeachtet der Covid-19-Krise recht robust zeigt, ist Wachstum in der Aktienlandschaft fast zum raren Gut geworden.

Wie genau ist das zu verstehen?

Barrs: Stark wachsende Unternehmen, also solche, die in den nächsten drei Jahren mehr als 8 Prozent pro Jahr wachsen, gibt es heute sehr viel seltener als früher. Ein solches Wachstum erzielen nur noch rund 25 Prozent der börsennotierten Unternehmen weltweit. Früher waren dies 35 bis 40 Prozent. Auf der anderen Seite hat der Anteil der Unternehmen zugenommen, die weniger als 4 Prozent pro Jahr zulegen oder gar schrumpfen. Er liegt derzeit bei rund 45 Prozent, in den vergangenen Jahrzehnten lag er bei eher 35 bis 40 Prozent. Innovation und Wachstums-Führerschaft sind näher zusammengerückt. Anleger müssen schon sehr gezielt Unternehmen mit exponentiellem Wachstum suchen. Darüber hinaus gilt es, die vielen Unternehmen möglichst zu meiden, die damit kämpfen, sich an die neuen globalen Rahmenbedingungen anzupassen und die Disruptionsrisiken in sich bergen.

Für welche Arten von Anlegern sind Themeninvestments interessant?

Julia Rees: Für private Anleger sind Themenfonds gut zu greifen und sie liefern dem Berater ein Narrativ. Sie sind keine Blackbox und Anleger können relativ klar nachvollziehen, wo die jeweiligen Portfoliomanager investieren. Aber auch einige institutionelle Investoren sehen Themenstrategien als eine weitere Möglichkeit, um daraus positives Alpha beziehungsweise Überrenditen zu generieren.

Barrs: Bei den institutionellen Anlegern hängt dies auch stark von der jeweiligen Risikotoleranz und dem individuellen Anlagehorizont ab. Es gibt durchaus Institutionelle mit einem langen Anlagehorizont, wie beispielsweise Stiftungen, Pensionsfonds und Staatsfonds, die ihren Portfolios thematische Investmentstrategien beimischen.

Sind Themenfonds also eher als Beimischung im Portfolio zu verstehen oder eignen sie sich auch als Basisinvestment?

Barrs: Eine einzelne thematische Investmentstrategie verhält sich natürlich anders als ein breit angelegtes globales Aktieninvestment. Themenfonds eignen sich daher eher als eine Ergänzung zu einem Core-Aktienfonds. Dabei lassen sich einzelne Themen auch miteinander kombinieren. Anleger erhalten auf diese Weise Zugang zu relevanten Zukunftsthemen in einer ausgewogeneren Anlagelösung. Wichtig zu wissen ist, dass thematische Investments ihre Stärken langfristig ausspielen. Ein Anlagehorizont von einer Dekade oder länger ist daher von Vorteil.

Rees: Wir haben festgestellt, dass die großen Megatrends nur eine sehr geringe Korrelation zueinander aufweisen. Eine Analyse unserer eigenen Themenfonds über die vergangenen fünf Jahre hat gezeigt, dass sie eine niedrige Korrelation ihrer Alphas, also der Überrendite des Portfolios gegenüber der Benchmark, aufweisen. Das heißt, dass es möglich ist, über die Kombination verschiedener Themen in einem globalen Aktienportfolio Risiken zu reduzieren.

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