Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse: In Krisen sollten sich Anleger auf harte Fakten konzentrieren. | © imago images / Marcel Lorenz Foto: imago images / Marcel Lorenz

Wegen Corona-Virus

Anleger im Strudel der Emotionen

Eine erhebliche Anzahl an Marktteilnehmern trifft ihre Entscheidungen emotional und nicht nach dem Lehrbuch. Allein der gesunde Menschenverstand sollte eigentlich ausreichen um zu erkennen, dass die Wahrheit – wie wohl so oft – in der Mitte liegt. In guten Zeiten ist eben nicht alles so herausragend wie man denkt, in Krisenzeiten ist es aber auch nicht so katastrophal, wie man meinen könnte. Es kommt also immer wieder zu Übertreibungen, nach oben wie nach unten.

In der Corona-Krise ist es wichtig, sich von Übertreibungen und Emotionen nicht leiten zu lassen. Damit kommen wir zu dem wesentlichen Punkt bei einer Aktieninvestition, nämlich das Verhältnis zwischen dem Preis und dem Wert eines Unternehmens. Dabei ist der Preis gar nicht das Entscheidende, sondern vielmehr der Wert, und genau darin liegt die Krux. Anstatt sich mit dem wahren Wert der Firma zu beschäftigen, schauen viele Anleger täglich auf den Preis an der Börse.

Wer aber den Wert einer Firma nicht kennt, muss natürlich nervös werden, wenn der Preis fällt. Als Folge werden emotionale Entscheidungen getroffen, die mit Fakten nicht viel zu tun haben. Ganz konkret möchte ich das an einem Beispiel eines großen deutschen Brillenherstellers zeigen.

Anleger bekommen dieses Familienunternehmen gerade rund 40 Prozent günstiger als vor einigen Wochen. Dabei sehen die wesentlichen Kennzahlen des Unternehmens solide aus. Es hat keine Schulden, verfügt über Netto-Cash in der Bilanz, die freie Cashflow-Rendite liegt bei über 5 Prozent und die Dividendenrendite bei über 4 Prozent. 

Der innere Wert eines Unternehmens bestimmt sich aus allen, auf den heutigen Tag abdiskontierten zukünftigen Cash Flows, die das Unternehmen an seine Eigentümer ausschütten kann. Dabei wird davon ausgegangen, dass das Unternehmen grundsätzlich für immer existiert.

Der Brillenhersteller wird dieses Jahr mit Sicherheit weniger Brillen verkaufen. Dadurch sinkt der Cash-Flow für dieses Jahr und in Folge auch der innere Wert der Firma. Allerdings beeinflusst ein Jahr den Wert nur geringfügig. Für Anleger stellt sich jetzt also die Frage, ob dieser herbe Rückschlag von Dauer sein wird, oder ob in Zukunft keine Brillen oder zumindest sehr viel weniger verkauft werden als bisher. 

Hinzu kommt, dass das Unternehmen seit 25 Jahren eine Dividende ausschüttet, die im Laufe der Jahre auch regelmäßig erhöht wurde. Werden nun alle vorgenannten Aspekte berücksichtigt, scheint mir der akute Kursrückgang an der Börse von 40 Prozent übertrieben. Somit bieten sich in diesen Zeiten für langfristige Investoren mit Blick für das Wesentliche gute Einstiegsmöglichkeiten.

Natürlich sind alle Krisen für Anleger nervenaufreibend und es ist auch klar, dass der momentane Anblick des Depotauszuges die Stimmung nicht unbedingt aufhellt. Aber, alle Anleger sind gerade in diesen schwierigen Zeiten gut beraten, keine emotionalen Entscheidungen zu treffen.

Dirk Eberhardinger ist Portfoliomanager bei der Vermögensverwaltung Glogger & Partner in Krumbach.

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