„Anleger auf der Flucht machen keine Unterschiede“

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Kann es auf Dauer gut gehen, ständig über seine Verhältnisse zu leben, also mehr auszugeben als einzunehmen? Jeder private Haushalt, jeder Unternehmer weiß, dass daraus absehbar die Pleite folgt. Für die USA und manche Staaten Europas aber scheint diese Grundregel nicht zu gelten.

Zwar gibt es Mahner genug, die bereits viele Jahre zu nachhaltigerem Wirtschaften aufforderten. Doch es war zu bequem, sich ständig aus neuen Töpfen freizügig zu bedienen. Auf Kosten der Zukunft, begrenzter Ressourcen und der Umwelt.

Amerika und Europa stehen jetzt nackt da

Die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise 2008 war ein kräftiger Warnschuss. Doch er wurde offensichtlich nicht ernst genommen. Stattdessen wurde noch mehr Geld für Konsum und Spekulation unkontrolliert verteilt. Und die Welt schaute zu beziehungsweise machte mit.

Doch wie bei Kaisers neuen Kleidern: Heute stehen die USA und manche Schuldner in Europa nackt da, keine Tasche gibt es mehr, aus der es sich bedienen lässt und viel Vertrauen ist verspielt. Vertrauen aber ist das Fundament moderner Geldwirtschaft und der Kapitalmärkte. Die jüngste Herabstufung des Ratings war längst überfällig.

Noch machen sich viele Anleger Hoffnung, dass sich die Kurse nach den heftigen Rückschlägen der letzten Tage wieder erholen. Ähnliche Korrekturen mit anschließenden neuen Höchstständen gab es ja in den vergangenen beiden Jahren schließlich mehrfach. Doch diesmal könnten die Probleme und der Vertrauensverlust zu groß sein.

Bei Panik nehmen Börsianer alle Märkte in Sippenhaft

Geraten Anleger in Angst und Panik, dann fliehen sie bekanntlich wie ein scheues Reh. Und sie differenzieren zunächst nicht rational, wer Verursacher war und wer am wenigsten betroffen sein wird. Im Gegenteil, in grotesker Weise ziehen sie häufig ihr Geld sogar dort verstärkt ab, wo die Welt eigentlich noch in Ordnung ist.

So fielen in der letzten Finanzkrise die Börsenkurse in Asien trotz stabiler Finanzsysteme und geringerer Schulden zunächst deutlich stärker als in den USA. Und auch heute müssen Hong Kong, Seoul oder Jakarta zusehen, wie westliche Probleme ihre Börsen in die Tiefe ziehen. Internationale Anleger nehmen sie in Sippenhaft, obwohl die wirtschaftlichen Perspektiven im größten Teil Asiens weiterhin sehr gut sind.

Asien zürnt und wird nach mehr Unabhängigkeit streben

Angesichts dieses Zusammenhangs schlägt das Unverständnis in Asien über das katastrophale Schuldenmanagement des Westens inzwischen in Zorn um, bei Regierungen wie auch bei den Menschen. Schließlich wurden hier 1997 in der Asienkrise drakonische Ratschläge des Westens mit Erfolg umgesetzt. Amerika und Europa dagegen wollen selbst von solcher Disziplin heute nichts wissen. Sie bedrohen damit, so das Verständnis in Asien, den Wohlstand der ganzen Welt.

Asien wird dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Die Krise 2008 wurde mit Bravour gemeistert. Das Selbstvertrauen ist gestiegen, den Westen schneller als gedacht wirtschaftlich zu überholen. Eine weitere Krise wird das Bestreben verstärken, wirtschaftlich größere Unabhängigkeit von den USA und Europa zu erlangen. Der riesige regionale Binnenmarkt mit 60 Prozent der Weltbevölkerung bietet das Potenzial dazu. Wie sagte dazu ein Vermögensverwalter-Kollege in Deutschland kürzlich: „Wer die Probleme im Westen und die Perspektiven in Asien sieht, sollte eigentlich seinen Kunden raten, sein ganzes Geld nach Asien zu schaffen.“

Zum Autor: Ekkehard Wiek ist Asien-Fonds-Manager und Geschäftsführer der W&M Wealth Managers (Asia) Pte. Ltd. in Singapur sowie Beirat der Asia4Europe Investment GmbH in Ettlingen und einer der Experten von www.vermoegensprofis.de.

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