Aktualisiert am 05.11.2021 - 12:55 UhrLesedauer: 5 Minuten

Walter Liebe im Interview „Anleger sind oft zu emotional“

Walter Liebe verantwortet den Vertrieb für Banken, Vermögensverwalter und Multi Family Offices von Pictet Asset Management in Deutschland.
Walter Liebe verantwortet den Vertrieb für Banken, Vermögensverwalter und Multi Family Offices von Pictet Asset Management in Deutschland. | Foto: Pictet

DAS INVESTMENT: Herr Liebe, wann sind Themenfonds entstanden?

Walter Liebe: Ende der 1990er-Jahre, also vor etwas mehr als 20 Jahren. Marktbeobachter haben damals erkannt, dass wichtige Investment-Themen in Börsenindizes unterrepräsentiert oder gar nicht erst vertreten waren, und wollten Anlegern Zugang dazu verschaffen. Im Prinzip wollten sie das reine Investieren nach Ländern und Sektoren überwinden. So entstanden die ersten Themenfonds, die allerdings nicht mit heutigen Angeboten vergleichbar sind. Ihre Qualität war in vielen Fällen mangelhaft.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Liebe: Während der Internetblase in den 2000er-Jahren gab es Firmen ohne echte Produkte und Dienstleistungen, die in Nischen agiert haben. Trotzdem waren ihre Aktien teuer. Viele Marktteilnehmer haben einfach gehofft, dass der Erfolg irgendwann kommt – und wurden bitter enttäuscht, als die Geschäftsmodelle verschwanden. Inzwischen legen Portfoliomanager in Unternehmen mit realem Angebot an und prüfen Geschäftsberichte und Marktchancen kritischer.

Wo liegt der Unterschied zwischen Sektoren und Themen?

Liebe: Das bringen auch Experten immer wieder durcheinander. Die Antwort ist aber ziemlich einfach: Themen gehen über Sektoren hinaus und sind jünger und wachstumsstärker. Außerdem sind sie internationaler Natur. Wenn ein Thema reif ist, wird es oft zum Sektor. Technologie war früher zum Beispiel ein Anlagethema und ist heute ein eigener Sektor.

Sind Themenfonds an den Märkten zurzeit beliebt?

Liebe: Ja, die Produkte liegen aktuell stark im Trend, das sehen wir deutlich an den Mittelzuflüssen. Sie kommen in Wellen an den Markt. Aktuell befinden wir uns in der dritten Welle. Die erste war vor der großen Internetblase um die Jahrtausendwende, die zweite vor der großen Finanzkrise im Jahr 2008. Der Run auf Themenfonds, wie wir ihn gerade sehen, ist also kein neues Phänomen. Wir beobachten ihn immer wieder in Spätphasen von Bullenmärkten. Wenn es an den Börsen läuft, steigen die Produkte in der Gunst der Anleger.

Unterscheidet etwas den aktuellen Ansturm von früheren?

Liebe: Der Umfang der Mittelzuflüsse. Im vergangenen Jahr haben Anleger doppelt so viel Geld in Themenfonds investiert wie im Vorjahr, zwischen 2019 und 2020 ist das Volumen international von ungefähr 300 auf 600 Milliarden US-Dollar gestiegen. Vor der Finanzkrise haben die Mittelzuflüsse nur rund 50 Milliarden Dollar betragen, vor der Jahrtausendwende rund 10 Milliarden. Das spiegelt sich auch in der Zahl verfügbarer Fonds. Derzeit sind weltweit zirka 1.350 Themenfonds am Markt, im vergangenen Jahr sind 237 neu dazugekommen.

Warum sind die Mittelzuflüsse so stark gestiegen?

Liebe: Insbesondere, weil immer mehr Privatpersonen in Aktien investieren und parallel die Qualität von Themenfonds steigt. Dadurch werden sie interessanter und ziehen mehr Geldgeber an. Außerdem beschäftigen sich Menschen allgemein mehr mit drängenden Problemen wie dem Klimawandel. Die Verschmutzung unseres Planeten ist inzwischen unübersehbar und schreitet immer schneller voran. In den 1980er-Jahren war Nachhaltigkeit noch nicht wirklich ein Thema in der Gesellschaft, Umweltprobleme wurden damals sogar noch weitgehend als nicht zu beeinflussendes Schicksal wahrgenommen.

Was macht die Strategien dieses Typs so anziehend für private Anleger?

Liebe: Die Anlagevehikel sind sehr eingängig und deshalb bei Privatanlegern beliebt. Da es sich meist um internationale Aktienfonds handelt, verlangen sie Geldgebern aber auch eine gewisse Risikobereitschaft ab. Die Risikobereitschaft ist tendenziell hoch, wenn Aktien bereits lange gut gelaufen sind und weitere Gewinne versprechen. Kommt es zu einer Börsenkorrektur wie Anfang der 2000er-Jahre, sinken die Mittelzuflüsse. Viele Anleger reagieren in solchen Phasen zu emotional und ziehen sich vom Markt zurück.

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