Der Krieg zwischen USA und Iran hat massive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Darunter haben besonders Anleihen zu leiden. Weshalb das so ist, erklärt Ulrich Kater.
Für den Kampf mit den neuen Inflationsgefahren ist die Europäische Zentralbank (EZB) in einer guten Ausgangsposition. Schließlich hatten sich vorher die exorbitant hohen Inflationsraten aus dem Jahr 2022 wieder in den Zielkorridor zurückgebildet. Anders als die US-Notenbank Fed hat die EZB ein viel geringeres Problem mit der Kerninflation, also dem Preisgeschehen außerhalb der stark schwankenden Rohstoffpreise. Die Glaubwürdigkeit der europäischen Geldpolitik ist sehr hoch.
Gerade deswegen ist derzeit Wachsamkeit angezeigt. Die Finanzmarktteilnehmer, insbesondere auf der Aktienseite, schauten zwar seit Beginn durch die ökonomischen Folgen des Irankriegs hindurch. Auf Dauer ist eine Sperrung des wichtigsten Seewegs für Rohöl nicht vorstellbar, so das Kalkül. Je länger die Blockade andauert, je knapper die anfangs sehr hohen Vorräte werden, umso höher ist der Verhandlungsdruck auf die Konfliktparteien, zeitnah eine Lösung zu finden.
Doch blickt man über die aktuelle Phase hinaus auf die kommenden zwei Jahre, dann sind die Erfolge der KI-Geschäftsmodelle und das weltwirtschaftliche Wachstum deutlich wichtiger für die Aktienkurse als temporär hohe Rohölpreise – so jedenfalls das Kalkül an den Aktienmärkten bislang.
Inflation: der größte Störfaktor bei Anleihezinsen
Ein anderes Bild zeigt sich an den internationalen Anleihemärkten. Hier sieht die Lage nicht so entspannt aus. Der große Störfaktor bei den Anleihezinsen heißt Inflation. Selbst wenn die Aktienmärkte mit ihren Szenarien einer lediglich vorübergehenden Beeinträchtigung der Weltwirtschaft am Ende recht behalten, ist durch die bisherigen Preissteigerungen bei Erdöl und anderen chemischen Grundstoffen die Inflationsbilanz der europäischen Volkswirtschaften für dieses Jahr bereits verhagelt.
In der Spitze werden in diesem Jahr für den Euroraum Inflationsraten von über 3 Prozent gemeldet werden. Im Jahresdurchschnitt nimmt sich das weniger aus, aber auch hier erreicht die Inflationsrate 2,9 Prozent. Sollten sich am Rohölmarkt auch nur ein Quartal lang noch höhere Preise einstellen, so stiege die Inflationsrechnung auf etwa 4 Prozent im Jahresdurchschnitt an.
Die Reaktion an den Anleihemärkten hängt davon ab, ob die Marktakteure diese Zahlen als vorübergehend interpretieren oder sie als Beginn eines dauerhaften Inflationsprozesses auffassen. Im letzteren Fall stiegen die langfristigen Inflationserwartungen an den Märkten deutlich an und mit ihnen gingen auch die Kapitalmarktzinsen weiter in die Höhe. Dies kann sich in einigen Finanzierungssegmenten empfindlich auf die Qualität der Kreditverhältnisse auswirken und würde daneben Kurskorrekturen an den Vermögensmärkten heraufbeschwören.
EZB hält sich weiteren Zinspfad vollkommen offen
Ob es so kommt, hängt auch von den Reaktionen der Tarifvertragsparteien in Europa ab. Die Konjunktur wird zwar ebenfalls negativ beeinträchtigt, aber ob dies ausreicht, den Lohnkostendruck gering zu halten, steht noch aus.
Die EZB wird in dieser Situation die Gefahr von übermäßigen Weitergaben höherer Energiekosten in eigenen Preisen und Löhnen so gering wie möglich halten wollen. Konnte man bislang noch darauf hinweisen, dass ja die Phase erhöhter Rohölpreise wahrscheinlich nur kurz sein würde, ist dieses Argument bereits jetzt hinfällig. Daher ist ein frühzeitiges Gegensteuerung der Geldpolitik aus Sicht der EZB nun die bessere Alternative als möglicherweise eine brachiale Kurskorrektur in der Zukunft.
Die EZB hält sich – anders als früher – den weiteren Zinspfad nach einer ersten Leitzinserhöhung vollkommen offen. Zwei Zinserhöhungen dürften es aber mindestens werden, um den Wirtschaftsteilnehmern zu signalisieren, dass eine übermäßige Überwälzung schwierig sein wird. Schon dieses Signal hat mäßigende Auswirkungen auf das Preis- und Lohnsetzungsverhalten in der Wirtschaft.