LinkedIn DAS INVESTMENT
Suche
in MegatrendsLesedauer: 8 Minuten
ANZEIGE

Investitionen in Anleihen mit kurzer Laufzeit Der kürzere Weg zu besseren Anleiherenditen

Wie in Austin, Texas, sorgt bislang vielerorts noch die Verbrennung fossiler Energieträger für die Energieversorgung
Wie in Austin, Texas, sorgt bislang vielerorts noch die Verbrennung fossiler Energieträger für die Energieversorgung: Langfristige strukturelle Faktoren deuten darauf hin, dass Investoren auch zukünftig von positiven Realzinsen profitieren können. | Foto: Imago Images / agefotostock
Mickael Benhaim

Anleihen stehen mit die größten Verluste seit Jahrzehnten bevor, daher kann man es den Investoren nicht verdenken, dass sie dem Anleihemarkt misstrauen. Damit laufen sie aber auch Gefahr, einige der attraktivsten risikobereinigten Renditen zu verpassen. Denn genau das bieten kurzlaufende Anleihen gerade.

Im Zentrum der jüngsten Turbulenzen am Anleihemarkt steht die Unsicherheit darüber, welchen geldpolitischen Kurs die großen Notenbanken der Welt, insbesondere die Federal Reserve, in den kommenden Monaten einschlagen werden. Die Währungshüter stehen vor dem Dilemma, dass sie einerseits eine Rezession abwenden und andererseits die Inflation wieder auf das Zielniveau bringen müssen.

Die Unsicherheit wird am langen Ende der Zinskurve – bei Anleihen mit den längsten Laufzeiten – eingepreist. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe, die zu Jahresbeginn bei rund 3,5 Prozent lag, hat vor kurzem die Marke von 5 Prozent durchbrochen.

Am kürzeren Ende der Anleihekurve sind die Bedingungen deutlich weniger problematisch. Hier finden Investoren einige der höchsten Renditen seit mehr als zehn Jahren – genug, um selbst bei einer weiteren Straffung der Geldpolitik einen Rückgang der Gesamtrenditen abzufedern. Die Renditen von Anleihen mit Laufzeiten zwischen einem und drei Jahren sind im Vergleich zu den verfügbaren Renditen entlang der anhaltend flachen Renditekurve (einschließlich der Geldmärkte) attraktiv. Im Gegensatz zu langlaufenden Anleihen bieten sie einen gewissen Schutz vor weiteren Zinserhöhungen (vgl. Grafiken 3 und 4), falls die Inflation nicht sinken sollte.

Das große Orakel der Zentralbanken

Bis ungefähr Anfang des Jahres waren die Anleihemärkte davon überzeugt, dass die drastischen Zinsanhebungen der Zentralbanken im Laufe des Jahres 2022 nicht nur die Inflation wieder auf das Zielniveau bringen, sondern auch eine Rezession auslösen würden. Infolgedessen preisten Anleihen eine kurzzeitige Zinsspitze, gefolgt von starken Zinssenkungen (vor allem in den USA) ein.

 

Aber da sich die Inflation als hartnäckiger erweist als erwartet und die Volkswirtschaften überraschend robust sind, lösen sich diese vermeintlichen Gewissheiten in Luft auf. Der Markt ist zum Beispiel nicht mehr der Meinung, dass die Fed ihre Geldpolitik stark genug gestrafft hat, um die Inflation in einem angemessenen Zeitraum wieder auf das 2-Prozent-Ziel zu bringen.

Grafik 1: Bittere Pille

Impliziter Pfad der künftigen Fed Funds Rate zum 31.12.2022 und 01.11.2023 (in %)

Quelle: Pictet Asset Management, Bloomberg. Daten vom 01.11.2023

Weil die Inflation sich so hartnäckig hält, liegt es nahe, dass die Fed die Leitzinsen nicht so bald beziehungsweise nicht so schnell senken wird wie von den Märkten erhofft. Es wird nun davon ausgegangen, dass die Fed Funds Rate für einen längeren Zeitraum auf dem derzeitigen Niveau von 5,25 bis 5,5 Prozent – wenn nicht sogar höher – verharren wird. Dies hat zu einem starken Ausverkauf am längeren Ende des Anleihemarktes geführt (vgl. Grafik 1).

Aber selbst wenn die Zinssätze anfangen zu sinken, werden sie nicht zu dem Niveau in den zehn Jahren nach der globalen Finanzkrise zurückkehren. Warum es so kommen könnte, erklärt sich, wenn man sich die Einflussfaktoren für die Anleiherenditen anschaut.

Das Gleichgewicht finden

Die Wirtschaftstheorie besagt, dass der reale neutrale Zinssatz dort liegt, wo ein Gleichgewicht zwischen Sparen und Investieren herrscht. In den vergangenen zehn Jahren lag dieser neutrale Zinssatz nahe null, was zum Teil auf die hohe Sparaktivität in den asiatischen Volkswirtschaften, die zunehmende Zahl der Menschen, die sich eine Altersvorsorge aufbauen, und das verhaltene Investitionsgeschehen zurückzuführen war.

Aber diese Dynamik ändert sich gerade in einer Weise, die die Zinsen auf einem höheren Niveau halten könnte als die Investoren es gewohnt sind. Zum einen wird es wahrscheinlich einen enormen Investitionsbedarf geben, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Energiewende und der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Da nicht davon auszugehen ist, dass die Sparquote in ähnlichem Tempo wächst, dürfte sich der neutrale Zinssatz gegenüber seinem Tiefpunkt der vergangenen zehn Jahre nach oben bewegen (vgl. Grafik 2).

Für die USA reichen die Schätzungen für den neutralen Zinssatz von 0,5 bis etwa 2,5 Prozent – wir halten letzteren für realistisch. Berücksichtigt man die Inflationserwartungen und die Laufzeitprämie, deutet dies auf eine Mindest-Nominalrendite für länger laufende US-Staatsanleihen von rund 4,5 Prozent hin – 2 Prozent für die Zielinflation und 2 Prozent für den neutralen Zinssatz zuzüglich einer leicht positiven Laufzeitprämie.

Grafik 2: Renditen aufgeschlüsselt

Zusammensetzung der Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen, aufgeschlüsselt in Realzinssatz und Inflations-Breakeven (in %)

Quelle: Pictet Asset Management, Bloomberg. Daten vom 01.11.2023