Im Jahr 2022 haben sich die Volkswirtschaften Kanadas und der USA unterschiedlich entwickelt. Kanadas Wirtschaft verzeichnete ein stärkeres BIP-Wachstum, weil die pandemiebedingten Beschränkungen schneller gelockert wurden und der Energiesektor einen kräftigen Aufschwung erlebte. Die US-Volkswirtschaft wird hingegen von der Straffung der Geldpolitik belastet. Die Bank of Canada (BOC) nutzte die starke Wachstumsdynamik, um ihren Zinserhöhungszyklus zu Beginn dieses Jahres zu beschleunigen.

Mit dem Anstieg der Zinssätze werden auch die strukturellen Unterschiede zwischen der kanadischen und der US-Wirtschaft immer deutlicher. Die Immobilienpreise in Kanada fallen schneller und die Arbeitslosigkeit nimmt schneller zu als im Nachbarland. Auch die Inflation scheint in Kanada etwas weniger hartnäckig zu sein als in anderen entwickelten Volkswirtschaften.

Angesichts dieser Unterschiede und der höheren Zinsempfindlichkeit der kanadischen Wirtschaft sind wir der Ansicht, dass die Leitzinsen in Kanada nach Abschluss des Straffungszyklus wahrscheinlich etwas niedriger als beim Nachbarn sein werden.

Die Renditen hochwertiger kanadischer Anleihen scheinen zugleich attraktive Chancen zu bieten; das gilt selbst in einem wahrscheinlich schwierigen und volatilen kurzfristigen makroökonomischen Umfeld.

Konjunkturelle Divergenz

Die kanadische Wirtschaft erlebte einen glänzenden Start in das Jahr 2022 und verzeichnete ein reales BIP-Wachstum von 1,6 Prozent, während die US-Wirtschaft um 0,6 Prozent schrumpfte. Zusammen mit einem stetigen Beschäftigungswachstum, einer deutlich über dem Zielwert liegenden Inflation und höheren Energiepreisen ermöglichte diese Wachstumsdynamik in der ersten Jahreshälfte der BOC, ihren Zinserhöhungszyklus auf den Weg zu bringen. Im Juli sorgte die BOC für eine Überraschung: Sie war die erste große Zentralbank in den entwickelten Volkswirtschaften in diesem Zyklus, die die Zinsen um 100 Basispunkte erhöht hat. Im September erhöhte die BOC den Leitzins um 75 Basispunkte auf 3,25 Prozent und liegt damit gleichauf mit der US-Notenbank, deren Zinsspanne von 3,0 bis 3,25 Prozent reicht.

Mit Blick auf die Zukunft scheint sich die Dynamik der kanadischen Wirtschaft indes zu verlangsamen, da der Leitzins der BOC bereits über dem Endwert des letzten Erhöhungszyklus liegt und die Wirtschaftsdynamik nachlässt. Die Entwicklung des Arbeitsmarkts ist im Sommer ins Stocken geraten, und der Verbraucherpreisindex (CPI) lag in den vergangenen Monaten unter den Konsenserwartungen.

 

Im Großen und Ganzen sieht das Inflationsbild in Kanada im Vergleich zu anderen großen Volkswirtschaften weniger besorgniserregend aus. Während die Teuerung in Kanada ebenso wie in anderen entwickelten Märkten über das BOC-Ziel hinausgeschossen ist, hat sich die Kerninflation in Kanada in den vergangenen Monaten etwas stärker stabilisiert. Auch der zugrunde liegende Inflationsdruck erscheint nicht beunruhigend. Die Löhne sind in Kanada angesichts der höheren Erwerbsbeteiligung und der Zuwanderung weniger stark gestiegen als in den USA. Die längerfristigen Inflationserwartungen liegen auf einem Niveau, das immer noch weitgehend mit der Spanne vor der Pandemie übereinstimmt – im Gegensatz zu den USA und der Eurozone, wo sich die Inflationserwartungen aus der Verankerung lösen. Da in Kanada sowohl die Zinssätze als auch die Immobilienpreise direkt in den Inflationskorb einfließen, hat die BOC einen direkteren Einfluss auf die Inflationsaussichten als andere Zentralbanken. Folglich macht die Mietinflation – die tendenziell ansteigt, wenn der Immobilienkauf im Laufe eines Konjunkturzyklus weniger erschwinglich wird – nur 6,6 Prozent des kanadischen VPI-Warenkorbs aus, gegenüber stolzen 32 Prozent in den USA.

Obwohl es viele Unwägbarkeiten gibt, sind wir der Ansicht, dass die Unterschiede zwischen der kanadischen und der US-amerikanischen Wirtschaft darauf hindeuten, dass die BOC in diesem Zinserhöhungszyklus wahrscheinlich einen niedrigeren Endsatz als die Fed erreichen wird. Vor diesem Hintergrund könnte sich der Kanadische Dollar gegenüber dem US-Dollar abschwächen.

Strukturelle Unterschiede werden deutlicher

Die jüngste Belebung der kanadischen Wirtschaft und unsere Erwartung eines niedrigeren BOC-Leitzinses werden durch strukturelle Unterschiede zwischen der kanadischen und der US-amerikanischen Wirtschaft unterstrichen. Nirgendwo wird dies deutlicher als auf dem Wohnungsmarkt, auf den die steigenden Zinsen einen großen Einfluss haben.

Das Verhältnis von Schulden zum Einkommen ist bei kanadischen Verbrauchern fast doppelt so hoch wie bei US-Verbrauchern. Zugleich sind die Zinslaufzeiten für die meisten kanadischen Hypotheken viel kürzer, in der Regel nur fünf Jahre gegenüber stattlichen 30 Jahren in den USA. Infolgedessen sind die Preise für Eigenheime in Kanada viel schneller gesunken als in den USA. Landesweit sind die Preise für Eigenheime in Kanada (bis September) um etwa 9 Prozent von ihren früheren Höchstständen zurückgegangen, während die Preise in den USA nur um etwa 3 Prozent nachgegeben haben (basierend auf PIMCO-Schätzungen bis Ende August).

Wir gehen davon aus, dass die Struktur des kanadischen Hypothekenmarktes und der schnell wachsende Druck auf die verfügbaren Einkommen – den die kanadischen Haushalte wahrscheinlich noch stärker spüren werden, sobald die Hypotheken mit kurzer Laufzeit umgeschuldet werden müssen – darauf hindeuten, dass die BOC die Zinssätze wahrscheinlich etwas früher senken wird als andere große Zentralbanken wie die US-Notenbank.

Auswirkungen auf Investitionen

Wie wir im jüngsten zyklischen PIMCO-Ausblick gezeigt haben, sind unserer Meinung nach viele der Merkmale, die Anleihen attraktiv machen, darunter hohe Renditen über alle Laufzeiten hinweg, jetzt wieder gültig. Anleihen bieten Anlegern wieder höhere Erträge, derweil sich die Absicherungseigenschaften verbessern. Unserer Ansicht nach könnten Anleihen und Aktien in einem Wirtschaftsabschwung wieder negativ korreliert sein.

In Kanada deutet die Rendite des Bloomberg Canada Aggregate Total Return Bond Index von 4,2 Prozent (Stand: 7. Oktober 2022) darauf hin: Die Renditen hochwertiger festverzinslicher Wertpapiere erreichen attraktive Niveaus, die seit der Zeit vor der globalen Finanzkrise nicht mehr gesehen wurden.

Anleihen von hoher Qualität bieten in einem schwierigen makroökonomischen Umfeld gute Chancen. Wir bei PIMCO sind der Meinung, dass entsprechende kanadische Anleihen jetzt einen Platz im Portfolio haben sollten.