Daniel Morris: Beim Blick auf die Entwicklung des Anleihenmarktes in den vergangenen Jahrzehnten fällt auf: Das Umfeld war lange Zeit vergleichsweise unkompliziert. Die Zinsen sind strukturell gesunken, dann brachte die globale Finanzkrise eine Phase der negativen Zinssätze. Heute befinden wir uns in einer völlig neuen Welt mit erhöhter Volatilität und Unsicherheit über die Zukunft. Wie kann ein Portfoliomanager in diesem Umfeld Absolute-Return-Strategien nutzen, die unabhängig von der allgemeinen Marktentwicklung positive Erträge im Anleihenmarkt erzielen sollen?
James McAlevey: Wir investieren in Märkte, die attraktiv sind, gute Ertrags- und Einkommensmerkmale aufweisen und in der Regel eine kürzere Duration als breitere Anleihenprodukte haben – und damit eine geringere Marktsensitivität. Hier gibt es immer Möglichkeiten, um Renditen auf dem Niveau des Geldmarktzinses plus 2,5 Prozent zu erzielen. Der langfristige Schub durch überhöhte Risikoprämien gehört zwar weitgehend der Vergangenheit an, aber Absolute-Return-Fonds im Anleihenbereich können von Volatilität profitieren.
Morris: Inwiefern?
James McAlevey: Mit Volatilität entstehen Chancen. Wir können Long-Short-Strategien einsetzen, auch bekannt als Relative-Value-Investing. Ein Vorteil höherer Volatilität ist die größere Streuung. Diese Dispersion bietet ausgezeichnete Gelegenheiten, beispielsweise durch den Kauf eines Marktes A gegenüber Markt B oder durch den Erwerb von Anleihen am kurzen Ende der Zinskurve gegenüber dem langen Ende. Uns bieten sich hochinteressante Möglichkeiten zur Renditesteigerung – ein zentraler Bestandteil von Absolute-Return-Strategien.
Morris: Warum sollten Anleger sich für Absolute-Return-Strategien interessieren? Wie unterscheiden sie sich von traditionellen Anleihenportfolios?
McAlevey: Der Hauptunterschied liegt darin, dass solche Produkte das Kapital in turbulenten Zeiten besser schützen als klassische Long-Only-Produkte. Sie bieten zudem eine verbesserte Diversifikation. Beide Aspekte sind entscheidende Vorteile gegenüber traditionellen Anleihekategorien. Erinnern wir uns an 2022: Die Anleihenmärkte waren extrem volatil, und die Renditen fielen miserabel aus. Keine einzige Anleiheklasse konnte in diesem Jahr Überschussrenditen über den Geldmarktsatz hinaus erzielen.
Morris: Wie haben sich konkret Absolute-Return-Fonds in der Zeit geschlagen?
James McAlevey: Trotz alledem warfen viele Absolute-Return-Fonds positive Renditen über dem Geldmarktsatz ab. Sie sind in der Regel unabhängig vom Marktumfeld und können in jeder Phase Erträge liefern. Und auch die verbesserte Diversifikation ist ein entscheidender Punkt: Aufgrund der Managementansätze solcher Produkte ist ihre Korrelation zum breiteren Anleihenuniversum meist relativ gering. Als Portfoliomanager wissen wir, dass die Aufnahme wenig korrelierter Anlagen in ein Portfolio das risikoadjustierte Renditeprofil verbessert.
Morris: Seit Anfang November 2024 hat sich die Perspektive verändert – die Anleihenmärkte spiegeln das wider. Wo sehen Sie derzeit wenig Potenzial?
McAlevey: Von Unternehmensanleihen halten wir uns aktuell fern, da die Spreads relativ eng sind und wir Risiken am Horizont sehen. In dieser Anlageklasse werden Investoren derzeit nicht ausreichend für die eingegangenen Risiken entschädigt.
Morris: Wo greifen Sie zu, wo sehen Sie attraktive Alternativen?
McAlevey: Wir bevorzugen lokale Schwellenländeranleihen aus mehreren Gründen. Zum einen sind die Renditen dort oft höher als der Geldmarktsatz, sodass Investoren eine Mehrrendite erzielen können. Zum anderen sind die Renditekurven positiv geneigt – ein attraktives Merkmal für Anleihenanleger. Außerdem können viele Schwellenländer-Zentralbanken die Zinsen in diesem Jahr womöglich aggressiv senken. Sie haben das Inflationsproblem nach der Pandemie schneller in den Griff bekommen als die Zentralbanken der Industrieländer, weil sie früher mit Zinserhöhungen beginnen konnten. Das sind zwei starke Argumente für eine positive Entwicklung der Schwellenländermärkte. Außerdem hat Trumps Wirtschaftspolitik heute weniger Einfluss auf diese Anlageklasse als während seiner ersten Amtszeit. Die bestehenden Risiken sind bereits weitgehend eingepreist.
Morris: Welche weitere Anlagechance sehen Sie für Anleger, die nicht in Schwellenländeranleihen investieren möchten?
McAlevey: Eine weitere attraktive Anlageklasse sind US-Hypothekenanleihen, insbesondere aktuelle Coupon-Pass-Throughs wie Fannie Mae, Freddie Mac und Ginnie Mae Bonds. Diese Anleihen bieten eine höhere Rendite als Unternehmensanleihen, haben aber gleichzeitig eine bessere Kreditqualität, da sie implizit oder explizit von der US-Regierung gestützt werden. Im aktuellen Marktumfeld ist es eine kluge Strategie, die Kreditqualität zu verbessern und dabei eine Mehrrendite zu erzielen.
Morris: Wahrscheinlich dürfte im aktuellen Marktumfeld die Volatilität hoch bleiben, oder?
McAlevey: Mehr Volatilität macht den Markt interessanter. Ich sehe das aktuelle Anleihenmarktumfeld als äußerst vielversprechend, weil es viele Relative-Value- oder marktneutrale Strategien ermöglicht. Volatilität bringt Streuung und Streuung eröffnet Chancen – insbesondere für Fonds, die Long-Short-Strategien einsetzen. Das nutzen wir derzeit intensiv.
Morris: Zusammengefasst: Absolute-Return-Strategien erweisen sich besonders in einem volatilen Marktumfeld als wertvoll. Besonders attraktive Anlagemöglichkeiten finden sich aktuell bei lokalen Schwellenländeranleihen und US-Hypothekenanleihen. Letztere profitieren von einer impliziten Staatsgarantie – vorausgesetzt, das Vertrauen in die Finanzstabilität der USA bleibt bestehen. Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Zu den Personen:
Daniel Morris ist Chief Market Strategist und Co-Leiter des Investment Insights Centre bei BNP Paribas Asset Management. Bevor er 2015 zu BNP Paribas Asset Management kam, sammelte Morris umfassende Erfahrungen bei Bank of America Securities, Lombard Street Research, JP Morgan Asset Management und Nuveen. Er besitzt einen Bachelor-Abschluss in Mathematik vom Pomona College, einen MBA von der Wharton School und einen Master in Internationalen Beziehungen von der Johns Hopkins School of Advanced International Studies. Zudem ist er CFA-Charterholder.
James McAlevey ist seit November 2021 bei BNP Paribas Asset Management tätig und leitet als Head of Global Aggregate and Absolute Return das Team für globale Anleihen und Absolute-Return-Strategien. Er ist in London ansässig. Vor seinem Eintritt bei BNP Paribas Asset Management war McAlevey Head of Rates bei Aviva Investors. Zuvor hatte er eine vergleichbare Position bei Janus Henderson inne.
